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Wider den tierischen Ernst : Der Platzhirsch in der Bütt

Der Narr grüßt mit vollem Haar: FDP-Chef Christian Lindner im Käfig. Bild: dpa

Als Ritter wider den tierischen Ernst witzelt das einstige „Bambi“ Christian Lindner nicht nur über die haarige Situation der FDP.

          3 Min.

          Beide müssen sie hart um Aufmerksamkeit kämpfen: der Karneval in Aachen und die FDP unter ihrem neuen Vorsitzenden Christian Lindner. Dabei waren die Probleme, vor denen die FDP in den vergangenen Jahren stand, denen der Jecken aus der Karlsstadt gar nicht so unähnlich: müde Ritter, matte Pointen, Schleichwerbe-Vorwürfe. Für die FDP stand am Schluss der Rausschmiss aus dem Bundestag. Für den Karnevalsverein in Aachen war die Folge, dass die ARD die Sitzung nur noch zeitversetzt übertrug, damit Unpassendes für die Fernsehversion herausgeschnitten werden konnte (Ausstrahlung an diesem Montag um 21.15 Uhr im Ersten).

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Was liegt in so misslicher Lage näher, als dass sich beide, der Aachener Karneval und der FDP-Vorsitzende, zusammentun? Eine naheliegende Lösung, zumal der Vorsitzende des Karnevalvereins selbst ein FDP-Kommunalpolitiker ist. Doch gemach - die Verleihung des traditionsreichen „Ordens wider den tierischen Ernst“ sollte nicht an politischen, sondern ausschließlich nach närrischen Gesichtspunkten bewertet werden. Und angeheiterte Beobachter urteilen am Samstagabend, wenn man die Angelegenheit aus dem Blickwinkel des Jecken betrachte, habe sich Lindner bei seiner Aufnahme in die einst illustre Aachener Ordensritterschaft wacker geschlagen.

          Als Philosoph weiß Lindner, dass der Humor nicht im Lager der Sieger, sondern im Lager der Verlierer besonders prächtig gedeiht. Der Humor ist in Zeiten wie diesen ein Verbündeter der FDP, deren Wiedergeburt nur aus dem Geist der Selbstironie möglich scheint. „Vier Jahre Apo für die Liberalen / den Preis müssen wir bezahlen“, lautet entsprechend das Leitmotiv von Lindners Rede, in der er sich auf zwei Problemgebiete konzentriert: seine Partei und seine Kopfbehaarung.

          Christian Lindner und seine Frau Dagmar Rosenfeld bei der Verleihung in Aachen
          Christian Lindner und seine Frau Dagmar Rosenfeld bei der Verleihung in Aachen : Bild: dpa

          Zuvor hatte schon Vorjahrespreisträger Cem Özdemir in seiner Laudatio auf Lindner erkannt, dass frühzeitiger Haarausfall nicht nur ein persönliches Problem Lindners, sondern auch das stärkste Verbindungsglied zwischen dem Parteivorsitzenden der Grünen und dem Parteivorsitzenden der FPD ist. Nur unterschieden sich, so Ordensritter Özdemir, beide im Umgang damit: Wo der Grüne immer noch vage auf die Kräfte der Natur („irgendeine Flüssigkeit im Amazonas“) hofft, hat der Mann von der FDP sofort die Möglichkeiten moderner Technik in Anspruch genommen.

          Der 35 Jahre alte Lindner, für den Jürgen Möllemann einst den Beinamen „Bambi“ ersonnen hat, rechtfertigt diese Maßnahme unter Hinweis auf seine Jugend: „Als Rehkitz muss ich den Platzhirsch geben / und der braucht ein Geweih zum Überleben / Mein Kopf aber war kahl, vor allem in den Ecken / Also musste ich das Haupt neu bedecken / Um liberales Wachstum zu generieren / Ließ ich mir erst mal Haare transplantieren.“ Das Aachener Publikum stimmte gerne ein: „Das Bambi hat die Haare schön.“ Bleibt für Lindner das Problem FDP. „Okay, wir wollten ein Steuermodell in drei Stufen / und wurden am Ende Gurkentruppe gerufen“, erklärt er das Scheitern an der Fünf-Prozent-Hürde - allerdings nicht ohne das Publikum in närrischem Ernst mit auf die Seite der Verlierer zu ziehen: „Vier Jahr Apo für die Liberalen, den Preis müssen nicht nur wir bezahlen / Seit die FDP geschasst / wird Euer Geld verprasst.“ Wenn die Verleihung des Ordens wider den tierischen Ernst erst an diesem Montag übertragen wird, sind dafür in diesem Jahr vor allem die olympischen Winterspiele in Sotschi der Grund und nur nebenbei die Erwähnung von in Aachen ansässigen Marmeladen- und Printenherstellern. An dieser Stelle sei dazu aufgerufen, für die Fernsehfassung lieber die ein oder andere Zote der eingekauften Comedians herauszuschneiden als den Auftritt des EU-Energiekomissars Günther Oettinger. Dessen komisches Potential wird immer noch notorisch unterschätzt, und vermutlich zuallererst von ihm selbst.

          Der frühere Ministerpräsident von Baden-Württemberg präsentiert dem Publikum in Aachen eine wilde, surreale Collage: Aus weithin unverständlichem Grundnuscheln ragen von Zeit zu Zeit sowohl Versatzstücke eines offenbar ernst gemeinten Grußworts heraus („Respekt vor der Geschichte der Stadt“, Aachen als „wahre Hauptstadt Europas“) sowie jäh im Saal scheiternde Pointen („FDP: fast drei Prozent“). Der avantgardistische Charakter des Auftritts Oettingers wird vom Publikum leider verkannt, obwohl schon Oettingers Ausruf zu Beginn („Aachen ahoi!“) einen klaren Hinweis darauf gibt, dass die gängigen Maßstäbe für das Närrische im Folgenden ins Leere greifen würden.

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