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Ein Hoch auf die Reisefreiheit : Als aus einem ehemaligen DDR-Bürger ein Europäer wurde

  • -Aktualisiert am

Von Grenzen die Nase voll: Autor Stutte, irgendwo auf Reisen, 1986. Bild: privat

Früher war Europa für den Autor Harald Stutte nur ein geographischer Begriff ohne Seele. 1985 brach er zu einer langen Entdeckungsreise auf. Der Kontinent wurde zu seiner Heimat – und die Reise geht immer weiter.

          6 Min.

          Es war ein warmer Tag Ende September 1985. Obwohl kalendarisch bereits Herbst, war es für mich der erste Sommertag meines neuen Lebens. Ich war 20 Jahre alt, drei Tage zuvor war ich nach fast 14 Monaten in Staatssicherheitshaft und DDR-Strafvollzug in die Bundesrepublik abgeschoben worden. „Freigekauft“, wie man das damals nannte, auf geheimen Absprachen zwischen den beiden deutschen Staaten basierend. Für die DDR war es ein lukrativer Menschenhandel, denn die Bundesrepublik bezahlte mit Waren – Schokolade, Orangen, Kaffee – für politische Häftlinge, die in ostdeutschen Gefängnissen saßen. Über die Zwischenstation Gießen hatte es mich in ein „Übergangswohnheim“ im badischen Pforzheim verschlagen.

          Meine Freunde, „Koma“ und Migge, mit beiden hatte ich im Sommer des Vorjahres in Leipzig das Abitur gemacht, besuchten mich dort. Wir drei hatten auf verschiedenen Wegen versucht, die Mauer zu überwinden, weil wir die DDR stets als ein gigantisches Gefängnis empfunden hatten: Koma war die Flucht aus der DDR über Ungarn geglückt – anders als mir, der ich nach Bulgarien weitergereist und dort in einem kleinen Fischerdorf an der türkischen Grenze von Grenzern gestoppt worden war; nach einem Monat in bulgarischen Gefängnissen war ich der Staatssicherheit übergeben und in die DDR zurückgebracht worden. Unser Freund Migge derweil hatte nach jahrelangem Warten mit seinen Eltern offiziell ausreisen dürfen, in den Schwarzwald. Wir feierten also an jenem warmen Septembertag 1985 unsere ganz private Wiedervereinigung; von der ganz großen weltgeschichtlichen war noch nichts zu ahnen.

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