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Ratgebercommunity : Anti-Trolle im Internet

  • -Aktualisiert am

Wenn man eine Frage hat, stellt man diese meist im Internet. Ratgebercommunities machen es möglich. Bild: dpa

Manche Menschen verbringen ihre Freizeit damit, Fragen in Online-Foren zu beantworten. So ganz selbstlos handeln die Anti-Trolle dabei nicht. Sie hoffen, Menschen damit weiterhelfen zu können.

          5 Min.

          Hans-Josef Rosenbaum kennt sich aus. Deshalb macht er sich die Mühe und drückt mit dem Zeigefinger seiner rechten Hand langsam Buchstabe um Buchstabe auf seiner Computertastatur. Manchmal hilft der Mittelfinger seiner linken Hand mit. Schneller ist er beim Tippen trotzdem nicht. Rosenbaum sitzt auf einem schweren Polstersessel in seiner kleinen „Junggesellenbude“, wie er das Einzimmerapartment nennt. Der grau-braune Teppich zu seinen Füßen ist durchgewetzt. Hier teilt Rosenbaum sein Wissen mit der Welt. Er beantwortet Fragen, die andere Menschen im Internet stellen. Seine Bilanz: mehr als 50 000 mühsam getippte Antworten.

          Wer bei Suchmaschinen eine ganze Frage eingibt - zum Beispiel: Darf mein Hund Schokolade essen? -, der landet früher oder später auf der Seite einer Ratgebercommunity. Das hat einen beruhigenden Effekt, denn man erkennt: Ich bin nicht alleine mit meinen dummen Fragen. Tatsächlich hat sie, in 99 Prozent der Fälle, schon jemand gestellt. Und: Es hat schon jemand darauf geantwortet. Doch wer? Wer sind die Menschen, die ihre Freizeit damit verbringen, Fragen, die Fremde in ein Online-Forum posten, zu beantworten?

          Es braucht Nerven sich mit den Fragen zu beschäftigen

          Dass es einiges an Nerven braucht, sich ernsthaft mit den Fragen zu beschäftigen, zeigt ein kurzer Besuch auf Gutefrage.net. Die Seite ist mit mehr als zwei Millionen Mitgliedern die größte deutschsprachige Ratgebercommunity. Doch das „gut“ im Namen ist eher Ansichtssache. Eine Auswahl von Fragen, eines beliebigen Tages:

          „Kann man zu Marmorkuchen als Zutat Sprühsahne benutzen?“

          „Kindlicher Körper, was kann ich dagegen tun?“

          „Suche gute Kopfhörer für Musik und Spiele.“

          „Ich brauche etwas wo ich mich drum kümmern kann aber leider kein Haustier.“

          „Hallo, sind das hier Sommersprossen auf meiner Nase?:)“

          „Kumpel glaubt nicht, dass ich keine Zeit habe. Was soll ich tun?“

          „Kann man das Herz eines Jungen erobern?“

          „Wie viel kann ich essen? 13 Jahre, viel Sport.“

          „Hört man Explosionen auf dem Mond?“

          Manche Fragen lassen erkennen, dass hier vor allem nach Trost und Zuspruch gesucht wird. Wieder andere sind seltsam. Und dann gibt es Menschen, denen man mit einer ernstgemeinten Antwort tatsächlich hilft. Was man googeln kann, ist allerdings nicht als Frage zugelassen.

          Hans-Josef Rosenbaum interessieren nicht alle Fragen

          Hans-Josef Rosenbaum scrollt durch die neusten Fragen. Er interessiert sich eigentlich nur für Themen rund um die Gebiete Versicherung, Beruf, Arbeitslosigkeit - alles andere ignoriert er. Die erste Frage, die er heute auswählt, lautet: „Gehaltskürzung bei Azubis???“ Eine Mutter will wissen, ob man ihrer Tochter das Gehalt kürzen darf, weil die einige Fehler bei der Arbeit gemacht hat. Rosenbaum antwortet: „Vertraglich ist die Tochter verpflichtet, ihre Arbeitsleistung zu erbringen. Wenn sie Fehler gemacht hat, kann ihre Chefin sie abmahnen. Eine Gehaltskürzung ist einfach illegal. Sie hat einen Vertrag, und den muss auch die Chefin erfüllen.“

          Rosenbaum hält sich beim Antworten kurz, er macht knappe Ansagen. Erst wenn er selbst eine Antwort verfasst hat, schaut er, was andere dazu geschrieben haben. Dann verfolgt er die Diskussion in den nächsten Tagen auch weiter. Für jede Antwort bekommt „DerHans“, so heißt Rosenbaum hier, Punkte. Mit den Punkten sollen die Fragenbeantworter animiert werden. Auf einer Liste kann man immer nachverfolgen, wer die „erfolgreichsten“ Fragenbeantworter sind. Zurzeit führt „amdros“ an.

          Amdros hat zwar nicht so viele Fragen wie Rosenbaum beantwortet, gerade mal 30 500, aber sie hat viele sehr hilfreiche Antworten gegeben. Am Tag, schätzt die Rentnerin selbst, verbringe sie so vier, fünf Stunden auf der Internetseite. „Wenn in der Wohnung alles in Ordnung ist, setze ich mich bis zum Mittagessen dran. Dann mache ich eine Pause und geh am Nachmittag noch mal an den Computer.“

          Fragen beantworten als sinnvolle Aufgabe

          Amdros hat keinen Themenschwerpunkt, sie interessiert sich für „das Leben allgemein und die daraus resultierenden Fragen“. Das heißt, sie beschäftigt sich mit Fragen wie: „Meine kleine Schwester hat vor drei Stunden Suizid-Versuch gemacht, und ich hab nicht geholfen.“ Gehen ihr die Probleme der Nutzer nicht manchmal auch zu nahe? „O ja! Es gibt auch Fragen, die ich absolut nicht beantworten kann, weil es mir zu nahe geht.“

          Das ist das eine Problem. Das andere ist, dass viele Fragen wieder und immer wieder gestellt werden. Langweilt das? „Mächtig. Manchmal entbehren die Fragen auch jeder Logik.“ Aber trotzdem, ans Aufhören hat amdros nie gedacht. Fragen zu beantworten, das ist gewissermaßen auch eine sinnvolle Aufgabe für sie. „Ich habe relativ viel Zeit, weil ich Rentnerin bin und keine weiteren Hobbys habe. Dann kann ich meine Zeit dafür nutzen.“ Hier fühlt sie, dass sie helfen kann, „das krieg ich schon hin und wieder mal zu hören“.

          Elizza aus der Schweiz hilft auch gerne, schon als Kind habe sie eine soziale Ader gehabt. Seit sechs Jahren ist sie eine Fragenbeantworterin, doch im vergangenen Jahr war sie nicht mehr ganz so aktiv: „Ich möchte gerne mehr, aber ich schaff’ es zeitlich nicht, es geht gesundheitlich nicht so gut“, sagt sie mit ihrem warmen Schweizer Akzent. „Ich kann mich damit ablenken. Wenn ich die anderen Fragen lese, denke ich: Mir geht’s ja noch ganz gut.“ Elizza hat sich spezialisiert auf Haushalt („ich bin seit 40 Jahren Vollbluthausfrau“), Gesundheit („da habe ich einfach viel Erfahrung, ich war oft im Krankenhaus“), Wäsche („ich habe früher in einer Wäscherei gearbeitet“) und Haare („ich wollte gerne Friseuse werden, durfte ich aber nicht“).

          Rosenbaum hat schon eine Menge Erfahrungen gesammelt

          Auch Hans-Josef Rosenbaum schöpft aus seinem Erfahrungsschatz, wenn er vor seinem Laptop mit der zusätzlichen Tastatur sitzt. Denn Rosenbaum hat eine Menge Erfahrungen gesammelt. Gute und nicht so gute. Als junger Mann arbeitete er als Einzelhandelskaufmann, dann war er Vertreter für Fußmatten, dann Versicherungskaufmann, heute ist der Vierundsechzigjährige Rentner. In den Achtzigern war Rosenbaum auch mal eine Zeit lang arbeitslos, hatte Schulden, seine beiden Ehen scheiterten. Aber das Beraten, anderen Menschen Ratschläge zu geben, das hat er nie ganz abgelegt. Als er selbst keinen Job hatte, gründete er einfach eine Beratungsstelle für Menschen, denen es genauso ging wie ihm und die sich mit den Ämtern rumschlagen mussten. „Das Lesen von schwierigen Texten, das konnte ich ja als Versicherungskaufmann.“

          Was haben DerHans, amdros und elizza gemeinsam? Warum die stundenlange Beschäftigung mit den Problemen anderer Menschen? Vielleicht muss man die drei als Anti-Trolle verstehen. Sehr viele Menschen mit sehr viel Zeit verbringen ihre Tage vor dem Computer. Manche schauen stundenlang Youtube-Videos oder spielen online Skat (Rosenbaum übrigens auch). Andere schreiben die Kommentarspalten auf faz.net oder „Spiegel Online“ voll. DerHans, amdros und elizza haben einen anderen Weg gewählt: Sie setzen sich konstruktiv im Internet ein. Sie durchsuchen den Schutt, das Sinnlose, den Hass nach Fragen, von denen sie glauben, hier Menschen weiterhelfen zu können. Das ist nicht selbstlos. Die drei Rentner haben eine Beschäftigung gefunden, einen Weg, sich nützlich zu fühlen. Von ihren Computern aus, ohne ihre Wohnungen verlassen zu müssen, treten sie mit der Welt in Kontakt - und mit deren Problemen. Sie treffe auch, sagt amdros, auf die Gefühlslage einer anderen Generation, mit der sie sonst keine Berührungspunkte hätte.

          Die Beantworter der Fragen wehren sich auch

          Es ist nicht so, dass amdros, elizza und DerHans geduldige Lämmer sind. Sie wehren sich, wenn sie blöd angemacht werden, und schreiben auch mal einen sarkastischen Kommentar. „Ich weiß nicht, ob das patzig ist, aber ironisch vielleicht“, sagt Rosenbaum. DerHans, amdros und elizza wollen jedenfalls keinen Krawall.

          Rosenbaum hat eine ganze Weile erzählt. Jetzt hat er keine Zeit mehr. Er muss „den Berg runter“, zu seiner Freundin und mit dem gemeinsamen Hund spazieren gehen. In der Junggesellenbude verbringt er nur den Vormittag und einen Teil des Nachmittags. Er klappt den Laptop zu und packt ihn ein. Später wird er noch einmal einen Blick auf die neuesten Fragen werfen, die Antwort für eine Frage recherchieren, die er so aus dem Stegreif nicht beantworten konnte. Seine Freundin ist von seinem Zeitvertreib nicht begeistert: „Soll ich meine Fragen dort reinschreiben, damit du sie beantwortest?“, fragt sie ihn manchmal. Doch Rosenbaum steht zu seinem Hobby. „Es macht mir Spaß, anderen dabei zu helfen, sich gegen den Staat oder Ämter zu wehren.“ Vielleicht steckt doch ein bisschen Krawall dahinter.

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