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Kunstsprache : Wer spricht heute noch Esperanto?

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Weil Dubourg Glatigny in Berlin wohnt, aber in Paris arbeitet, bleibt für Esperanto im Alltag wenig Zeit. Mal abgesehen vom Esperanto-Radio-Hören in der Badewanne. Aber auch noch heute fährt er einmal im Jahr zu einem Treffen irgendwo auf der Welt. Zu einem kleinen, wie dem in Georgien mit 40 Esperantisten, oder auch mal zu einem der großen, wie den jährlichen Weltkongressen mit bis zu 3000 Teilnehmern. Er hört und hält Vorträge, erkundet in der Gruppe der Esperantisten das Gastland und außerdem: redet, redet, redet. „Weil Esperanto so einfach ist, macht es Mut, gleich loszusprechen“, sagt Dubourg Glatigny.

Mindestens zwei Millionen Sprecher

Dass zwei Esperantisten schweigend nebeneinandersitzen, kommt daher eher selten vor. Schon auf dem Weg zur Höhle schwirren Schwärme von Esperanto-Sätzen durch den Bus: Während Dubourg Glatigny von seinen Sommern in der Schweiz erzählt, spricht ein türkischer Lehrer mit zwei Iranern und einem Holländer über Sprachen. Etwa, dass „Nein“ auf Georgisch ähnlich klingt wie das umgangssprachliche „Ja“ im Persischen. Und dann versucht der Türke, auf Persisch zu zählen, und die Iraner auf Türkisch. Nach dem Höhlenausflug, beim Mittagessen, erzählt ein kasachisches Ehepaar Dubourg Glatigny, dass in ihrer Heimat sechs Menschen auf einem Quadratkilometer leben, sie dort vermutlich die einzigen Esperantisten sind und mit dem Auto über 1800 Kilometer anreisen mussten.

Zwei Tische weiter sitzt Emma Breuninger aus Neu-Ulm. Die muntere Frau mit den kurzen Haaren könnte 46 Jahre alt sein, ist aber 64. Esperanto lernte sie, als sie zehn war. Damals nämlich erfuhr sie aus der Zeitung, dass sich die Belgier stritten, wo in ihrem Land welche Sprache gesprochen werden sollte.

„Kann man denn nicht eine Sprache erfinden, die alle lernen können?“, fragte sie ihren Vater.

„Die gibt es schon“, antwortete der.

Nach sechs Wochen mit Schallplatten und Übungsbögen hatte sie die Grundlagen in Esperanto drauf – und begann sich Brieffreunde zu suchen.

Brieffreundschaften, Korrespondenzkurse und Schallplatten – das klingt nicht gerade nach einer Sprache für das 21. Jahrhundert. Aber wer sich auf „Wikipedia“ umschaut, wie viele Artikel auf Esperanto geschrieben werden, der ahnt, dass die Zeit des Esperanto nicht vorbei ist: Es sind fast 240.000 – mehr als etwa in Dänisch. Mindestens zwei Millionen Sprecher gibt es heute. Und es werden mehr.

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Als die Sprach-Lern-App „Duolingo“ 2015 erstmals einen Esperanto-Kurs für Englischsprechende anbot, luden den in den ersten Wochen 26.000 Nutzer herunter. Heute sind es 700.000. Und auch auf klassischem Wege finden sich neue Lerner. Öykü Mete aus Istanbul etwa, die heute 18 Jahre alt ist, hat vor vier Jahren in einer Schul-AG angefangen.

„Was willst du damit?“, fragten die Eltern.

„Keine Ahnung. Aber ich will es wirklich lernen“, antwortete Öykü. Sprachen interessierten sie ohnehin, und die Idee einer Sprache für alle faszinierte sie.

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