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Kommentar zur Zeitumstellung : Wenn die Uhren anders gehen

  • -Aktualisiert am

Unnötige Arbeit? In der Nacht zum Sonntag werden die Uhren wieder auf Winterzeit umgestellt. Bild: dpa

Die Zeitumstellung abschaffen? Klingt wie ein bürgernahes Projekt. Aber es könnte gut sein, dass der populistische Anflug der Kommission nicht mehr Begeisterung für die EU weckt – sondern weniger.

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          In der Nacht zum Sonntag werden die Uhren umgestellt. Wie war das noch? Nach vorne? Oder zurück? Eine Stunde früher aufstehen? Oder eine Stunde länger schlafen? Auswendig weiß das nur der liebe Gott. Alle anderen müssen nochmal nachschauen. Immerhin hört man, dass wir wieder eine Stunde mehr haben. Aber wofür? Und: Wird einem die Stunde wirklich geschenkt? Oder wird sie nicht anderweitig vom allzu schmal bemessenen Lebenszeitkonto wieder abgezogen?

          Um all die Fragen zur Umstellung von der Sommerzeit auf die Normalzeit namens Winterzeit zu beantworten, braucht man sicher mehr als eine Stunde. Aber so viel ist klar: Die vorgeschlagene Abschaffung der Zeitumstellung, die von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker nach einer fadenscheinigen Online-Abstimmung gutgeheißen wurde – sie würde das Leben in Europa komplizierter machen.

          Schon jetzt gibt es drei Zeitzonen in der EU. Nur in Deutschland und 16 weiteren Staaten gilt dieselbe Zeit. Acht Länder (unter anderem Bulgarien, Estland, Finnland) sind eine Stunde voraus; Irland, Portugal und Großbritannien sind eine Stunde zurück. Immerhin: Großbritannien kann man bei dem nun beginnenden Durcheinander schon einmal gedanklich aussortieren.

          Die großen Fragen der Menschheit sind in Brüssel auf Arbeitsgruppenebene abgesackt. Plötzlich entdecken alle, dass alle anderer Meinung sind. Die baltischen Staaten wollen eine dauerhafte Sommerzeit, die Slowakei will dauernde Winterzeit, Portugal bliebe gerne beim halbjährlichen Wechsel.

          Ließe man den Ländern die Entscheidungsfreiheit (und das ist aus Gründen der Bürgernähe so geplant), endete das Unterfangen im Chaos. Bahn-, Schiffs-, Flugverkehr – man mag sich all die Verspätungen gar nicht ausmalen; wer weiß, vielleicht wird die Bahn dann sogar wegen der vielen Verfrühungen kritisiert!

          Die Abschaffung der Zeitumstellung in Russland 2011 hätte ein mahnendes Beispiel sein können. Die „ewige Sommerzeit“ hielt dort nur so lange, wie Putin „ewig“ definiert: drei Jahre. Seit 2014 gilt die „ewige Winterzeit“ – die in einigen Regionen schon wieder abgeschafft ist. Für Europa bedeutet das: Es könnte gut sein, dass der populistische Anflug des Kommissionspräsidenten nicht mehr Begeisterung für die EU weckt, sondern weniger. Denn in Europa gehen die Uhren oft ganz anders, als man denkt.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

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