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Mit Gerhard Polt im Wirtshaus : „Die meisten Täter kommen passabel daher“

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Das entspricht genau meiner Vorstellung: dass die meisten Täter einschließlich man selber angenehm sind oder zumindest passabel daherkommen. Aber es passiert eben ganz schnell, dass ein Mensch, und sei es nur mit einem Nebensatz, ins Bodenlose kippt. Da sitzt dann einer und sagt, wie schön es bei uns in Bayern ist, der Himmel weiß und blau und die Kühe – ein Idyll. Und dann: „Ein Neger würde da nicht reinpassen.“ Aber das sagt der nicht böse. Das ist halt seine Meinung. Und dann zuckt natürlich jeder zusammen und denkt, hoppla, das war jetzt natürlich allerhand.

Was macht man in dieser Situation als Gesprächspartner?

Es gibt Leute, die nicht zuletzt deshalb auf die Möglichkeiten des Humors vertrauen, um aus solchen Aussagen die Luft rauszulassen. Was auch hilft, ist Erfahrung. Ich war noch ein Kind, ungefähr acht Jahre alt, als Flüchtlinge aus Schlesien mit die Ersten im Ort waren, die ein Haus gebaut haben. Und da hat dann eine Frau, ich seh ihr Gesicht noch vor mir, geschimpft, wo diese Flüchtlinge das Geld her hätten und dass man da einen Benzinkanister reinschmeißen müsste und das Haus anzünden. So ein Hass, gegen die eigenen Leute. Und die waren sogar noch katholisch! Ich sage das deshalb, weil mir das geholfen hat, um später wenigstens ein bisschen zu verstehen, was zum Beispiel in Jugoslawien passiert ist. Aber ich kann das nur erzählen. Was ich im Endeffekt damit bezwecke, weiß ich auch nicht.

Eine Frau kommt in Begleitung ihres Mannes an den Tisch: „Herr Polt, es ist so schön, dass ich Sie so live erleben darf.“

„Des is nix Bsonders.“

„So schön! Kann man was nachlesen, oder kommt was im Fernsehen?“

„Wenn Sie was wollen, in jeder Buchhandlung gibt’s was.“

„Das wissen wir, das kennen wir, Herr Polt, von Ihnen. So schön, und entschuldigen Sie vielmals die Störung, aber ich konnte nicht anders!“

„Dankschön, gell, Wiederschaun.“

Jetzt haben wir noch gar nicht über Weihnachten gesprochen.

Wir hatten es doch gerade von den menschlichen Unzulänglichkeiten. Da passt Weihnachten doch gut rein. Es gibt ja von der Mitscherlich das Buch „Die Unfähigkeit zu trauern“. Das könnte man ergänzen: „Die Unfähigkeit zu feiern“. Für viele ist feiern ein echtes Problem. Soweit ich weiß, gibt es inzwischen sogar Kurse, wo Leute unter Anleitung lernen können, wie eine Feier nicht nur zu organisieren, sondern auch zu begehen ist.

Sie sind in Altötting groß geworden. Mit Weihnachten dürften Sie doch keine Schwierigkeiten haben.

Altötting ist für mich eine Welt, von der ich heute noch zehre. Aber seit dieser Zeit ist etwas tief in mir drin, das sich gegen Kollektivaufforderungen sträubt. Wenn der Pfarrer gesagt hat, so, jetzt knien wir uns hin, und dann merk ich, der neben mir hat nur einen Fuß und kniet sich trotzdem um jeden Preis hin, nur weil der da vorne sagt: Knie dich hin, dann fand ich das unangenehm, aber auch komisch.

Komisch im Sinne von lustig?

Im Sinne von seltsam und lustig. Mir fällt da eine Geschichte ein, die mir meine Mutter erzählt hat. Sie war mit zwei anderen Mädchen am Odeonsplatz in München, als der Hitler eine Rede gehalten hat. Die waren noch jung, damals gab es das schöne Wort „Backfisch“ noch, und sie sahen, wie die Leute gebannt zugehört haben und wie der da oben immer mehr schreit und rumfuchtelt. Das fanden sie komisch, und dann haben sie angefangen zu lachen. So beginnt die Blasphemie.

Sie spüren in sich keinen Bedarf nach letzten Wahrheiten?

Ich meine, der Seneca hat gesagt: „Du wirst lächerlich, wenn du Fragen stellst, die du nicht beantworten kannst.“ Aber wenn einer meint, dann soll er’s halt machen. An Weihnachten sowieso.

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