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Jubiläumsshow „Wetten, dass..?“ : Der heilige Moment deutscher Skurrilität

Thomas Gottschalk freut sich nach dem Ende der Jubiläumsshow „Wetten, dass..?“ mit Karina Mross. Bild: dpa

Mehr als ein Jahrzehnt hat Thomas Gottschalk die Wett-Show nicht moderiert. Schnell findet er den Rhythmus, weil er ein Gespür dafür hat, was ihre Qualitäten sind. Elstner und Lindenberg fordern ihn zum Weitermachen auf.

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          Nein, das geht gar nicht, sagte der Mittlere am Tag davor. Den liebgewonnenen Filmabend, der die Pandemie etwas erträglicher machte, gegen diese Show eintauschen? Einmal hatte er die Sendung sogar auf Youtube gesehen, eine 40 Jahre alte Folge, die Menschen, die dort auftraten, längst tot. Doch dann, Samstagabend 20.15 Uhr, frisch geduscht, sitzt er doch mit vor der Glotze.

          Philipp Krohn
          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Mit sehr viel Vorschusslorbeer geht es los. Das Nürnberger Publikum startet mit Standing Ovation schon, als Thomas Gottschalk die „Wetten, dass..?“-Bühne betritt. Ein Mann im zweiten Jahr des achten Lebensjahrzehnts. Doch den Schalk wird er nie mehr verlieren. Genauso wie den Enthusiasmus, wenn er mit seinem alten Freund Fritz Egner im Radio Platten auflegen darf.

          Nicht mehr so schwungvoll wie früher schreitet er von der Treppe, das Ludwig-II.-Outfit aber ist eine Reminiszenz an sich selbst. Genauso wie die Gottschalk-Perückten im Publikum, die ihm einem Fanklub gleich zujubeln. „Ich genieße den Abend. Und ich lasse mir auch Zeit“, verspricht der Moderator.

          Jahre nach Gottschalk brachten keine Sternstunden hervor

          Die Spielshow hat der Franke vor zehneinhalb Jahren abgegeben, nachdem sich Wettkandidat Samuel Koch eine Ausgabe zuvor so schwer verletzt hatte, dass er seither querschnittsgelähmt ist. Was in der Zwischenzeit war, gehört nicht zu den Sternstunden des deutschen Fernsehens: Unter einem Moderator, der ähnlich selbstverliebt wie Gottschalk ist, aber sein Publikum anders als dieser auch noch ständig von seinen Qualitäten überzeugen zu müssen glaubte, ging sie ein. Fälschlicherweise dachte man im ZDF, es liege am vermeintlich veralteten Format und nicht etwa an der mangelnden Pflege der zentralen Tugenden von „Wetten, dass..?“ in dieser letzten Phase.

          Es dauert etwa 20 Minuten, bis die Kinder mit selbstbelegter Pizza im Mund das erste Mal „richtig krass“ sagen. Das ist, als Wettkandidatin Vivian ihren Hund Uno einen Haufen Abfall nach Plastik, Papier und Biomüll in Mülltonnen sortieren lässt. Ein sehr praktisches Können. „Super, Uno!“ schallt es vom Sofa. Hinterher erzählt die Kandidatin, der Hund komme eher von der Idee „Schneller, Höher, Weiter“. Wie meistens gelingt es Gottschalk besser, seine bodenständigen Kandidaten ins Scheinwerferlicht zu rücken als seine Scheinwerfer-erprobten Gäste. Und auch mit dem achtjährigen Emil, der sich an Füßen durch einen ganzen Straßenbahnwagen hangeln kann, bändelt er gut an.

          Dabei können die sich sehen lassen: Die schwangere Helene Fischer singt (passender Moment, um die Erdnüsse zu holen) und hat dann den Rest des Abends nichts weiteres vor, die beiden ABBA-Komponisten Björn Ulvaeus und Benny Andersson (die etwas anderes vorhaben), die Comedians Joko und Klaas, Schauspieler Heino Ferch und seine junge Kollegin Svenja Jung (deren Namen Gottschalk später vergisst). Und zum Schluss hat auch Gottschalks Vorgänger, Moderator und Erfinder der Show, Frank Elstner einen Auftritt und fordert diesen dazu auf, mit der ZDF-Programmdirektion zu reden, um das Konzept wiederzubeleben.

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          Der heilige „Wetten, dass..?“-Moment aber tritt ein, als Wettkandidat Leon auf der Bühne erscheint. Schon als er den Saal betritt, badet er im Applaus. Zuvor hatten gerade die nach 40 Jahren zurückgekehrten beiden mittleren Bs des schwedischen Weltstar-Quartetts ihre Pläne für ein Eventzentrum in London vorgestellt, in dem eigene Abbatare ihre Musik aufführen. Und nun steht da ein Mann, der auf einer weißen Wand abschätzen kann, wo 100 Länder auf der Welt liegen und der Dartpfeile so präzise werfen kann, dass sie in der korrekten Fläche auf einer Weltkarte gelandet sind. Deutsche Skurrilität, über die man den Kopf schütteln oder sich anerkennend freuen kann.

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