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Elternzeit : Und, was sagt der Chef?

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Beim zweiten Kind lief es nicht so gut. Ich hatte inzwischen die Redaktion gewechselt und wollte mich intern auf eine bessere Stelle bewerben – drei Monate vor dem Geburtstermin. Um fair gegenüber meinem Chef zu sein, kündigte ich die geplante Elternzeit an. Die Stelle bekam ich nicht, ich vermute, dass die Elternzeit bei der Absage zumindest eine Rolle spielte, auch wenn das natürlich niemand so klar gesagt hat. Auch sonst wurde deutlich, dass sie meine Entscheidung nicht gut fanden. So kürzten sie zum Beispiel meinen Jahresbonus drastisch – deutlich mehr, als es die reduzierte Arbeitszeit gerechtfertigt hätte. Auch mein Ansehen hat unter der Elternzeit gelitten. Das läuft alles sehr subtil, so wird zum Beispiel dieselbe Leistung heute bei mir anders bewertet als früher. Als ich vor der Elternzeit krank von zu Hause aus arbeitete, hat sich mein Chef dafür riesig bedankt. Nach der Elternzeit gab es eine ähnliche Situation, in der ich krank meine Texte fertig geschrieben habe. Da hat er kaum ein Wort darüber verloren.

Dabei habe ich extra in der Elternzeit Teilzeit weiter gearbeitet, um die Probleme für meinen Arbeitgeber möglichst klein zu halten. Ich habe große Teile meiner normalen Arbeit weiter gemacht – in der Hälfte der Zeit und für die Hälfte des Gehalts. Mein Arbeitgeber hat also Geld gespart. Für mich war es sehr anstrengend. Nach der Erfahrung würde ich jedem empfehlen, lieber komplett Elternzeit zu nehmen. Dann hat man den Kopf auch wirklich beim Kind und muss nicht schnell noch was für die Arbeit erledigen.

Meine Freundin ist auch Journalistin. Sie arbeitet jetzt 70 Prozent. Sowohl die Elternzeit als auch die Teilzeit waren bei ihr kein Problem. Vielleicht akzeptieren es Chefs bei Frauen leichter, wenn sie Elternzeit nehmen, vielleicht liegt es auch daran, dass es in ihrem Unternehmen einen Betriebsrat gibt. Meine Freundin hat mit Job und Kindern viel Stress, sie arbeitet oft auch abends. Wenn ich die Möglichkeit hätte, würde ich meine Arbeitszeit gerne auf 90 Prozent reduzieren. Aber ich weiß, dass meine Vorgesetzten mich jetzt schon genau im Blick haben. Dass sie sich fragen: Was ist mit dem? Ist der noch voll dabei? Steht er hinter seiner Arbeit? Deshalb möchte ich das im Moment nicht riskieren.

Mir ist klar, dass sich durch die Elternzeit meine Chancen reduziert haben, beruflich weiterzukommen, dass die nächsten Boni gering bleiben werden und es auch mit der nächsten Gehaltserhöhung schwieriger wird. Aber auch wenn es mir beruflich und finanziell geschadet hat, würde ich es wieder so machen. Ich habe noch ein anderes Leben, nicht nur den Job.

Väterzeit

Für 35,7 Prozent der Kinder, die im zweiten Quartal 2015 in Deutschland geboren wurden, bezogen die Väter Elterngeld.  Die Zahl der Väter, die Elternzeit nehmen, steigt seit Einführung des Elterngeldes im Jahr 2007 kontinuierlich an.

Allerdings ist die Elternzeit der Väter in der Regel kurz: Der Durchschnitt liegt nur bei 3,5 Monaten. Laut Väterreport 2016 des Familienministeriums wäre fast jeder fünfte Vater gerne in Elternzeit gegangen, hat aber darauf verzichtet. Als Gründe wurden genannt: Angst vor Einkommensverlust, beruflichen Nachteilen oder vor organisatorischen Problemen im Unternehmen.

Im internationalen Vergleich liegt Deutschland bei der Väterbeteiligung im Mittelfeld. Während in Frankreich nur ein bis zwei Prozent der Väter Elterngeld beziehen, sind es in Norwegen 90 Prozent.

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