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Erfahrungsbericht : Mein Leben ohne Whatsapp

Ein Leben ohne Whatsapp – möglich, aber sinnlos? Bild: epd

Neuigkeiten, Katzen-Gifs und schlechte Witze: Ganz Deutschland kommuniziert pausenlos über Whatsapp. Nur mein Smartphone-Bildschirm bleibt dunkel. Wie die Entscheidung gegen den Messenger mein Leben verändert hat.

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          Ich warte darauf, dass es vorbeigeht. Irgendwann wird Whatsapp auf dem Schrottplatz der Technologie-Geschichte landen und dann bin ich vorbereitet. Ich habe eine SMS-Flatrate, ich habe Accounts bei Threema, Signal, Telegram, Hoccer und Wire. Und ich bin bereit, jeden anderen Messenger zu installieren, der nicht Whatsapp ist. Das Dumme ist nur, so schnell wird dieser Moment nicht kommen – der Kurznachrichtendienst ist quicklebendig.

          Anna-Lena Ripperger

          Redakteurin in der Politik.

          Ende Juli teilte Whatsapp mit, dass täglich eine Milliarde Menschen weltweit den Messenger nutzen. Vor einem Jahr erreichte das Unternehmen diese Zahl zwar auch schon – allerdings pro Monat. Jetzt verschicken die Nutzer Whatsapp zufolge 55 Milliarden Nachrichten pro Tag, posten eine Milliarde Videos und teilen 4,5 Milliarden Fotos.

          Fotos, die zum Beispiel die Kinder meiner Freunde keine zwei Minuten nach der Geburt zeigen. Videos von Junggesellinnenabschieden, Festivalbesuchen und Goldenen Hochzeiten. Oder Schnappschüsse von Hundewelpen und Koch-Erfolgen. Bilder, die ich wahrscheinlich nie zu Gesicht bekommen werde. Denn im Gegensatz zu meinen Freunden, Kollegen und Ü-60-Verwandten habe ich kein Whatsapp.

          Für mein Umfeld bin ich seit Jahren der abschreckende Beweis dafür, dass ein Leben ohne den Dienst zwar möglich, aber sinnlos ist. Ich bekomme als letzte mit, wer bald heiratet, zum Game-Of-Thrones-Gucken einlädt oder ein Thermomix-Kochbuch zu verschenken hat – wenn sich überhaupt jemand erbarmt und mir diese Infos in eine SMS „übersetzt“.

          Schnelle, unkomplizierte Terminabsprachen in großen Gruppen? Sind mit mir nicht möglich, heißt es von Freunden und Kollegen. Ein Familienchat, um die räumliche Distanz zu überbrücken? Scheitert an meiner Starrköpfigkeit, behaupten meine Schwestern.

          Eine Entscheidung gegen Whatsapp ist auch eine Entscheidung gegen Cat-Content.

          Ja, ein Leben ohne Whatsapp macht einsam. Während die Welt um mich herum im Minutentakt Neuigkeiten austauscht, Emotionen teilt und schlechte Witze macht, bleibt mein Smartphone-Bildschirm dunkel. Ich versuche mich damit zu trösten, dass mir so auch viel Quatsch erspart bleibt. Aber das funktioniert ungefähr so gut, wie damals auf dem Schulhof, als ich allein in einer Ecke stand und mir einredete, dass die Coolen der Klasse in Wirklichkeit Idioten sind.

          Selbst die Raiffeisenbank Hunsrück-Mosel nutzt Whatsapp

          Am schlimmsten ist es aber, wenn ich neue Leute kennenlerne. Irgendwann kommt es immer, wirklich immer, zu diesem kleinen Dialog: „Dann schreibe ich Dir einfach eine Whatsapp und wir machen was aus.“ – „Ich habe kein Whatsapp.“ – „Oh! (Stille, garniert mit einem ungläubigen, entsetzten, verächtlichen oder mitleidigen Blick.) Ja gut, irgendwie finden wir uns schon. Vielleicht auf Facebook?“

          Kontakthalten über SMS, E-Mails oder schnöde Telefonanrufe? Für die Anhänger der Whatsapp-Community ist das keine Option mehr. Sie bekommen ja sogar schon von der Raiffeisenbank Hunsrück-Mosel Investitionstipps über einen „Whatsapp-Informationsdienst“.

          Scheinbar hat sich die ganze Bundesrepublik entschieden, über diesen unsicheren, schlecht gemachten Messenger zu kommunizieren. Wenn jemand tatsächlich mal wissen will, warum ich dabei nicht mitmache, kommt es zum Vegetarier-Effekt: So wie Fleischverweigerer von ihren Mitmenschen dazu genötigt werden, in Diskussionen für Tierrechte Partei zu ergreifen, muss ich in solchen Momenten die Rolle des Datenschutz-Missionars übernehmen. Dabei habe ich mich eher aus einer Laune heraus gegen Whatsapp entschieden und nicht, weil ich zur internationalen Privacy-Avantgarde gehöre.

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