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Westernhagen im Interview : „Ich fühlte mich gefangen in den Stadien“

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Auch mit sechzig Jahren noch fit an der Gitarre: Marius Müller-Westernhagen Bild: dpa

Marius Müller-Westernhagen ist ein nachdenklicher Mensch. Und ein Neurotiker. Statt mit seinen 60 Jahren ein wenig zu gärtnern, hat er das Album „Williamsburg“ aufgenommen. Es klingt mehr nach Blues als nach Rock und ab und zu rutscht ihm auch mal ein Popsong raus.

          Marius Müller-Westernhagen über alte Ängste, verpasste Chancen, die Zeit in der WG mit Otto Waalkes und sein neues Album „Williamsburg“

          Herr Müller-Westernhagen, Sie kommen gerade vom Arzt. Ist er denn zufrieden mit Ihnen?

          Offensichtlich nur eine Virusinfektion, ein grippaler Infekt. Ich bin nicht ganz ich selbst, aber es geht. Viel Vitamin C, viel Tee trinken.

          Der Sänger wurde in diesem Jahr mit dem „Quadriga”-Preis ausgezeichnet

          Welche Sorte?

          Ich rieche nichts. Ich glaube, das ist Salbei oder Ingwer, den hat meine Frau gemacht.

          Sonst alles gut? Rücken?

          Sonst alles gut. Ich lebe gesund, trinke mäßig, treibe viel Sport. Geraucht habe ich nie, schmeckt mir einfach nicht. Mein Vater hat hundert Stück am Tag gequalmt, den kannte ich nur mit Zigarette im Mund.

          War doch früher ziemlich uncool, nicht zu rauchen, oder?

          Unglaublich uncool. Denken Sie nur an die Filme von damals, die Hauptdarsteller haben alle geraucht. Als ich noch Schauspieler war, habe ich mir immer nur am Ende der Szene eine angesteckt.

          Nun haben Sie ein neues Album aufgenommen: "Williamsburg". Ist Ihnen langweilig geworden?

          Als ich vor zehn Jahren beschloss, nicht mehr in großen Stadien aufzutreten, da hätte ich mich auch zurückziehen können. Aber das Musikmachen kann ich einfach nicht lassen.

          Sie haben doch einen wunderschönen Garten hier. Wir dachten, Sie gärtnern ein wenig.

          Ich gärtnere überhaupt nicht. Ich bin ein Stadtmensch. Meine Frau Romney und ich hatten mal ein Haus in Umbrien. Mit Gemüsebeeten und Weinreben. Als die Männer aus dem Dorf zur Weinernte kamen, da saß ich wie der Padrone auf der Terrasse und hatte ein schlechtes Gewissen.

          Das neue Album haben Sie in Eigenproduktion in New York aufgenommen. Sie klingen immer weniger nach Rock, immer mehr nach Blues. Wer darf Ihre Musik heute gut finden?

          Das Publikum kann man sich nicht aussuchen. Dieses Album ist für mich.

          Udo Lindenberg und Herbert Grönemeyer kommen mit ihren neuen CDs auch bei Jugendlichen an, die sonst Jan Delay und Bushido hören. Sie genießen Kultstatus. Möchten Sie das nicht auch?

          Ich weiß nicht, wie meine Kollegen alles erreichen, aber die Menge an jüngeren Mädchen, die ich auf meiner letzten Tour in der ersten Reihe hatte, reicht mir.

          Ihre Hits sind längst Allgemeingut. "Willenlos" läuft beim Tanzabend im Seniorenheim, Jugendliche grölen es auf Mallorca.

          Furchtbar. Aber was soll ich dagegen sagen? Das erste Mal habe ich das in einem Hotel erlebt, da hat eine Bumskapelle "Willenlos" gespielt. Das kann ich nicht beeinflussen.

          Sie können Ihre größten Hits nicht mehr hören?

          Es gibt Songs, die ich nur mit einer gewissen Ironie singen kann: "Willenlos", "Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz". Aber die nicht zu spielen geht auch nicht. Einfach aus Respekt vor dem Publikum. Beim Komponieren rutscht mir halt ab und zu ein Pop-Song raus.

          Mit "Zu lang allein", der ersten Single des neuen Albums, ist Ihnen wohl wieder einer rausgerutscht.

          Ja, das ist der Song, der am ehesten Pop ist. Musik kann man nicht kalkulieren. Auch das, was mit "Freiheit" passiert ist, war so nicht geplant. Der Text entstand bei einer Stadtrundfahrt durch Paris. Der Touristenführer sagte etwas wie "Sie tanzten auch auf Gräbern". Toll, dachte ich mir. Der Rest war Assoziation.

          Sie sind ein scheuer Mensch, Sie hassen es, bekannt zu sein. . .

          Ich hasse es nicht, es ist mir unangenehm. Ich gelte bei vielen als arrogant und werde dieses Image auch nicht mehr los. Doch diese Menschen kennen mich nicht. Das ist ein Schutzmechanismus.

          Setzen Sie sich doch zu Kerner oder Beckmann ins Studio, um zu zeigen, dass Sie ein netter Mensch sind!

          Beckmann mache ich sogar. Aber schauen Sie sich Brad Pitt an, ein unfassbar guter Schauspieler, doch wenn ich ihn auf der Leinwand sehe, dann denke ich an Angelina Jolie, an die adoptierten Kinder. Traurig. Ein Künstler muss ein Geheimnis sein und Illusionen erzeugen. Leute, die heute populär sind, werden wie Aktien gehandelt. Über Aktien wird nur berichtet, wenn sie steigen oder fallen. Eine stabile Aktie ist uninteressant.

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