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Mit Gerhard Polt im Wirtshaus : „Die meisten Täter kommen passabel daher“

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Ja, aber mit Rahmenhandlung. Wenn ich weiß, so etwas gibt es tatsächlich, dann kann ich auch etwas dazu unterstellen, dann kann ich über- oder untertreiben. Aber natürlich bewege ich mich beim Schreiben oder auf der Bühne in Grauzonen der Realität, in denen es nicht um Wahrheit geht, sondern allenfalls um die Wahrscheinlichkeit der Wahrheit. Der Dialekt erleichtert den Zugang dazu, weil er diverse Möglichkeiten des Konjunktivs und des Irrealis kennt.

Im Moment gibt es unter Didaktikern ja eine Tendenz zurück zum Dialekt.

Was die Didaktiker machen, ist wurscht, das ist viel zu abgehoben. Aber klar ist: Fast alle großen deutschen Literaten waren Dialektsprecher, vom Schiller bis zum Goethe. Auch Musiker, der Mozart, die haben alle Dialekt gesprochen.

Thomas Mann?

Der nicht. Der ist aber auch unangenehm aufgefallen.

Inwiefern?

In seiner Zeit in München war der als Bürger isoliert. Der blieb in dieser Stadt immer ein Fremder.

Selbstverschuldet?

Irgendwie schon. Er begriff sich halt als Teil der höheren Schichten, er wurde ja auch sehr hochgehoben, und ich will ihn da gar nicht runterstoßen. Aber andere Schriftsteller seiner Zeit, Oskar Maria Graf oder Feuchtwanger, deren Geschichten haben für mich eine viel größere literarische Kraft.

Weil sie sich besser in die Alltagsmenschen einfühlen konnten?

Es kommt natürlich immer darauf an, worauf ein Schriftsteller abzielt, wem er was erklären, welche Menschen er zeigen will. Aber warum ist für mich der Ludwig Thoma so interessant oder der Gerhart Hauptmann oder der Eckhard Henscheid? Der Hauptmann war einer der Ersten, die Menschen auf die Bühne gehievt haben, deren privates Schicksal zuvor niemanden interessiert hat. Dasselbe gilt für Ludwig Thoma, der hat die Bauern aus dem Dekorbauerntum herausgeholt. In Henscheids „Vollidioten“ ist es ähnlich. Nur dass es da um Schnapstrinker geht. Die sitzen in ihrem Stüberl, und auf einmal geht ein Raunen durch den Raum, weil der Sowieso zum ersten Mal in seinem Leben einen doppelten Jägermeister bestellt hat. Der hat sonst immer einen einfachen bestellt, und jetzt nimmt der einen doppelten. Ungeheuerlich! Da tut sich ein ganzes Universum auf, und die Frage ist immer: Welche Menschlichkeit steckt da drin – und welches Bestiarium?

Lernen Sie im Wirtshaus mehr über die Menschen als im Literaturhaus?

Im Zweifel ja. Deswegen ist der Lokalreporter für mich auch der interessanteste Journalist. Ich kenne Auslandskorrespondenten: alles wunderbare Leute, gescheit, gebildet. Aber nichts gegen das, was die Lokalreporter zu erzählen haben, die bei den Bienenzüchtern dabeisitzen oder wenn im Gemeinderat darüber entschieden wird, ob eine Straße verbreitert werden soll. Und erst die Partisanenkriege am Gartenzaun! Oder wenn einer seine Garage so baut, dass sie dem Nachbarn die Sicht verstellt. Das ist für mich interessanter, als wenn ich höre, dass ein afrikanischer Diktator Leute umbringt. Das weiß ich eh, und so viele Methoden des Meuchelns gibt es auch wieder nicht.

Finden Sie es erschreckend, dass Ihre Figuren noch in der größten Niedertracht Sympathien bei den Leuten wecken?

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