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Tipps vom Paartherapeuten : Selbst der Sex muss ausgehandelt werden

  • -Aktualisiert am

Bedeutet Zusammenziehen das Ende der Romantik? Wer mit seinem Partner zusammenzieht, braucht Fingerspitzengefühl und viel Geduld. Bild: dpa

Wer als Paar zusammenzieht, sollte den gemeinsamen Alltag regeln. Sonst könnte eine Beziehungskrise drohen, zumindest warnt davor Therapeut Oskar Holzberg.

          5 Min.

          Herr Holzberg, warum ist Zusammenziehen so eine große Sache?

          Es ist mittlerweile ein der Heirat ähnlicher Schritt. Man braucht heutzutage keinen Trauschein mehr, um sich als Paar zu sagen, dass man es ernst meint. Wenn ich mit dir zusammenziehe, gebe ich einen Teil meiner Eigenständigkeit und Unabhängigkeit auf. Du bekommst mehr von mir mit, weißt immer, was ich tue und nicht tue. Das Paar muss jetzt gemeinsame Rituale und Konfliktkulturen entwickeln. Man ist jetzt eine Wirtschaftsgemeinschaft. Man wird in einer Art Schmelztiegel noch mehr zum Paar. Die gemeinsame Wohnung löst neue Konflikte aus, und alte Konflikte werden dringlicher, weil man ihnen nicht aus dem Weg gehen kann.

          Zum Beispiel?

          Ein klassischer Streit, sobald man dann zusammen wohnt, geht darüber, wann der andere nach Hause kommt und ob und wie man Bescheid sagt, wenn es später wird. Einigt man sich auf eine genaue Uhrzeit? Oder reicht ein Zettel auf dem Küchentisch, auf dem steht: Warte nicht auf mich, ich komme spät?

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          Wie viele Paare kommen zu Ihnen, weil es Streit um die gemeinsame Wohnung gibt?

          Es sind einige. Ich erinnere mich besonders an ein Paar, weil es die kürzeste Therapie war, die ich je gemacht habe. Die beiden waren nur einmal da. Sie kamen, weil sie nur noch stritten. Die Frau hatte ihre Wohnung aufgegeben und war zu ihm in das Haus gezogen, in dem er schon als Kind gelebt hatte.

          Wie haben Sie den beiden in nur einer Sitzung helfen können?

          Beide waren trotz des ständigen Streitens noch ganz von dem Gefühl beseelt, dass es toll ist, zusammenzuziehen. Sie hatten nicht richtig begriffen, was die Ursache ihres Streits war. Es stellte sich schnell heraus, dass die Frau überhaupt nicht damit zurechtkam, dass sie alles aufgeben musste und er in seinem vertrauten Elternhaus natürlich alles schon seit Urzeiten festgelegt hatte. Als die beiden das begriffen hatten, brauchten sie wohl keine Hilfe mehr.

          Wie häufig kommen solche Situationen vor?

          Mittlerweile oft, alleine schon durch die Wohnungsnot in den Städten. Man sucht sich keine gemeinsame Wohnung mehr, sondern einer zieht beim anderen ein.

          Wie kann man gerade dann Streit vermeiden?

          Manchmal hilft es, wenn man sich vorstellt, man ziehe gemeinsam aus der Wohnung aus und dann wieder ein. Man geht dann Schritt für Schritt durch die Wohnung und spricht darüber, wie man was haben möchte, womit man auf keinen Fall leben will, worüber man verhandeln will und worauf man niemals verzichten will. Man muss sich aber bewusst machen, dass es manchmal nicht einfach ist, bestimmte Kompromisse einzugehen. Meistens zieht ein Paar, wie bei meinem Beispielfall, ja in einer guten Phase der Beziehung zusammen und denkt sich, alles wird großartig. In dieser Euphorie unterschätzt man meistens, welche Konflikte eine gemeinsame Wohnung aufwirft. Das fängt schon damit an, ob man bei offenem Fenster schläft oder nicht. Als man noch nicht zusammenlebte, war man bereit, für eine Nacht mal gegen die eigenen Vorlieben zu schlafen. Aber wenn es dann auf Dauer sein soll, muss man das grundsätzlich klären. Wenn es dem einen bei offenem Fenster zu laut ist, der andere aber bei geschlossenem Fenster klaustrophobische Ängste bekommt - wie löst man das?

          Das wird ein Paar aber doch irgendwie hinbekommen. Was sind denn größere Konflikte?

          Irgendwann wird wahrscheinlich auch das Thema Sex ein Problem. Vor dem Zusammenziehen sah man sich vielleicht zweimal in der Woche, und es war klar, dass man dann Sex hatte. In der ersten Zeit ist das hoffentlich auch in der eigenen Wohnung noch eine hochinteressante Sache. Irgendwann muss man sich aber fragen, wie man sich eigentlich arrangieren will. Wann haben wir Sex? Wie gehen wir damit um, wenn der Partner keine Lust hat? Gerade bei diesem Thema eskaliert es schnell, weil da tieferliegende Konflikte hochkommen. Streitmuster wiederholen sich immer wieder. Einer zieht sich meistens zurück, der andere drängt deshalb immer weiter nach vorne. Relativ schnell fragt sich dann häufig die Frau, warum sie Sex mit einem Typen haben soll, dem ihre Bedürfnisse egal sind. Das Wichtigste dabei ist, eine gefühlsmäßige Lösung zu finden. Man muss sich auf die Sicht des Partners einlassen und zeigen, dass man versteht, wie wichtig bestimmte Dinge dem anderen sind.

          Das klingt jetzt aber doch nach sehr viel Arbeit.

          Ein Grundkonflikt jeder Beziehung verdichtet sich in der gemeinsamen Wohnung. Wie weit kann ich mich selbstverwirklichen und trotzdem ein gemeinsames Leben führen? Jeder möchte dabei das tun, was er will, und dafür von dem anderen unterstützt werden. Gleichzeitig gibt es aber auch Bedürfnisse an das Leben als Paar, welche die Selbstverwirklichung einschränken. Das ist heute noch schwieriger als früher.

          Wie meinen Sie das?

          Oskar Holzberg

          Das Problem ist, dass Paare heute alles frei aushandeln können. Es gibt kein allgemeingültiges und richtiges Modell mehr. Keine festen Normen. Die Zeiten wo Papa die Kohle nach Hause brachte und Mama mit dem Haushaltsgeld das Leben in der Wohnung ordnete, sind glücklicherweise vorbei. Das ist einerseits toll, es macht aber auch vieles schwieriger. Man muss wahnsinnig viele Entscheidungen treffen. Wenn man da keine Kultur des Aushandelns entwickelt hat oder entwickelt, wird es sehr zermürbend.

          Wie kann man das schaffen?

          Das Wichtigste ist, dass man lernt, trotz des „Wir“ seine Autonomie zu behalten. Dafür muss man zuallererst zu sich selbst ehrlich sein, auch wenn es manchmal schwierig ist. Wenn ich zum Beispiel dreimal so viel verdiene wie mein Partner und er vorschlägt, dass wir alles zusammenschmeißen, mich das aber stört, dann muss ich das aussprechen können. Da ein Modell zu entwickeln, wie man solche Dinge sagt, ohne den anderen zu verletzen und auf beiden Seiten verhärtete Fronten zu haben, dauert.

          Wann sollte man denn überhaupt zusammenziehen?

          Das muss jedes Paar für sich selbst entscheiden. Meiner Meinung nach vielleicht nicht zu schnell. In der ersten Euphorie sieht man nur die Gemeinsamkeiten. Da kann man dann später herbe Enttäuschungen erleben.

          Kann man auch den richtigen Zeitpunkt verpassen?

          Wenn jemand zu zögerlich ist, weil er vielleicht sehr an der eigenen Wohnung hängt oder seinem Stadtteil, dann wird das Nicht-Zusammenziehen zu einem großen Konflikt in der Partnerschaft. Der Partner fühlt sich abgelehnt, zurückgewiesen und stellt vielleicht in Frage, wie ernst der andere die Beziehung meint und ob er wirklich wichtig für ihn ist.

          Gibt es Ihrer Meinung nach auch Konstellationen, in denen man nicht zusammenziehen sollte? Zum Beispiel, wenn man sich in sehr unterschiedlichen Lebensphasen befindet?

          Wir kennen wahrscheinlich alle die wunderbaren Geschichten, in denen ein Partner dem anderen Leben sowie Studium finanziert hat und sie sich dann trennen. Die Angst vor einem Ende der Beziehung ist gerade in solchen Konstellationen da. Wir sind heute ja meistens nicht mehr naiv, was Beziehungen angeht. Eher romantisch verklärte Realisten. Wir möchten eine gewisse Sicherheit haben. Unserer romantischen Vorstellung widerspricht so etwas natürlich. Es wäre jedoch verlogen, solche Bedürfnisse nicht auszusprechen. Generell finde ich aber nicht, dass man es in solchen Situationen nicht versuchen sollte mit der gemeinsamen Wohnung. Dadurch kann die Beziehung auch wachsen. Es müssen aber mehr Dinge geklärt und organisiert werden: Komm ich damit klar, wenn ich jeden Morgen alleine meinen Kaffee trinke und du noch pennst? Darf ich mich mit meiner Lerngruppe in der Wohnung treffen?

          Was ist, wenn man nach einer Weile in der neuen Wohnung merkt, dass es einfach nicht klappt?

          Als Paar sollte man sich dann fragen, ob das Ausdruck eines tieferliegenden Konflikts ist oder nicht. Vielleicht stellt man ja einfach fest, dass beide nur ganz unterschiedliche Wohnbedürfnisse haben. Oder die Dauernähe ist beiden zu eng. Man hatte eine gute Zeit, wenn man mal bei dem einen, mal bei dem anderen war. In der gemeinsamen Wohnung reibt man sich aber nur aneinander. Die Wohnung dann wieder aufzugeben, trauen sich aber nur die wenigsten, weil es als Scheitern empfunden wird.

          Wenn man sich aber doch dazu entscheidet, auseinanderzuziehen, ist die Beziehung doch vorbei, oder?

          Nicht notwendigerweise. Aber es ist sicherlich schwierig. Ich hatte mal ein Paar, da war er nach und nach ausgezogen, ohne es zu merken. Sie wollte die Wohnung sehr schön machen, hatte einen hohen ästhetischen Anspruch. Er fand das auch gut, es gab aber auf einmal keinen Platz mehr für seinen Computer und die alten Taschenbücher. Er fuhr sie dann einfach in seinem Auto mit sich herum. Er fühlte sich auf eine Art verdrängt und nicht akzeptiert. Als Lösung hat er sich dann eine kleine Wohnung für sich genommen. Am Ende hat sich die Beziehung dadurch verbessert.

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