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Mit Gerhard Polt im Wirtshaus : „Die meisten Täter kommen passabel daher“

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Man findet diese Form des Menschseins immer weniger. Wenn man heute Kommunikation sagt, dann meint man das Handy. Das Ganze hat aber auch eine wirtschaftliche Dimension. Früher saßen Leute unterschiedlichster sozialer Herkunft oft stundenlang im Wirtshaus und haben geredet, Witze erzählt oder Karten gespielt. Aber das geht heute nicht mehr, auch in München nicht, weil der Druck der Brauereien so groß und die Mieten so hoch sind, dass ein normaler Wirt nicht zuschauen kann, wenn die Leute wenig konsumieren. Er braucht zahlungskräftiges Publikum, das isst und dann schnell wieder geht. So wurde das Wirtshaus zur Gaststätte. Und für die, die sich das nicht leisten können, wurde die Wärmestube eingeführt. Ich habe da nichts dagegen, aber es hat halt schon einen sozialen Touch. Bei vielen führt das dazu, dass sie gleich in ihrer Einzimmerwohnung bleiben und dort alleine ihre Biere trinken.

Da also sind die Originale abgeblieben?

Die sind heute im Heim und werden gewindelt. Die gesamte Gesellschaft wird ja immer abgerundeter und aufgeräumter. Vieles ist verschwunden. Es gibt zwar Dokumentationen und Archive, aber den Duft und den Dunst von Dingen, den kannst du nicht konservieren. Schwund gab es schon immer. Nur dass der Schwund heute weniger bemerkt wird. Wenn einer noch nie einen Spatzen gesehen hat, dann wird er den Spatzen auch nicht vermissen, wenn es ihn nicht mehr gibt. Dafür gibt’s eben eine neue Eissorte.

Wie steht es um den Schwund in der Kultur?

Ich habe kürzlich einen getroffen, der ein Buch über die Schwester von Remarque geschrieben hat. Der hat im Radio ein Interview gegeben. Und als dann die Rede auf Remarque kam, sagte die Interviewerin, eine Germanistin und offenbar nette Frau: „Muss man den kennen?“ Anderes Beispiel: Ein Freund von mir, der an der Kunstakademie in München war, hat bei der Abnahme der Prüfung von Zeichenlehrern fürs Gymnasium nach Goya gefragt. Und siehe da: nie gehört.

Wie gehen Sie als Kabarettist damit um?

Ich mache es zum Thema. Wobei ich mich bei Figuren oder Geschichten immer frage: Hat das was Exemplarisches? Was Symptomatisches? Ein einzelner Exzess würde mich nicht interessieren. Wenn die Geschichten auf wahren Begebenheiten beruhen oder zumindest authentische Anteile haben, dann tue ich mich selber leichter, weil ich weiß, das ist nicht aus den Fingern gesaugt.

Können Sie ein Beispiel nennen?

In einem Geschäft kam mal eine Frau auf mich zu, sie kenne mich vom Fernsehen, und ich solle doch endlich mal die Schweinerei bringen, die ihr passiert sei. Ihr Mann habe ein Kind totgefahren, was ihr und ihrem Mann natürlich sehr leid tue, aber die Eltern des toten Kindes wollten jetzt einen Haufen Geld von ihnen. Das sei doch ein Skandal, weil, wenn das Kind an Leukämie gestorben wäre, dann hätten sie ja auch nichts gekriegt.

Sie haben der Frau den Gefallen getan?

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