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Norbert Blüm und Ai Weiwei : Zwei Kurztrips in den Regen von Idomeni

Künstlerbesuch in Idomeni: Eine Syrerin spielt Klavier im Schlamm und Ai Weiwei hält die Plane. Bild: AP

Während die Menschen im provisorischen Flüchtlingslager in Idomeni mit Regen und Schlamm zu kämpfen haben, besuchen auch Politiker und Künstler das Camp. Wollen sie helfen oder sich selbst profilieren?

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          Ein Künstler habe es gut, hat der Berliner Volkserzieher Max Goldt schon vor vielen Jahren festgestellt: Er brauche nur eine alte Tür mit Farbe zu beschmieren und zu behaupten, das Resultat sei Kunst. „Käme dagegen ein Richter mit so einer Tür und sagte: ,Das ist Gerechtigkeit’, würde man ihn verhöhnen. Und einem Lehrer, der sich herausnähme, auf besagte Tür zu deuten mit dem Hinweis, dieses sei Erziehung, würde es kaum besser gehen.“ Ein Künstler dagegen, der eine beschmierte alte Tür Kunst nenne, ernte Lob, Zustimmung, und hochdotierte Preise.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Wenn der Goldtsche Lehrsatz wahr ist, hat sich der Chinese Ai Weiwei, der zuletzt durch die Nachahmung eines angeschwemmten Pottwals an der türkischen Küste Aufsehen erregt hatte, am Wochenende die Anwartschaft auf neue Lorbeerkränze errungen. Ai Weiwei ließ am Samstag nämlich einen weißen Flügel in das regenüberströmte Lager bei dem griechischen Grenzort Idomeni bringen, wo seit vielen Tagen mehr als 10.000 Migranten in Morast und Kälte ausharren, statt das Angebot der Behörden anzunehmen, in eines der von der griechischen Armee errichteten wetterfesten Übergangslager zu gehen.

          Weißer Flügel im Schlamm von Idomeni. Künstler Ai Weiwei will auf die die Situation der Flüchtlinge aufmerksam machen.

          Der Chinese und einige Helfer hielten eine Plastikplane hoch, unter der sitzend eine Syrerin im Regen am Flügel zu spielen versuchte. Das beherrschte sie zwar nicht recht, doch das Ergebnis war trotzdem oder just darob irgendwie Kunst und sollte auf die schwierige Lage der Migranten in Idomeni und die Untätigkeit der Politik aufmerksam machen. Oder so ähnlich.

          Während griechische Behörden am Samstag in Idomeni Flugblätter auf Arabisch, Farsi und Paschtu verteilten, auf denen den Migranten angeboten wurde, in die zum Teil nur halbvollen Lager im Landesinnern umzuziehen, kam schon der nächste berühmte Gast: Norbert Blüm (CDU) zeltete eine Nacht in Idomeni und sprach von einer „Kulturschande“. Damit meinte der ehemalige Minister natürlich nicht seinen scheinheiligen Kurztrip ins Elend, sondern die Zustände, unter denen die Menschen dort leben. Medien berichteten über Blüms „Aktion“ wie immer in solchen Fällen: „Er will ein Zeichen setzen.“ Tatsächlich hat Blüm vor allem ein Fragezeichen gesetzt. Sagt ihm wirklich keiner, dass er das demokratische Recht, sich zum Gespött zu machen, nicht wahrnehmen muss?

          Einprägsamer als Blüms humanistisch verbrämter Abenteuerurlaub an der griechisch-mazedonischen Grenze war die Reaktion eines arabischen Familienoberhaupts aus dem Irak: „Seht diesen Mann hier aus Deutschland! Er hat eine Nacht bei uns verbracht. Ich frage: Wo sind die arabischen Führer? Was hört man von ihnen? Was tun sie für uns? Nichts!“

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