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Werbung : Am Ende wollt ihr ja doch nur Pommes

Heiß und fettig: Werbestarts Cro, Joko, Ulmen, Vogel und Korittke (von links). Bild: Mc Donald's

Was ist da passiert? McDonald’s gilt jetzt als cool und junge Gesichter der deutschen Unterhaltungsbranche tauchen plötzlich in den Werbefilmen des amerikanischen Fast-Food-Unternehmens auf.

          3 Min.

          Für Klaas Heufer-Umlauf, bärtige Hälfte der ewigen Fernseh-Duellanten Joko & Klaas, könnte das hart sein: Kontrahent Joko vergnügt sich in munterer Runde, und er, Klaas, ist nicht eingeladen. Wie Joko mit heißen Frauen wie Alexandra Maria Lara und Palina Rojinski flirtet und mit coolen Typen wie Moritz Bleibtreu und Elyas M’Barek abhängt, das kann sich Klaas nur im Fernsehen anschauen, und ein Trost wird es auch nicht sein, dass Joko dabei ein komisches T-Shirt trägt, auf dem „Hamburger“ steht. Aber so was muss eben tun, wer zur jungen, lässigen Entertainment-Elite zählen will, die sich hier versammelt hat - in den neuen Werbefilmen für McDonald’s.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Mancher wird da erst mal schlucken müssen, vor allem, wenn er sich erinnern kann an die achtziger, neunziger Jahre des vergangenen Jahrtausends. Damals galt McDonald’s als goldenes Kalb der vom amerikanischen Food-Imperialismus verblendeten Massen, die nichts wussten von den Geboten guter Ernährung und fairer Unternehmenskultur; hinter der Clownsmaske verbarg sich ein Regenwälder und Betriebsräte verschlingendes Monster. „Ganz unten“ befand sich, wie Günter Wallraff recherchierte, wer hier arbeitete, und wer hier aß, nicht viel höher - jedenfalls in den Augen seiner besser essenden Mitmenschen. Und noch 2004 gruselte sich das Kinopublikum davor, wie Morgan Spurlock im Film „Super Size Me“ nach dreißigtägigem Verzehr der jeweils größtmöglichen McDonald’s-Portionen selbst mehr und mehr die Gestalt eines Big Mac annahm.

          Schluss mit Super Size

          Super Size war vorvorgestern: Die zehn durchweg schlanken Stars der neuen Kampagne schlüpfen in die Rollen kleiner Snacks und Getränke, die sich zum Preis von zwei Euro miteinander paaren. Zehn Prominente der A-Kategorie, angesagt bei der jungen bis sehr jungen Zielgruppe, sexy und gern auch etwas schräg. Rapper Cro spielt einen (Wortwitz!) Wrap, Jürgen Vogel - als Mittvierziger mit Oliver Korittke der Älteste der Runde - meditiert als Veggieburger TS im Yoga-Sitz, das Ehepaar Collien Ulmen-Fernandes und Christian Ulmen ist auch dabei, sie als Eisbecher und er als Bio-Apfeltüte, die keiner bestellt. Selbstironie à la McDonald’s 2013: Schaut her, so die Botschaft, bei uns gibt’s inzwischen auch kleingeschnittene Apfelstückchen - aber am Ende nehmt ihr ja alle doch bloß die Pommes.

          Vom unmanierlichen Schmuddelkind zum lustigen Kumpel, mit dem irgendwie jeder gut kann: Der Wandel, dem sich der Konzern unterzogen hat, ist erstaunlich, und er findet seinen Ausdruck nicht allein in der Apfeltüte. Bei McDonald’s gibt es heute Kalorienarmes und Kaffeekultur, Transparenz und Tarifverträge, Nährwerttabellen und Nachhaltigkeitsberichte. Das einstige Symbol des Raubtierkapitalismus setzt auf regionale Produkte, bildet Hauptschüler aus und viele Migranten. Der Personalvorstand bloggt über die Arbeitswelt, und bei Facebook nimmt man demütig Kundenklagen über kalte Fritten entgegen. Und Lob für seine Burger bekam man vom Starkoch Ferran Adrìa wie auch von Thilo Bode, dem Alpha-Rüden der Kampfhunde von Foodwatch.

          Süßstoff: Alexandra Maria Lara.

          Ich liebe es: Auf jeden trifft der Firmenslogan nicht zu, aber immer weniger hassen es. McDonald’s ist Konsens wie Ikea oder, in einer anderen Branche, Angela Merkel. Für kleinere Erregungswellen aber ist man immer noch gut. Zum Beispiel, wenn Zürichs Schauspielhaus dagegen aufbegehrt, dass nebenan ein McDonald’s einzieht, wenn das Unternehmen in einem „Bündnis für Verbraucherbildung“ Schulkindern Ernährungstipps geben will oder wenn die „Stiftung Lesen“ Bücher in Happy-Meal-Tüten packt. Und auch über manch frischgebackenen Werbekopf zieht nun ein Shitstorm hinweg. So wird Korittke auf seiner Facebook-Seite beschimpft, da er als vermeintlich „cooler, unabhängiger und sozialer Typ“ nun Massentierhaltung und Junk-Food fördere: „So unreflektiert und ignorant ist also heute unsere Schauspielergilde.“

          Korittke mag sich dazu nicht äußern, seine Agentin erklärt, man habe nach längerer Diskussion entschieden, dass die Werbung zu ihm passe. Knappe Statements liefern zwei Kollegen: „Die Idee, die Produktpalette mit einem tollen Ensemble als Figuren zu spielen, fand ich sehr lustig“, lässt Moritz Bleibtreu verlauten, und auch Jürgen Vogel lobt „das Konzept der Kampagne“ und den „Spaß an der Arbeit“ mit dem Team. Man kennt sich aus der gemeinsamen Agentur oder von Filmen: Beim Casting für die Kampagne durfte McDonald’s auf die Gruppendynamik setzen.

          Werbestars geben sich entspannt

          Die neuen Werbestars geben sich postideologisch entspannt und scheinen auch nicht den „Geiz ist geil“-Beigeschmack der Spots zu fürchten. Und weil sie die McDonald’s-Produkte allesamt selbst spielen, müssen sie nicht mal wie ihre Vorgänger Stefan Raab oder Heidi Klum in einen Burger beißen; sie machen sich, auch im Wortsinn, die Finger nicht schmutzig. Gerade darin freilich sieht Andreas Pogoda, Gesellschafter der Markenberatung Brandmeyer, eine Schwäche der Spots: Der Einsatz der Prominenten wirkt auf ihn „hochgradig gestellt und unauthentisch“.

          Allen Salat-Feigenblättchen zum Trotze bleibt die klassische McDonald’s-Kost ziemlich fett, salzig und ballaststoffarm. Als Ernährungs-Vorbilder taugen die Testimonials, was sie nicht zu kümmern scheint, also nicht - was allerdings ebenso gilt für Milchschnitte mampfende Schwergewichtsboxer und für Nationalkicker, die Nutellabrötchen frühstücken. McDonald’s-Verächter können sich damit trösten, dass wenigstens Nora Tschirner nicht dabei ist. Und, wie gesagt, auch Klaas Heufer-Umlauf nicht, für den an Jokos Seite kein Platz war, weil McDonald’s nun mal keinen Doppel-Whopper im Angebot hat. Doch auch Klaas ist für McDonald’s längst im Einsatz gewesen und hat aus einem Kinderbuch vorgelesen. Ein Hauch von Bulettenduft umweht also auch ihn.

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