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Tipps vom Paartherapeuten : Selbst der Sex muss ausgehandelt werden

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Ein Grundkonflikt jeder Beziehung verdichtet sich in der gemeinsamen Wohnung. Wie weit kann ich mich selbstverwirklichen und trotzdem ein gemeinsames Leben führen? Jeder möchte dabei das tun, was er will, und dafür von dem anderen unterstützt werden. Gleichzeitig gibt es aber auch Bedürfnisse an das Leben als Paar, welche die Selbstverwirklichung einschränken. Das ist heute noch schwieriger als früher.

Wie meinen Sie das?

Oskar Holzberg

Das Problem ist, dass Paare heute alles frei aushandeln können. Es gibt kein allgemeingültiges und richtiges Modell mehr. Keine festen Normen. Die Zeiten wo Papa die Kohle nach Hause brachte und Mama mit dem Haushaltsgeld das Leben in der Wohnung ordnete, sind glücklicherweise vorbei. Das ist einerseits toll, es macht aber auch vieles schwieriger. Man muss wahnsinnig viele Entscheidungen treffen. Wenn man da keine Kultur des Aushandelns entwickelt hat oder entwickelt, wird es sehr zermürbend.

Wie kann man das schaffen?

Das Wichtigste ist, dass man lernt, trotz des „Wir“ seine Autonomie zu behalten. Dafür muss man zuallererst zu sich selbst ehrlich sein, auch wenn es manchmal schwierig ist. Wenn ich zum Beispiel dreimal so viel verdiene wie mein Partner und er vorschlägt, dass wir alles zusammenschmeißen, mich das aber stört, dann muss ich das aussprechen können. Da ein Modell zu entwickeln, wie man solche Dinge sagt, ohne den anderen zu verletzen und auf beiden Seiten verhärtete Fronten zu haben, dauert.

Wann sollte man denn überhaupt zusammenziehen?

Das muss jedes Paar für sich selbst entscheiden. Meiner Meinung nach vielleicht nicht zu schnell. In der ersten Euphorie sieht man nur die Gemeinsamkeiten. Da kann man dann später herbe Enttäuschungen erleben.

Kann man auch den richtigen Zeitpunkt verpassen?

Wenn jemand zu zögerlich ist, weil er vielleicht sehr an der eigenen Wohnung hängt oder seinem Stadtteil, dann wird das Nicht-Zusammenziehen zu einem großen Konflikt in der Partnerschaft. Der Partner fühlt sich abgelehnt, zurückgewiesen und stellt vielleicht in Frage, wie ernst der andere die Beziehung meint und ob er wirklich wichtig für ihn ist.

Gibt es Ihrer Meinung nach auch Konstellationen, in denen man nicht zusammenziehen sollte? Zum Beispiel, wenn man sich in sehr unterschiedlichen Lebensphasen befindet?

Wir kennen wahrscheinlich alle die wunderbaren Geschichten, in denen ein Partner dem anderen Leben sowie Studium finanziert hat und sie sich dann trennen. Die Angst vor einem Ende der Beziehung ist gerade in solchen Konstellationen da. Wir sind heute ja meistens nicht mehr naiv, was Beziehungen angeht. Eher romantisch verklärte Realisten. Wir möchten eine gewisse Sicherheit haben. Unserer romantischen Vorstellung widerspricht so etwas natürlich. Es wäre jedoch verlogen, solche Bedürfnisse nicht auszusprechen. Generell finde ich aber nicht, dass man es in solchen Situationen nicht versuchen sollte mit der gemeinsamen Wohnung. Dadurch kann die Beziehung auch wachsen. Es müssen aber mehr Dinge geklärt und organisiert werden: Komm ich damit klar, wenn ich jeden Morgen alleine meinen Kaffee trinke und du noch pennst? Darf ich mich mit meiner Lerngruppe in der Wohnung treffen?

Was ist, wenn man nach einer Weile in der neuen Wohnung merkt, dass es einfach nicht klappt?

Als Paar sollte man sich dann fragen, ob das Ausdruck eines tieferliegenden Konflikts ist oder nicht. Vielleicht stellt man ja einfach fest, dass beide nur ganz unterschiedliche Wohnbedürfnisse haben. Oder die Dauernähe ist beiden zu eng. Man hatte eine gute Zeit, wenn man mal bei dem einen, mal bei dem anderen war. In der gemeinsamen Wohnung reibt man sich aber nur aneinander. Die Wohnung dann wieder aufzugeben, trauen sich aber nur die wenigsten, weil es als Scheitern empfunden wird.

Wenn man sich aber doch dazu entscheidet, auseinanderzuziehen, ist die Beziehung doch vorbei, oder?

Nicht notwendigerweise. Aber es ist sicherlich schwierig. Ich hatte mal ein Paar, da war er nach und nach ausgezogen, ohne es zu merken. Sie wollte die Wohnung sehr schön machen, hatte einen hohen ästhetischen Anspruch. Er fand das auch gut, es gab aber auf einmal keinen Platz mehr für seinen Computer und die alten Taschenbücher. Er fuhr sie dann einfach in seinem Auto mit sich herum. Er fühlte sich auf eine Art verdrängt und nicht akzeptiert. Als Lösung hat er sich dann eine kleine Wohnung für sich genommen. Am Ende hat sich die Beziehung dadurch verbessert.

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