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Mit Gerhard Polt im Wirtshaus : „Die meisten Täter kommen passabel daher“

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Trinkt sein Bier lieber nicht allein: Gerhard Polt im Münchner Wirtshaus „Paulaner im Tal“ Bild: Müller, Andreas

Wir wollten mit Gerhard Polt über Weihnachten sprechen. Er aber nicht. Dafür lieber über andere Dinge: Ein Gespräch über Wladimir Putin, Menschsein und Alleintrinker.

          7 Min.

          Wirtshaus „Paulaner im Tal“, München, Termin mit Gerhard Polt. Eigentlich wollten wir ihn zum Thema Weihnachten befragen – genügend Anknüpfungspunkte in seinem Werk gibt es. Aber irgendwie kommen wir erst einmal auf die DDR. Polt trat dort 1985 zusammen mit der Gruppe „Biermösl Blosn“ auf, als einer der ersten Kabarettisten aus dem Westen.

          Wollten Sie in der DDR eine politische Botschaft rüberbringen?

          Wir haben natürlich gewusst, dass wir die DDR nicht umkrempeln werden. Aber wenn man schon da rüberfährt, dann will man auch ein paar Sachen loswerden. Das Verwunderliche war, dass nicht die Dinge provoziert haben, von denen wir gedacht haben, sie würden provozieren, sondern eine Geschichte, die ich für harmlos gehalten habe. Mir hat mal einer gesagt, er finde Russen grundsätzlich sympathisch, der Russe als Mensch sei überhaupt tadellos, er habe sie aber selten kennengelernt, weil er sie hauptsächlich erschossen habe. Das habe ich da erzählt. Da wurde es ganz still im Saal. Hernach habe ich erfahren, dass das Wort „Russe“ in der DDR quasi verboten war. Die Leute wussten, dass man das nicht sagt, so ähnlich wie bei uns „Neger“. Man musste „Sowjetmensch“ sagen oder „unsere Freunde in der Sowjetunion“.

          Heute ist das Wort „Russe“ ja wieder in aller Munde.

          Ich habe kürzlich im Fernsehen ein Putin-Interview gesehen, sehr staatstragend und sicher auf hohem Niveau. Ich habe mir aber gedacht: Wäre es nicht gut, wenn der Journalist den Herrn Putin fragen könnte: „Wo haben Sie denn Ihren Anzug gekauft?“ Oder: „Wissen’S, bei uns ham viele Angst vor Eana. Muss man vor eana Angst haben? Gell ned, Sie tun doch keiner Fliege was zuleide.“ Danach kann man immer noch sagen: „Und, Herr Putin, Ukraine, wie schaut’s aus?“ Ich meine, man müsste sich eine Person wie den Putin irgendwie herprivatisieren. Vielleicht hat der Putin ja so einen Humor und sagt dann auf die Anzugfrage: „C&A“. Aber so gibt er halt stereotype Antworten, und man kommt ihm keinen Zentimeter näher.

          Würden Sie selbst in eine politische Talkshow gehen?

          Ich habe solche Angebote immer abgelehnt, weil ich das Gefühl hatte, dass auch von mir Stereotype erwartet werden, ein paar witzige Bemerkungen. Und danach heißt es dann: „So, Spaß beiseite, jetzt reden wir über die Krim.“

          Apropos beiseite: Wollen wir langsam auf unser Thema Weihnachten einschwenken?

          Aber erst bestellen wir doch was, oder?

          Polt, der abends noch bei der Feuerwehr in Ottobrunn auftritt, bestellt „eine leichte Weiße“.

          Sie sind gerne in Wirtshäusern?

          Mich interessieren die Leute dort. Vor allem mit Wirten bin ich gerne in Berührung. Die sind ja auch Zwischenwirte.

          Was meinen Sie damit?

          Da kommt was, eine Geschichte, der Wirt nimmt sie an und gibt sie weiter.

          Ist das noch so?

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