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Kunstsprache : Wer spricht heute noch Esperanto?

  • -Aktualisiert am

Nach vier Monaten fuhr sie zu ihrem ersten Treffen nach Georgien. Weil sie noch zu jung war, um allein zu reisen, nahm sie ihre Eltern einfach mit. Im nächsten Jahr fuhr Familie Mete nach Tunesien, darauf nach Kappadokien und nun wieder nach Georgien. Weil ihren Eltern im Alltag die Sprachpraxis fehlt, besuchen sie auf den Treffen vor allem die Sprachkurse. Öykü selbst braucht die nicht mehr. Sie plaudert mit jedem über alles. Das Esperanto, das aus ihr heraussprudelt, klingt wie eine Muttersprache.

Verbreitet in 130 Ländern

Von ihren Mitschülern haben nicht viele Interesse an Esperanto. Während bei der Ultimate-Frisbee-AG 30 mitmachen, sind es beim Esperanto-Kurs drei. Eine Sprache ohne eigenes Land, ohne Kultur, das sei doch keine Sprache, könnte man sagen. „Ich denke, das stimmt nicht“, sagt Öykü. Esperanto habe schließlich eine eigene Sprechergemeinschaft, sogar eine, die sich besonders eng verbunden fühlt.

Öykü Mete kennt das von den Treffen, die großen Reisen ins Ausland aber liegen noch vor ihr. Von denen kann Emma Breuninger berichten, die Esperanto damals mit Schallplatten und Brieffreunden gelernt hat. Als sie zum ersten Mal einen Brieffreund in Ungarn besuchte, organisierte der ihr eine Rundreise von Esperantist zu Esperantist. Und Breuninger lernte, wie sehr zu Hause man sich bei Fremden fühlen kann, wenn man die gleiche Sprache spricht.

Später, als Reiseleiterin in Spanien, der Sowjetunion und anderswo eingesetzt, suchte sie nach Esperantisten. In rund 130 Ländern gibt es Esperanto-Sprechende, in 70 davon sind sie in Gesellschaften organisiert. Über die erhielt Breuninger die Adressen. Die Post brauchte oft wochenlang, und für eine Antwort reichte die Zeit meist nicht. Breuninger schrieb also bloß, wo sie wann sein werde. Umso erstaunlicher, dass sie im Hafen von Yokohama gleich von drei Familien erwartet wurde. Couchsurfing in der analogen Zeit.

Die eigene Sprache durch Esperanto erst richtig begriffen

Auch als sie Anfang der Achtziger nach Mexiko auswanderte, fand sie zuerst Anschluss an Esperanto-Sprechende. „Gerade am Anfang war das der Nagel, an den ich mich hängen konnte.“ Natürlich hat sie aber auch Spanisch gelernt. Sie spricht es ebenso wie Englisch, Französisch, Russisch und Italienisch. Manches sei ihr durch Esperanto leichter gefallen.

Nicht nur, weil es zu vielen Sprachen Bezüge gibt, sondern auch, weil Esperanto ganz allgemein ein Gefühl für Sprache vermittle. „Auch meine eigene habe ich dadurch zum ersten Mal richtig begriffen.“ Zum Beispiel kann man in Esperanto aus einem Verb wie „lernas“ (lernen) Orte bilden, indem man an den Stamm ein „ejo“ hängt. Schule – „lernejo“. „Das kam mir merkwürdig vor – bis mir aufgefallen ist, dass es im Deutschen ja auch so etwas gibt: Bäckerei, Wäscherei ...“

Dass jeder der Esperantisten seine eigene Muttersprache hat, vergisst man auf dem Treffen in Georgien schnell. Am letzten Abend aber wird ein Gedicht vorgetragen. In Dutzenden Sprachen: Französisch, Türkisch, Arabisch. Alle lauschen, aber oft versteht es nur eine Handvoll, manchmal nur der, der es vorliest. Es ist schön, den Worten in fremder Muttersprache nachzuhorchen. Aber auch ein beklemmender Moment. Die Freunde von eben verstehen sich nicht mehr. Doch dann liest eine das Gedicht noch mal auf Esperanto. Und alle verstehen es.

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