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Kinder auf Reisen : Die Kleinsten unter den Vielfliegern

Endlich am Ziel: In München übergibt der Lufthansa-Mitarbeiter den Sechsjährigen an seinen Vater. Bild: Jan Roeder

Rund 70.000 Kinder fliegen jedes Jahr allein mit der Lufthansa. Julian ist sechs und einer von ihnen. Von Aufregung ist bei ihm aber keine Spur.

          Noch eine Minute. Dann wird der Lufthansa-Check-in-Schalter schließen. Da kommt durch die Drehtür in der Abflughalle des Flughafens Münster-Osnabrück eine junge Frau mit einem kleinen Jungen an der Hand gehetzt. Sie zieht einen kleinen blauen Rollkoffer hinter sich her und wirft mit Schwung einen kleinen gelben Pastikbeutel auf den Schalter. „Wir standen im Stau“, erklärt sie und wirkt ziemlich mitgenommen. Der kleine Junge neben ihr guckt mit großen Augen zu ihr hoch.

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die beiden, das sind Julian, 6, und seine Mutter. Julian soll gleich zu seinem Papa nach München fliegen, allein. Er macht das regelmäßig, seit er fünf ist. Kurz vor seinem fünften Geburtstag haben sich seine Eltern getrennt, und bei Kindern ab fünf Jahre erlaubt die Lufthansa Fliegen ohne Begleitung. Julian ist also schon ein Vielflieger, obwohl er noch gar nicht in die Schule geht. Als er das erste Mal allein geflogen ist, sei das für sie ein seltsames Gefühl gewesen, sagt seine Mutter: „Ich hatte Tränen in den Augen. Das kleine Kind mit dem riesengroßen Koffer alleine in den Flieger steigen zu lassen. Das hatte so ein bisschen was damit zu tun, dass er sich von mir abnabelt und selbständig wird.“

          Alle Dokumente in einem gelben Täschchen

          Jetzt sind die beiden aber schon ziemlich routiniert. Und Julian muss schnell ins Flugzeug, er ist verdammt spät dran. Er wird schon ausgerufen, als er noch gar nicht durch die Sicherheitskontrolle ist. Dann findet der Kontrolleur auch noch ein Fläschchen Hustensaft in seinem Koffer. „Den muss ich mir mal ansehen“, sagt er. Julians Mutter kriegt fast einen Nervenzusammenbruch. Dann schaffen sie es aber doch noch rechtzeitig ans Gate. Zum ersten Mal, seit er den Flughafen betreten hat, sagt Julian jetzt etwas: „Guck mal, da ist der Passagierfinger!“

          Normalerweise dürfen alleinreisende Kinder als Erste einsteigen, aber weil Julian fast zu spät gekommen ist, steigt er nun als Letzter ein. Seine Mutter hängt ihm das gelbe Täschchen um, darin stecken Bordkarte, Ausweis und die Einwilligungserklärung seiner Eltern, dass er allein fliegen darf. Dann gibt sie ihm einen Kuss: „Viel Spaß beim Papa. Er soll mich anrufen, wenn du da bist. Damit ich weiß, dass du gut angekommen bist.“ Noch ein Kuss. Julian ist blass. Er musste sich vor dem Flug fünfmal übergeben. „Magen verdorben“, vermutet die Mutter. Oder die Aufregung? „Er hat auch eine Spucktüte dabei“, flüstert sie.

          „Na, Julian, dann komm mal mit“, sagt eine resolute blonde Dame vom Bodenpersonal, die gerade noch das Boarding beaufsichtigt hat. Sie nimmt ihn an der Hand. Den Rollkoffer zieht sie hinter sich her. Während sie mit Julian den Passagierfinger entlanggeht, fragt sie ihn, wer ihn abholt und wie lange er in München bleiben wird. Dann übergibt sie den Sechsjährigen ihren Kolleginnen im Flugzeug: „So, wir haben hier noch einen kleinen Nachzügler. Tschüss, Julian!“

          Sofort beugt sich eine Flugbegleiterin zu Julian. Auch sie will wissen, wen er in München besucht, und dann fragt sie noch, ob er schon mal geflogen ist und reicht ihm ein kleines Heft mit Flugzeug-Aufklebern. Dann überlegt sie es sich anders und steckt es zu den Sachen in seinem gelben Beutel: „Sonst ist er überfordert“, sagt sie.

          Keine Langeweile, keine Angst, bloß Faszination und Vorfreude

          Dann schiebt sie Julian den Gang entlang zu seinem Platz. Routiniert verstaut sie seinen Koffer, seine Jacke und seine gelbe Tasche, dann gibt sie ihm noch ein kleines Kissen und zeigt ihm, wo er nach ihr „bimmeln“ kann. Anschnallen will sich der kleine Vielflieger allein. „Du bleibst hier sitzen, bis wir dich wieder abholen“, schärft sie ihm ein. Er guckt und schweigt. Er hat das alles ja schon so oft gehört. Sein Vater wird nach der Landung erzählen, Julian sei auf einem vorherigen Flug mal von einer Stewardess gefragt worden, ob er nervös sei oder ins Cockpit wolle. Julian habe beides verneint, mit der Begründung, es sei ja schließlich nicht das erste Mal, dass er fliege.

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