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Wehrmachtskinder in Finnland : Nicht mit dir!

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Liebende im Krieg: Rosa und Fritz als mittleres Paar im Gruppenbild Bild: Irja Wendisch/Ajatus Kirjat

Im Zweiten Weltkrieg zeugten viele Wehrmachtssoldaten Kinder mit finnischen Frauen. Die galten fortan als Nazi-Huren, ihr Nachwuchs als Bastarde. Es folgten Scham und Ausgrenzung. Manche Mütter und Kinder brechen erst jetzt ihr Schweigen.

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          Als ich an der Tür der alten Dame klingle, im dritten Stock eines Mehrfamilienhauses in Finnlands nördlichster Stadt Kemijärvi, ist es halb sechs am Nachmittag. Eine ziemlich schlechte Besuchszeit: Im Fernsehen läuft „Sturm der Liebe“, das deutsche Original, mit finnischen Untertiteln. Ein fester Termin im Tagesrund. Helli-Maija Peltoniemi, 89, hat es sich in ihrem Ohrensessel bequem gemacht. Sie hat eine fast jugendliche Figur und diese typisch hohen Wangenknochen der Samen, der Ureinwohner Lapplands. Ihre Haare sind weiß und kurz, sie trägt ein zitronengelbes Shirt und eine helle Stoffhose. In ihrer Dreizimmerwohnung mit Sauna lebt sie allein, vor dem Balkon glitzert die Sonne Sterne in den Pöyliöjärvi-See. Und auf dem Bildschirm scheitert eine junge Gärtnerin gerade daran, den bestellten Rosmarintopf einer Kundin zu finden. Aufgelöst stammelt sie, „Ja, nein, äh“ und dann irgendwas von Bauchschmerzen. „Was denn für Bauchschmerzen...?“, fragt die Kundin. Helli-Maija ahnt schon, was jetzt kommt: „Die ist schwanger!“, ruft sie dazwischen. Eine junge Frau, ein uneheliches Kind - das klingt fast wie ein Teil ihrer eigenen Geschichte.

          Helli-Maija mit ca. 19 Jahren

          Als ihre Tochter Maija geboren wurde, war Helli-Maija 19 Jahre alt. „Das ist einfach so passiert“, sagt sie heute: „Ich hatte ja keine Ahnung, keiner hat mich aufgeklärt, das Wort Sex war tabu. Dabei wussten doch alle Bescheid in der Kaserne!“ Aber Joksch - ganz begeistert sei er gewesen, er habe sich unheimlich gefreut auf das Kind.

          Lappland, 1941. Die 17-jährige Küchengehilfin Helli-Maija und der Oberfeldwebel Rudolf Joksch lernen sich bei der Arbeit kennen, in der Kasernenkantine von Misi, im finnischen Nirgendwo, Lichtjahre von Jokschs Heimat in Mähren entfernt. Mehr als 200.000 Wehrmachtssoldaten sind in Lappland stationiert, einer Region mit gerade mal 180.000 Einwohnern. Die finnischen Männer an der Front, sagt Helli-Maija, hätten die Deutschen gehasst, weil sie ihnen die Frauen weggenommen hätten. Und die finnischen Frauen liebten die deutsche Art: So höflich und zuvorkommend seien sie gewesen. „Ganz anders als die finnischen Hinterwäldler! Die haben keine Manieren, das war immer so und wird so bleiben. Da kann die Welt kopfstehen! Ich war später 35 Jahre lang mit einem Finnen verheiratet. Er hat nicht einmal gesagt, dass er mich liebt. Von Joksch hab ich das jeden Tag gehört.“

          Helli-Maija spricht über ein Tabu-Thema

          Helli-Maija ist eine von vielen finnischen Frauen, die im Zweiten Weltkrieg mit einem deutschen Soldaten anbandelten. Aber sie ist eine der wenigen, die darüber spricht: Die meisten Zeitzeuginnen sind längst tot, für andere ist das Thema ein Tabu, auch nach 70 Jahren noch. Helli-Maija gehört zu jenen, die das Schweigen brechen wollen. Ihre Geschichte erzählen, in der es um eine große Liebe geht. Um Scham und Schuld, um Stolz und Vorurteil, um Krieg und Frieden.

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