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Wehrmachtskinder in Finnland : Nicht mit dir!

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Liebende im Krieg: Rosa und Fritz als mittleres Paar im Gruppenbild Bild: Irja Wendisch/Ajatus Kirjat

Im Zweiten Weltkrieg zeugten viele Wehrmachtssoldaten Kinder mit finnischen Frauen. Die galten fortan als Nazi-Huren, ihr Nachwuchs als Bastarde. Es folgten Scham und Ausgrenzung. Manche Mütter und Kinder brechen erst jetzt ihr Schweigen.

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          Als ich an der Tür der alten Dame klingle, im dritten Stock eines Mehrfamilienhauses in Finnlands nördlichster Stadt Kemijärvi, ist es halb sechs am Nachmittag. Eine ziemlich schlechte Besuchszeit: Im Fernsehen läuft „Sturm der Liebe“, das deutsche Original, mit finnischen Untertiteln. Ein fester Termin im Tagesrund. Helli-Maija Peltoniemi, 89, hat es sich in ihrem Ohrensessel bequem gemacht. Sie hat eine fast jugendliche Figur und diese typisch hohen Wangenknochen der Samen, der Ureinwohner Lapplands. Ihre Haare sind weiß und kurz, sie trägt ein zitronengelbes Shirt und eine helle Stoffhose. In ihrer Dreizimmerwohnung mit Sauna lebt sie allein, vor dem Balkon glitzert die Sonne Sterne in den Pöyliöjärvi-See. Und auf dem Bildschirm scheitert eine junge Gärtnerin gerade daran, den bestellten Rosmarintopf einer Kundin zu finden. Aufgelöst stammelt sie, „Ja, nein, äh“ und dann irgendwas von Bauchschmerzen. „Was denn für Bauchschmerzen...?“, fragt die Kundin. Helli-Maija ahnt schon, was jetzt kommt: „Die ist schwanger!“, ruft sie dazwischen. Eine junge Frau, ein uneheliches Kind - das klingt fast wie ein Teil ihrer eigenen Geschichte.

          Helli-Maija mit ca. 19 Jahren

          Als ihre Tochter Maija geboren wurde, war Helli-Maija 19 Jahre alt. „Das ist einfach so passiert“, sagt sie heute: „Ich hatte ja keine Ahnung, keiner hat mich aufgeklärt, das Wort Sex war tabu. Dabei wussten doch alle Bescheid in der Kaserne!“ Aber Joksch - ganz begeistert sei er gewesen, er habe sich unheimlich gefreut auf das Kind.

          Lappland, 1941. Die 17-jährige Küchengehilfin Helli-Maija und der Oberfeldwebel Rudolf Joksch lernen sich bei der Arbeit kennen, in der Kasernenkantine von Misi, im finnischen Nirgendwo, Lichtjahre von Jokschs Heimat in Mähren entfernt. Mehr als 200.000 Wehrmachtssoldaten sind in Lappland stationiert, einer Region mit gerade mal 180.000 Einwohnern. Die finnischen Männer an der Front, sagt Helli-Maija, hätten die Deutschen gehasst, weil sie ihnen die Frauen weggenommen hätten. Und die finnischen Frauen liebten die deutsche Art: So höflich und zuvorkommend seien sie gewesen. „Ganz anders als die finnischen Hinterwäldler! Die haben keine Manieren, das war immer so und wird so bleiben. Da kann die Welt kopfstehen! Ich war später 35 Jahre lang mit einem Finnen verheiratet. Er hat nicht einmal gesagt, dass er mich liebt. Von Joksch hab ich das jeden Tag gehört.“

          Helli-Maija spricht über ein Tabu-Thema

          Helli-Maija ist eine von vielen finnischen Frauen, die im Zweiten Weltkrieg mit einem deutschen Soldaten anbandelten. Aber sie ist eine der wenigen, die darüber spricht: Die meisten Zeitzeuginnen sind längst tot, für andere ist das Thema ein Tabu, auch nach 70 Jahren noch. Helli-Maija gehört zu jenen, die das Schweigen brechen wollen. Ihre Geschichte erzählen, in der es um eine große Liebe geht. Um Scham und Schuld, um Stolz und Vorurteil, um Krieg und Frieden.

          Wenn man einen Atlas aufschlägt, erkennt man in Finnland mit etwas Phantasie eine füllige, einarmige Mädchenfigur, die „Suomi-neito“. Kemijärvi liegt etwa auf der Höhe ihres Herzens, bis zur Stirn sind es noch mal gut 500 Kilometer. Einen ihrer Arme, die Gegend um Petsamo, musste Finnland nach der Niederlage im Zweiten Weltkrieg an die Sowjetunion abtreten, es ist heute russisches Staatsgebiet. Der Rücken ist eine fast 1300 Kilometer lange Grenze zu Russland, eine gezackte Narbe, die nicht recht verheilen will. Alles Schweigen schaffte die Niederlage gegen die Russen nicht aus der Welt, sie nagt bis heute am finnischen Nationalgefühl - ebenso wie die Scham über die Zusammenarbeit mit den Deutschen. Denn anders als etwa in Norwegen, wo der Staat Wehrmachtskinder sogar als Arbeitersklaven nach Australien verkaufen wollte, waren die Deutschen in Finnland keine Besatzer, sondern lange Jahre Waffenbrüder im Kampf gegen den gemeinsamen Feind Russland.

          Helli-Maija nimmt die Fernbedienung, drückt die Schwangere auf dem Bildschirm weg und erzählt doch lieber ihre eigene Geschichte. Wie sie sich nachts heimlich trafen, in den Wäldern oder im Quartier des Oberfeldwebels. Wie er sie mitnahm zu den geschlossenen Veranstaltungen im Offizierskasino, wo die Soldaten mit ihren finnischen Freundinnen Tango tanzten. Groß und schön sei er gewesen! Und so kultiviert, ein Opernfan. Er kümmerte sich, brachte Helli-Maija zum Zahnarzt, spendierte ihr Amalgamfüllungen. Es gab echten Kaffee bei ihm und nicht das fade Getreidegebräu von daheim. Er schenkte ihr Lederschuhe, ein schokoladenbraunes Kleid, Nylonstrümpfe. Und schließlich, mit dem Verlobungsring, auch einen großen Traum.

          Doch der Traum bekommt schon im Spätsommer 1944 erste Risse. Joksch liegt wegen eines Infekts im Spital weiter südlich in Oulu. Eine Krankenschwester fädelt ein Treffen ein, damit das Paar in einem winzigen Zimmerchen ein paar Minuten ungestört sein kann. „Da standen wir. Haben geweint“, sagt Helli-Maija. Hochschwanger ist sie damals, und er erklärt, dass die Deutschen wohl bald aus Lappland abgezogen würden. Dass man auch ihn aus dem Krankenhaus holen wird.

          Waffenbrüder im Zweiten Weltkrieg

          Im September 1944 ist es so weit. Weil die Finnen eine deutsche Niederlage ahnen, unterzeichnen sie einen Sondervertrag mit den Russen. Von heute auf morgen steht alles unter neuen Vorzeichen: Militärische Freunde werden zu Feinden, persönliche Beziehungen stehen ebenso in Frage wie die Zukunftspläne der Menschen.

          Was auch für Helli-Maijas Leben schicksalhaft ist, ist für Pentti Airio spannende Forschungsmaterie. Knapp 1000 Kilometer südlich, in Helsinki, ruhen in den engen Regalreihen der Bibliothek der finnischen Militäruniversität die wissenschaftlichen Zeugnisse aus der Kriegszeit. Pentti Airio wuchtet die Ausgaben des „Lappland-Kuriers“ von 1941 bis 44 auf den Tisch - die damalige „Zeitung für deutsche Soldaten in Nordfinnland“. Der Historiker beschäftigt sich seit Jahren mit der Beziehung von Deutschen und Finnen im Zweiten Weltkrieg. „Sie waren Waffenbrüder, nicht Alliierte. Das ist wie bei Liebesbeziehungen“, sagt er.

          Es gebe Beziehungen, in denen beide getrennt wohnen und ihr eigenes Geld hätten. Oder das Paar lebe zusammen, sei aber nicht auf dem Papier liiert. Und es gebe die offizielle Ehe. Das Verhältnis von Deutschen und Finnen sei eine Art offene Beziehung mit gemeinsamem, für die Deutschen recht gewöhnungsbedürftigem Wohnsitz gewesen. Die Finnen seien gewissermaßen zu Fremdenführern geworden, bei denen die Deutschen gewohnt hätten. Sie hätten zuverlässig Miete gezahlt und sich mit Mitbringseln beliebt gemacht. „Nylonstrümpfe oder Obst - Dinge, die man hier oben nicht kannte oder hatte.“ Und Frauen aus ganz Finnland bewarben sich um die Jobs bei der Wehrmacht - es sprach sich herum, dass die deutschen Waffenbrüder stattliche Gehälter zahlten.

          Stalin fordert Vertreibung der Deutschen

          Umso größer ist die Ratlosigkeit im Herbst 1944, als der Vertrag von Moskau die Vertreibung der Deutschen verlangt: Wie umgehen mit Freunden, mit Kameraden, die buchstäblich von heute auf morgen Feinde sind? Anfangs unterstützt die finnische Armee sogar den Abzug der Deutschen, keine Seite will gegen die andere kämpfen, sagt Airio: „Ein Bekannter, der dabei war, erzählte, dass sie noch verletzte Deutsche heimlich auf die deutsche Seite brachten. Zwischenmenschlich war da kein Hass, zumindest anfangs.“

          Doch Stalin fordert die Vertreibung der Deutschen innerhalb von 14 Tagen. Die Frist ist zu kurz, die Forderung unrealistisch. „Die mussten ja nicht nur ihre Truppen abziehen, sondern das ganze Kriegsmaterial, das war unmöglich“, sagt Airio. Der russische Druck ist so stark, dass es schließlich doch zu Kämpfen kommt - was die Finnen in deutschen Augen zu Verrätern macht.

          Bei ihrem Rückzug aus Lappland stecken die Deutschen Dörfer, Straßen und Brücken in Brand - der Feind soll im bevorstehenden Winter kein Obdach finden. Sie hinterlassen auch deshalb verbrannte Erde, weil sie mit einem russischen Vormarsch rechnen. Auf drei einmütige Jahre mit den Deutschen folgt also eine kurze Zeit der Feindschaft. Und dieser Lapplandkrieg hat die finnische Gesellschaft nachhaltig geprägt. Er machte Freundschaften mit Deutschen zum Tabu, und die finnischen Liebhaberinnen zu „Nazi-Huren“. In der Nachkriegszeit versteckten diese jungen Mütter oft ihre Kinder oder verleugneten sie.

          Finnland ist für Sabine eine Herzensangelegenheit

          Am nächsten Morgen steht Helli-Maija viel zu früh vor ihrer Haustür. Sie ist aufgeregt: Ihre Tochter und ihre Enkeltochter sind auf dem Weg zu ihr - und mit dem Besuch aus Deutschland kehrt immer auch ein Stück Vergangenheit zurück. Helli-Maijas Bruder ist schon unterwegs, um die beiden vom Bahnhof abzuholen. Die Luft riecht nach Erdbeeren und nach Schilf. Dann biegt endlich der rostrote Golf ihres Bruders um die Ecke.

          Tochter, Mutter und Enkelin: Maija, Helli-Maija und Sabine (v.l.)

          Helli-Maijas Tochter Maija stützt sich beim Aussteigen auf ihre Walking-Stöcke. Sie ist bald 70 Jahre alt und gezeichnet von einer Krebserkrankung. Neben ihrer Mutter wirkt sie fast zerbrechlich. Dabei ist sie lange Jahre Marathon gelaufen. Ihre Tochter Sabine ist Bildhauerin, groß, ihre Stimme tief und warm, die Haut sonnengebräunt. Ihr rotes Hemd leuchtet in der Sonne, aus dem Pagenkopf fallen ein paar widerspenstige Strähnen in die Stirn. Die 47-Jährige freut sich, ihre „Mummi“, die Omi, wiederzusehen.

          Alle reden laut durcheinander, auch Sabine spricht fließend Finnisch. Wie Finnland überhaupt ihr eine Herzensangelegenheit sei: die Landschaft, die endlosen Weiten. Das Wasser überall. Aber es ist vor allem die Sprache. In den gedämpften Ts und Ks, dem oft wasserfallartigen Rhythmus der Sprache ist sie daheim - während ihre Mutter sagt: „Ich glaube, ich bin deutsch inzwischen, ja notgedrungen. Mein Mann spricht ja nicht mehr als ,Hyvää päivää‘ und ,Kiitos‘!“ - Guten Tag und danke.

          Gleich nach der Schule ging Maija für ein Praktikum nach Deutschland. Seither lebt sie dort, ist in Leverkusen mit einem Deutschen verheiratet. Schon immer sei da so eine unbestimmte Sehnsucht gewesen. Als sie 14 Jahre alt war, wollte sie schließlich wissen, wer ihr Vater war. Wer sie war.

          Maijas Suche nach ihrem deutschen Vater

          Maija macht sich auf die Suche, fragt beim Roten Kreuz an, bei der Heilsarmee. Alles umsonst. Und intuitiv spürt sie schon früh, dass sie ihre Mutter besser nicht nach dem Vater fragt: „Da gab es eine unsichtbare Schranke, das war schwer zu greifen. Auch wenn ich nie verstanden habe, warum das so ein Tabu war. Das alles war einfach nie passiert, wurde totgeschwiegen.“

          Sicher, das Schweigen hatte auch politische Gründe: Man wollte sich die Niederlage gegen Russland nicht eingestehen und den großen Nachbarn mit durchaus auch positiven Erinnerungen an die Deutschen nicht vergrätzen. Aber warum teilten nicht einmal die Frauen untereinander ihr Leid, ihre Sehnsüchte? Warum weigerten sich viele sogar, ihren Kindern von ihren deutschen Vätern zu erzählen?

          „Häpeä“ ist so ein Schlüsselwort, Scham. Die zu groß war für Worte. Wie die Finnen allgemein über Gefühle nicht gern sprechen. Schon Bertolt Brecht stellte 1941 in seinen „Finnischen Landschaften“ fest, dass die Finnen in zwei Sprachen schweigen. Und eine Volksweisheit lautet: „Der finnische Mann spricht nicht, und er küsst nicht.“ Vielleicht ist deshalb der Tango in Finnland so groß geworden.

          Die Botschaft, die Helli-Maija in der Nachkriegszeit überall in Finnland entgegenschlug, war: „Nicht mit dir.“ Bei Tanzabenden ließen die Männer sie sitzen. Die Nachbarn beschimpften sie nicht direkt, doch es gab ausweichende Blicke, diesen speziellen Tonfall. Die Kinder aber nahmen kein Blatt vor den Mund: „Sakemanni!“, schimpften Maijas Mitschüler - „Deutschenbastard!“ Und natürlich: „Nazi!“ Natürlich wusste Maija nicht, was „Nazi“ bedeutete. „Aber ich spürte, das ist was Unanständiges. Die anderen Kinder plapperten eben nach, was sie daheim aufschnappten.“

          Ein Leben als Außenseiterin in der eigenen Familie

          Maija lief nicht heulend nach Hause, sie wehrte sich. „Mit der Faust, so!“ Ihre Mutter lacht laut. Und sagt dann stolz: „Sie hat das Temperament ihres Vaters! Sie war immer anders als die andern!“ Helli-Maija ist glücklich über die Tochter, die das Leben lebt, das sie sich einmal erträumte: weit fort von der Einsamkeit Lapplands, mit einem deutschen Mann.

          Helli-Maija sagt heute, sie habe sich nie geschämt für ihre Beziehung zu einem Wehrmachtsoffizier. Es klingt ein bisschen trotzig, wie ein „Jetzt erst recht“ gegen die Verachtung, die ihr entgegenschlug. Und doch verbrachte ihre Tochter die ersten Jahre bei ihren Großeltern - während Helli-Maija eine neue Familie gründete. Erst mit sieben Jahren kam Maija zurück zur Mutter. „Da dachte ich, toll, ich kriege auch einen richtigen Vater. Aber ich war das fünfte Rad am Wagen. Da gab es immer Spannungen zwischen mir und meinen Halbgeschwistern.“ Und ihre Mutter gibt zu: „Maija war immer das schwarze Schaf. Es hätte sie eigentlich gar nicht geben dürfen.“ Maija war eine Außenseiterin in der eigenen Familie. Und sie war es in der Schule, bei den Nachbarn.

          Ein kollektiver Gedächtnisschwund schien in Helli-Maijas Umgebung zu grassieren, keiner erinnerte sich mehr daran, wie gut man sich doch mit den Deutschen verstanden hatte. Schließlich hatte man hier oben, weit fort von Auschwitz oder Birkenau, auch nichts gewusst von den Greueltaten der Nazis: Nachrichten gab es nur über die propagandasatte Presse, und die wenigen Radiosender - in Lappland noch eine Neuheit - berichteten rauschend vom russischen Feind.

          Briefe aus Deutschland kamen selten an

          Die Scham und mit ihr das Schweigen kamen erst hinterher, als Joksch schon in Deutschland war. Ungezählte Abende verbrachte Helli-Maija am Schreibtisch, schrieb Briefe an den Geliebten. Aber der Briefträger weigerte sich, sie mitzunehmen. „Und wer weiß“, sagt Helli-Maija, „wie viel Joksch mir geschrieben hat! Die finnische Post hat ja auch die Briefe aus Deutschland versteckt oder unterschlagen.“ Joksch in Deutschland aufzuspüren war für die junge Mutter unvorstellbar: Sie war damit beschäftigt, das tägliche Brot zu verdienen, es gab weder Billigflüge noch Internet und kaum Telefon.

          Soldat Rudolf Joksch

          Nur einmal noch kam Post mit Jokschs Handschrift, nur ein paar Zeilen: Er hatte Geld für seine Geliebte gesammelt und es jener Krankenschwester in Oulu anvertraut, die auch das letzte Treffen der beiden eingefädelt hatte. Die schickte ihr den Brief, nachdem Helli-Maija 1945 aus der schwedischen Evakuierung heimkehrte. Von dem Geld kaufte Helli-Maija eine Milchkuh. Und wartete, schließlich hatte er versprochen, wiederzukommen. Irgendwann hörte sie auf zu warten. Sie fand einen neuen Mann, trotz ihrer „schändlichen“ Vergangenheit. Aber weil er eifersüchtig war, verbrannte Helli-Maija alle Erinnerungen an Joksch, die Briefe, alle Bilder.

          Die alte Frau sitzt auf ihrem weißen Plüschsofa und erzählt von einer Liebe, die ein ganzes Menschenleben alt ist und die ihr immer noch Tränen in die Augen treibt. Dann sammelt sie sich: „Es war eine Erleichterung, als mein Mann starb. Bis dahin hatte ich ja gar keine Erlaubnis, mich zu erinnern.“

          Finnische Autorin schreibt Buch über die Wehrmachtskinder

          Bis sie anfing zu sprechen, vergingen nochmals fast 30 Jahre - bis Irja Wendisch auftauchte. Die finnische Autorin lebt mit ihrem deutschen Mann in Berlin, verbringt aber jedes Jahr mehrere Wochen in ihrer Heimat Lappland, wo das Thema Krieg sie schon von Kind an beschäftigte, seit zwei Cousins beim Spielen auf alte deutsche Minen traten. Schließlich half sie sechs Wehrmachtskindern bei der Suche nach ihren Wurzeln und schrieb 2009 ein Buch darüber - eine der Geschichten handelt von Helli-Maija, Joksch und Maija und setzte damals einiges in Bewegung. Enkeltochter Sabine sagt: „Ich glaube, erst seitdem ist meine Oma irgendwie auch stolz auf das, was sie erlebt und gelebt hat. Und meine Mutter merkte: Ich bin nicht die Einzige, die als Kind so ausgegrenzt worden ist und nicht weiß, wer ihr Vater ist.“

          Vielleicht erging es auch Rosa Munonen* so. Als sie Gottfried „Fritz“ Müller* kennenlernte, war sie 33. Er war der Vater ihrer Tochter Raili, ihre große Liebe, ihre einzige Beziehung. Sie wollte vorher keinen anderen und erst recht nicht hinterher. Aber Fritz fiel noch im Krieg, 1944. „Sonst hätte er mich sofort hier weggeholt“, ist ihre Tochter Raili Heikkilä überzeugt. „Ich hab mir immer ausgemalt, wie er am Kamin sitzt, mit seinen dunklen Locken, und Pfeife raucht. Ich habe mir in Gedanken meinen eigenen Vater gemacht, das hat mir Kraft gegeben. Sonst wäre ich verrückt geworden. Und ich bin immer noch die Prinzessin, die auf ihren Prinzen wartet, der sie in sein Schloss holt.“

          Raili ist mit einer Plastiktüte in ein Café im Zentrum von Rovaniemi gekommen, es liegt in einem dieser lieblos dahingeworfenen 50er-Jahre-Würfel - nach dem Krieg war keine Zeit, kein Raum für schöne Baukünste. Raili will nur ein Glas Wasser und zieht einen Stapel mit Briefen und Fotos aus der Tüte. Die 69-jährige ist eines der deutschen Wehrmachtskinder, die sich vor ein paar Jahren in einem gleichnamigen Verein zusammengetan haben. Sie hat ein kantiges Gesicht, ihre Mundwinkel sind spöttisch, vielleicht verbittert, nach unten gezogen, die Haare waren einmal voll und dunkel, jetzt sind sie kurz und grau.

          Die Scham hat die Mutter hart gemacht

          „Ich bin nicht Finnin, nie gewesen“, sagt sie. „Ich bin wie er.“ Raili breitet die Fotos vor sich aus: „Hier, sie war eine schöne Frau! Alle sagten, sie würde jeden kriegen. . . Aber sie hat nie wieder einen anderen gewollt.“ Die Mutter hoffte, Fritz würde zu ihr zurückkehren - obwohl er in Deutschland verheiratet war. „Das war schon eine ernsthafte Beziehung“, sagt Raili und zeigt auf eines der Bilder: „Hier, das war 1943. Da sind die beiden extra zusammen zum Fotografen! Sehen sie nicht glücklich aus?“

          Raili mit 3 Jahren

          Von dem Glück blieb bei der alleinerziehenden, kummervollen Mutter nicht viel. Raili fragte ihr Löcher in den Bauch, Rosa machte den Mund nicht auf. Später machte das Mädchen sich selbst auf die Suche - bis eine Mitarbeiterin der Heilsarmee bei der Mutter anklopfte. „Das ist das letzte Mal! Du hast kein Recht, ihn zu suchen!“, schrie Rosa ihre Tochter an. Raili glaubt heute, dass die Scham die Mutter so hart gemacht hat. „Im Nachhinein tut sie mir furchtbar leid. Sie hatte keine Freude im Leben - und war allein mit ihrem Schmerz.“

          Neben Raili sitzt Frans Kantola, runde Brille, sehnige Statur. Gerade ist er von seinem Haus auf dem Land in eine Stadtwohnung gezogen - damit er schneller beim Supermarkt ist oder im Notfall beim Arzt. Er weiß, wovon Raili spricht. Geboren wurde er in Hamburg - weil seine Mutter ihrem deutschen Liebhaber nachreiste. Doch alle Sturheit nützte nichts, er entschied sich für seine Familie daheim, und nach drei Jahren kehrte sie mit ihrem kleinen Sohn zurück nach Lappland. Frans erinnert sich an den frostigen Sonnentag, an dem sie mit einer Pferdekutsche über das finnische Eis fuhren und der sein Leben verändern sollte: Seine Mutter schämte sich so sehr, dass sie ihn weggab, eine Tante adoptierte ihn. „Unsere Mütter waren deutsche Huren, und wir waren Hurenkinder.“ So erfuhr Frans auch erst spät seinen wirklichen Namen: In Finnland war er immer nur „Juhani“ - der deutsche Name wäre verräterisch gewesen. Heute, als alter Mann, besteht er auf seinem deutschen Namen. Auch er hat gesucht, jahrelang. Und auch seine Mutter hat geschwiegen. „Auch noch, als sie 90 war. Ich hab’ sie mit ihrer Geschichte begraben.“

          Finnland beginnt sein Schweigen zu brechen

          Autorin Wendisch fand dann immerhin ein paar Puzzlestücke: Namen und Wohnort von zwei Tanten - die aber nichts mit Frans zu tun haben wollen. Die Suche nach seinen Halbgeschwistern hat er mittlerweile aufgegeben. Er zuckt die Schultern, lacht mit seiner kehligen Stimme ein wenig hilflos und wirkt trotzdem, als hätte er seinen Frieden geschlossen mit der Vergangenheit. Anders als Raili: „Meine Tochter sagt immer: ,Mama, du kannst nichts ändern. Du musst das jetzt ruhen lassen.‘ Das ist leicht gesagt. Nachdem der Weltkrieg zu Ende war, hat unser persönlicher Krieg - das Schweigen - erst angefangen.“

          Nach dem Krieg begann das Schweigen: Railis Mutter Roas (links in der Gruppe)

          Doch jetzt scheint es, als wollte eine ganze Nation das Schweigen brechen und im Zeitraffer nachholen, was sie Jahrzehnte versäumt hat: ihre Vergangenheit anzunehmen als Teil der eigenen Geschichte und Kultur. Es gibt Dokumentar- und Spielfilme zum Thema, und erstmals drängen Frauen in die Männerdomäne der finnischen Geschichtswissenschaft: Anu Heiskanen von der Uni Helsinki etwa erweitert die offizielle Geschichtsschreibung um die Erinnerungen von Putz- oder Bauersfrauen. „Wenn Männer darüber schreiben, klingt das oft so, als hätten die Frauen nur Abenteuer erleben wollen!“ Die meisten hätten aber schlicht wirtschaftliche Beweggründe gehabt: „Das waren toughe Businessfrauen, und die Wehrmacht zahlte gut.“

          Heiskanen blickt auch auf Frauen wie Frans’ Mutter, die den Deutschen 1944 folgten: Wie kamen sie, auf sich gestellt, in einer Gesellschaft klar, die dabei war, den Krieg zu verlieren, die alle diplomatischen Beziehungen zu Finnland abgebrochen hatte und in der niemand Englisch sprach?

          Immer mehr suchen nach ihren deutschen Wurzeln

          Bei ihren Recherchen beneidet Heiskanen manchmal die Schriftsteller, die Geschichten einfach aufschreiben können, ohne sie mit wissenschaftlichen Quellenangaben zu unterfüttern. In der Tat sind in den vergangenen Jahren gleich mehrere Romane erschienen, die sich mit dem Lappland-Krieg beschäftigen, vornehmlich mit den Liebesbeziehungen von Deutschen und Finnen. Allen voran Katja Kettu, deren Roman „Wildauge“ wochenlang auf Platz eins der finnischen Bestsellerlisten stand und der auf Aufzeichnungen der eigenen Großmutter basiert.

          Heiskanen findet zwar, dass die jungen Autorinnen - ebenso wie ihre alteingesessenen Forscherkollegen - das Thema zu einseitig betrachten: „In diesen Büchern wird das Thema total übererotisiert. Bei Katja Kettu geht es nur um Sex.“ Aber immerhin: Es scheint, als hätte die junge Generation endlich eine neue Sprache für das Unaussprechliche gefunden.

          Für viele fängt die Suche damit jetzt erst an. Immer mehr Wehrmachtskinder, oft auch die Folgegenerationen, suchen nach ihren deutschen Wurzeln - während Helli-Maija Frieden geschlossen hat und dank Wendischs Recherchen weiß: Joksch starb schon Anfang der 1950er Jahre; eine eigene Familie hat er nie gehabt.

          In Kemijärvi ist es Mittag geworden. Die Frauen sind erschöpft vom vielen Sprechen und Erinnern. Nach einem Nickerchen werden sie in ihre Sommerhütte fahren, Wasser aus dem Brunnen holen und Moltebeeren aus dem Wald. Die Sauna anheizen, schwitzen, schweigen. Und weiterreden.

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