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Feiern ohne Familie : Unser erstes Weihnachten

Wie geht Weihnachten? Klar war für Philipp und Lena nur, dass die Angelegenheit nicht in Stress ausarten durfte, weshalb niemand in ihrer kleinen Wohnung übernachten sollte. Außerdem sollte der Familienauflauf am zweiten Feiertag beendet sein. Aber der Rest? Zwei Familien, zwei Kulturen: Bei Lena zu Hause spielt sich Heiligabend jedes Jahr nach dem gleichen Muster ab, der Baum trägt Lametta, abends läuft der Fernseher. In Philipps Familie sind die Geschenke abgeschafft. Bei Lena zu Hause wird bodenständig gekocht. Philipps Eltern lieben exquisites Essen. Lena ist außerdem Vegetarierin. Und Philipps größter Wunsch war eine Art Weihnachtswanderung am ersten Feiertag. Dabei brauchen Lenas Eltern doch regelmäßig ihre Mahlzeiten...

Sollte Lenas Familie sich also nachträglich beschenken, um die anderen nicht zu beschämen? Was, wenn die Gourmetfraktion den Kartoffelsalat aus Lenas Kindheit verschmähte? Und wie käme Philipp zu seiner Wanderung, ohne seinen Schwiegervater mit einem Lunchpaket zu brüskieren oder den Mann in einen Kreislaufkollaps zu treiben? Wie schafft man es, dass alle auf ihre Kosten kommen, ohne dass sich jemand benachteiligt fühlt?

Familie muss hergestellt werden

„Ich glaube“, sagt Karin Jurczyk, „dass junge Familien sich selbst erfinden müssen sowohl in Abgrenzung als auch in Anlehnung zu dem, was ihre Herkunftsfamiliensysteme sind. Das erzeugt ein Spannungsverhältnis.“ Jurczyk leitet die Abteilung Familie und Familienpolitik beim Deutschen Jugendinstitut in München. Sie hat ein Konzept mitgeprägt, mit dem die Forschung seit gut zehn Jahren die familiäre Wirklichkeit beschreibt in Zeiten, in denen hohe Scheidungsraten, die gestiegene Erwerbsbeteiligung von Frauen und andere gesellschaftliche Entwicklungen dem Idealbild von der traditionellen Kleinfamilie merklich zugesetzt haben: Doing family. Familie ist demzufolge nichts, was selbstverständlich und naturgegeben einfach da wäre.

Wer schmückt den Weihnachtsbaum? Und vor allem: Wie wird er geschmückt?

Familie wird vielmehr hergestellt, in täglich gelebten Fürsorgebeziehungen, und zwar von den Beteiligten selbst. Das fängt bei der Frage an, wer dazugehört, wobei Blutsverwandtschaft keineswegs ein Schlüsselkriterium ist. Und es hat maßgeblich mit Ritualen, Routinen und beiläufigen Alltagshandlungen zu tun, in denen sich Zusammengehörigkeit ausdrückt.

Bewusst Neues schaffen

Nun ist Weihnachten, wie Jurczyk es sagt, das „bedeutendste Familienritual“ schlechthin: „Weihnachten stellt die Beziehungen dar wie unter einem Brennglas.“ Wer sitzt um den Baum, wer nicht? Wie werden Zeit und Zuneigung verteilt? Was wird über Geschenke zum Ausdruck gebracht? Und was für eine Familie will man überhaupt sein? Wo es kaum Konventionen und Vorgaben gibt, wächst der Raum, Rituale nach eigenen Vorstellungen zu gestalten; aus vielen kleinen Entscheidungen entsteht ein Wir-Gefühl. „Die Menschen erfinden sich ihre Tradition“, sagt Jurczyk. „Das stiftet Identität.“

Im Fall von Sophie war das ein sehr bewusster Schritt. „Das Bilden einer Tradition hat einen Wert, den ich für Kinder und Erziehung wichtig finde. Wir wollten mit der Tradition loslegen“, sagt sie. Nach der Kita las sie ihrem Sohn aus einer extra zusammengestellten Weihnachtsbibliothek vor. Als sie das erste Mal gemeinsam Plätzchen buken, plante sie schon, das auch künftig jedes Jahr an einem der Adventswochenenden zu tun. Sie muss selbst darüber lachen, wie programmatisch sie die Sache anging. Eigentlich, sagt sie, sei es schöner, wenn Dinge sich mit der Zeit ergäben. „Ich merke aber, dass mir das ganz viel bedeutet: Familie, Rituale, das gemeinsame Zelebrieren.“ Hatte sie den Weihnachtsbaum früher zusammen mit ihrem Vater gekauft, fuhr sie jetzt mit Mann und Sohn in den Wald, um eine Fichte zu schlagen. „Da haben wir was Neues gemacht“, sagt Sophie. Sie klingt zufrieden.

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