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Kunstsprache : Wer spricht heute noch Esperanto?

  • -Aktualisiert am

Ludwik Zamenhof Bild: dpa

Ludwik Zamenhof hat das „Esperanto“ erfunden. Vor 100 Jahren ist er gestorben. Wie steht es derzeit um seine Sprachschöpfung? FAZ.NET hat sich für Sie auf die Suche gemacht.

          5 Min.

          In Georgien, vier Autostunden von der Hauptstadt Tiflis, in der Prometheus-Höhle mit ihren beeindruckenden Gesteinslandschaften, steht eine junge Frau hinter dem Ticketschalter. Davor: eine Reisegruppe von 14 Touristen.

          „Woher kommen Sie?“, fragt die Frau. „Wir brauchen das für die Statistik.“

          Jemand antwortet: „Aus Holland, Iran, Türkei, Deutschland, Spanien, Polen und Frankreich.“

          Ein Iraner will noch erklären: „Wir sprechen aber alle eine Sprache ...“, doch da hat das Ticketfräulein die schrägen Vögel schon einsortiert: „O.k., Sie sind wohl eine gemischte Gruppe. Die Führung machen wir in Englisch.“

          „Wir sind Freunde geworden, weil wir die gleiche Sprache sprechen“

          Das aber ist nicht die alle verbindende Sprache, die gemeint war. Nicht alle in der Gruppe sprechen Englisch, alle aber sprechen Esperanto. Eine konstruierte Sprache, logisch und simpel in der Grammatik und mit einem Wortschatz, der sich aus romanischen, germanischen und slawischen Wörtern rekrutiert. „Bonan tagon“ etwa heißt „Guten Tag“, und „La giganta kaverno estas bela“ bedeutet „Die riesige Höhle ist schön“.

          Die Reiseführerin, die die Gruppe durch die riesige Tropfsteinhöhle führt, hat von Esperanto noch nie gehört. Ungläubig lauscht sie den begeisterten Ausführungen der Esperantisten. 130 Jahre sei die Sprache alt. Entwickelt vom polnischen Augenarzt Ludwik Lejzer Zamenhof zur weltweiten Verständigung. Eine Sprache, die allen gehört, die sie lernen. „Wir sind Freunde geworden, weil wir die gleiche Sprache sprechen“, sagt der Iraner und zeigt auf den Holländer. Der grinst und nickt.

          Die Szene hätte Zamenhof sicher gefreut. Als der Esperanto-Erfinder im April 1917 in Warschau starb, tobte in Europa ein Weltkrieg, und die Zeichen standen nicht gerade auf Völkerverständigung. Ob man 100 Jahre später noch Esperanto sprechen würde, war ungewiss.

          Tatsächlich halten viele Nichtesperantisten Esperanto für eine ausgestorbene Sprache, ein gescheitertes Experiment. Allenfalls eine fixe Idee für nerdige Linguisten kurz vor oder nach dem Erreichen des Rentenalters. Doch als Rentner hat Esperanto keiner von denen gelernt, die jetzt durch die Höhle wandern. Der Franzose Pascal Dubourg Glatigny etwa, heute Professor für Kunstgeschichte und 46 Jahre alt, hat sich Esperanto mit 13 Jahren in einem Fernkurs per Post beigebracht. Mit 15 dann fuhr er in den Ferien in die Schweiz zu einem Kulturzentrum für junge Esperanto-Lerner. Am Vormittag gab es Kurse zu Literatur und Geschichte, am Nachmittag ging es zum Wandern in die Berge, und zwischendurch half Dubourg Glatigny in der Buchhandlung aus.

          „Da waren Jugendliche aus Algerien, Jugoslawien, Japan und vielen anderen Ländern, und alle konnten sich verständigen“, sagt er. Das war es, was ihn dann jedes Jahr in die Schweiz brachte: „Du fühlst dich wie in deiner eigenen Sprache, und gleichzeitig gehört sie allen.“

          Weil Dubourg Glatigny in Berlin wohnt, aber in Paris arbeitet, bleibt für Esperanto im Alltag wenig Zeit. Mal abgesehen vom Esperanto-Radio-Hören in der Badewanne. Aber auch noch heute fährt er einmal im Jahr zu einem Treffen irgendwo auf der Welt. Zu einem kleinen, wie dem in Georgien mit 40 Esperantisten, oder auch mal zu einem der großen, wie den jährlichen Weltkongressen mit bis zu 3000 Teilnehmern. Er hört und hält Vorträge, erkundet in der Gruppe der Esperantisten das Gastland und außerdem: redet, redet, redet. „Weil Esperanto so einfach ist, macht es Mut, gleich loszusprechen“, sagt Dubourg Glatigny.

          Mindestens zwei Millionen Sprecher

          Dass zwei Esperantisten schweigend nebeneinandersitzen, kommt daher eher selten vor. Schon auf dem Weg zur Höhle schwirren Schwärme von Esperanto-Sätzen durch den Bus: Während Dubourg Glatigny von seinen Sommern in der Schweiz erzählt, spricht ein türkischer Lehrer mit zwei Iranern und einem Holländer über Sprachen. Etwa, dass „Nein“ auf Georgisch ähnlich klingt wie das umgangssprachliche „Ja“ im Persischen. Und dann versucht der Türke, auf Persisch zu zählen, und die Iraner auf Türkisch. Nach dem Höhlenausflug, beim Mittagessen, erzählt ein kasachisches Ehepaar Dubourg Glatigny, dass in ihrer Heimat sechs Menschen auf einem Quadratkilometer leben, sie dort vermutlich die einzigen Esperantisten sind und mit dem Auto über 1800 Kilometer anreisen mussten.

          Zwei Tische weiter sitzt Emma Breuninger aus Neu-Ulm. Die muntere Frau mit den kurzen Haaren könnte 46 Jahre alt sein, ist aber 64. Esperanto lernte sie, als sie zehn war. Damals nämlich erfuhr sie aus der Zeitung, dass sich die Belgier stritten, wo in ihrem Land welche Sprache gesprochen werden sollte.

          „Kann man denn nicht eine Sprache erfinden, die alle lernen können?“, fragte sie ihren Vater.

          „Die gibt es schon“, antwortete der.

          Nach sechs Wochen mit Schallplatten und Übungsbögen hatte sie die Grundlagen in Esperanto drauf – und begann sich Brieffreunde zu suchen.

          Brieffreundschaften, Korrespondenzkurse und Schallplatten – das klingt nicht gerade nach einer Sprache für das 21. Jahrhundert. Aber wer sich auf „Wikipedia“ umschaut, wie viele Artikel auf Esperanto geschrieben werden, der ahnt, dass die Zeit des Esperanto nicht vorbei ist: Es sind fast 240.000 – mehr als etwa in Dänisch. Mindestens zwei Millionen Sprecher gibt es heute. Und es werden mehr.

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          Als die Sprach-Lern-App „Duolingo“ 2015 erstmals einen Esperanto-Kurs für Englischsprechende anbot, luden den in den ersten Wochen 26.000 Nutzer herunter. Heute sind es 700.000. Und auch auf klassischem Wege finden sich neue Lerner. Öykü Mete aus Istanbul etwa, die heute 18 Jahre alt ist, hat vor vier Jahren in einer Schul-AG angefangen.

          „Was willst du damit?“, fragten die Eltern.

          „Keine Ahnung. Aber ich will es wirklich lernen“, antwortete Öykü. Sprachen interessierten sie ohnehin, und die Idee einer Sprache für alle faszinierte sie.

          Nach vier Monaten fuhr sie zu ihrem ersten Treffen nach Georgien. Weil sie noch zu jung war, um allein zu reisen, nahm sie ihre Eltern einfach mit. Im nächsten Jahr fuhr Familie Mete nach Tunesien, darauf nach Kappadokien und nun wieder nach Georgien. Weil ihren Eltern im Alltag die Sprachpraxis fehlt, besuchen sie auf den Treffen vor allem die Sprachkurse. Öykü selbst braucht die nicht mehr. Sie plaudert mit jedem über alles. Das Esperanto, das aus ihr heraussprudelt, klingt wie eine Muttersprache.

          Verbreitet in 130 Ländern

          Von ihren Mitschülern haben nicht viele Interesse an Esperanto. Während bei der Ultimate-Frisbee-AG 30 mitmachen, sind es beim Esperanto-Kurs drei. Eine Sprache ohne eigenes Land, ohne Kultur, das sei doch keine Sprache, könnte man sagen. „Ich denke, das stimmt nicht“, sagt Öykü. Esperanto habe schließlich eine eigene Sprechergemeinschaft, sogar eine, die sich besonders eng verbunden fühlt.

          Öykü Mete kennt das von den Treffen, die großen Reisen ins Ausland aber liegen noch vor ihr. Von denen kann Emma Breuninger berichten, die Esperanto damals mit Schallplatten und Brieffreunden gelernt hat. Als sie zum ersten Mal einen Brieffreund in Ungarn besuchte, organisierte der ihr eine Rundreise von Esperantist zu Esperantist. Und Breuninger lernte, wie sehr zu Hause man sich bei Fremden fühlen kann, wenn man die gleiche Sprache spricht.

          Später, als Reiseleiterin in Spanien, der Sowjetunion und anderswo eingesetzt, suchte sie nach Esperantisten. In rund 130 Ländern gibt es Esperanto-Sprechende, in 70 davon sind sie in Gesellschaften organisiert. Über die erhielt Breuninger die Adressen. Die Post brauchte oft wochenlang, und für eine Antwort reichte die Zeit meist nicht. Breuninger schrieb also bloß, wo sie wann sein werde. Umso erstaunlicher, dass sie im Hafen von Yokohama gleich von drei Familien erwartet wurde. Couchsurfing in der analogen Zeit.

          Die eigene Sprache durch Esperanto erst richtig begriffen

          Auch als sie Anfang der Achtziger nach Mexiko auswanderte, fand sie zuerst Anschluss an Esperanto-Sprechende. „Gerade am Anfang war das der Nagel, an den ich mich hängen konnte.“ Natürlich hat sie aber auch Spanisch gelernt. Sie spricht es ebenso wie Englisch, Französisch, Russisch und Italienisch. Manches sei ihr durch Esperanto leichter gefallen.

          Nicht nur, weil es zu vielen Sprachen Bezüge gibt, sondern auch, weil Esperanto ganz allgemein ein Gefühl für Sprache vermittle. „Auch meine eigene habe ich dadurch zum ersten Mal richtig begriffen.“ Zum Beispiel kann man in Esperanto aus einem Verb wie „lernas“ (lernen) Orte bilden, indem man an den Stamm ein „ejo“ hängt. Schule – „lernejo“. „Das kam mir merkwürdig vor – bis mir aufgefallen ist, dass es im Deutschen ja auch so etwas gibt: Bäckerei, Wäscherei ...“

          Dass jeder der Esperantisten seine eigene Muttersprache hat, vergisst man auf dem Treffen in Georgien schnell. Am letzten Abend aber wird ein Gedicht vorgetragen. In Dutzenden Sprachen: Französisch, Türkisch, Arabisch. Alle lauschen, aber oft versteht es nur eine Handvoll, manchmal nur der, der es vorliest. Es ist schön, den Worten in fremder Muttersprache nachzuhorchen. Aber auch ein beklemmender Moment. Die Freunde von eben verstehen sich nicht mehr. Doch dann liest eine das Gedicht noch mal auf Esperanto. Und alle verstehen es.

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