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Wehrmachtskinder in Finnland : Nicht mit dir!

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Neben Raili sitzt Frans Kantola, runde Brille, sehnige Statur. Gerade ist er von seinem Haus auf dem Land in eine Stadtwohnung gezogen - damit er schneller beim Supermarkt ist oder im Notfall beim Arzt. Er weiß, wovon Raili spricht. Geboren wurde er in Hamburg - weil seine Mutter ihrem deutschen Liebhaber nachreiste. Doch alle Sturheit nützte nichts, er entschied sich für seine Familie daheim, und nach drei Jahren kehrte sie mit ihrem kleinen Sohn zurück nach Lappland. Frans erinnert sich an den frostigen Sonnentag, an dem sie mit einer Pferdekutsche über das finnische Eis fuhren und der sein Leben verändern sollte: Seine Mutter schämte sich so sehr, dass sie ihn weggab, eine Tante adoptierte ihn. „Unsere Mütter waren deutsche Huren, und wir waren Hurenkinder.“ So erfuhr Frans auch erst spät seinen wirklichen Namen: In Finnland war er immer nur „Juhani“ - der deutsche Name wäre verräterisch gewesen. Heute, als alter Mann, besteht er auf seinem deutschen Namen. Auch er hat gesucht, jahrelang. Und auch seine Mutter hat geschwiegen. „Auch noch, als sie 90 war. Ich hab’ sie mit ihrer Geschichte begraben.“

Finnland beginnt sein Schweigen zu brechen

Autorin Wendisch fand dann immerhin ein paar Puzzlestücke: Namen und Wohnort von zwei Tanten - die aber nichts mit Frans zu tun haben wollen. Die Suche nach seinen Halbgeschwistern hat er mittlerweile aufgegeben. Er zuckt die Schultern, lacht mit seiner kehligen Stimme ein wenig hilflos und wirkt trotzdem, als hätte er seinen Frieden geschlossen mit der Vergangenheit. Anders als Raili: „Meine Tochter sagt immer: ,Mama, du kannst nichts ändern. Du musst das jetzt ruhen lassen.‘ Das ist leicht gesagt. Nachdem der Weltkrieg zu Ende war, hat unser persönlicher Krieg - das Schweigen - erst angefangen.“

Nach dem Krieg begann das Schweigen: Railis Mutter Roas (links in der Gruppe)
Nach dem Krieg begann das Schweigen: Railis Mutter Roas (links in der Gruppe) : Bild: Irja Wendisch/Ajatus Kirjat

Doch jetzt scheint es, als wollte eine ganze Nation das Schweigen brechen und im Zeitraffer nachholen, was sie Jahrzehnte versäumt hat: ihre Vergangenheit anzunehmen als Teil der eigenen Geschichte und Kultur. Es gibt Dokumentar- und Spielfilme zum Thema, und erstmals drängen Frauen in die Männerdomäne der finnischen Geschichtswissenschaft: Anu Heiskanen von der Uni Helsinki etwa erweitert die offizielle Geschichtsschreibung um die Erinnerungen von Putz- oder Bauersfrauen. „Wenn Männer darüber schreiben, klingt das oft so, als hätten die Frauen nur Abenteuer erleben wollen!“ Die meisten hätten aber schlicht wirtschaftliche Beweggründe gehabt: „Das waren toughe Businessfrauen, und die Wehrmacht zahlte gut.“

Heiskanen blickt auch auf Frauen wie Frans’ Mutter, die den Deutschen 1944 folgten: Wie kamen sie, auf sich gestellt, in einer Gesellschaft klar, die dabei war, den Krieg zu verlieren, die alle diplomatischen Beziehungen zu Finnland abgebrochen hatte und in der niemand Englisch sprach?

Immer mehr suchen nach ihren deutschen Wurzeln

Bei ihren Recherchen beneidet Heiskanen manchmal die Schriftsteller, die Geschichten einfach aufschreiben können, ohne sie mit wissenschaftlichen Quellenangaben zu unterfüttern. In der Tat sind in den vergangenen Jahren gleich mehrere Romane erschienen, die sich mit dem Lappland-Krieg beschäftigen, vornehmlich mit den Liebesbeziehungen von Deutschen und Finnen. Allen voran Katja Kettu, deren Roman „Wildauge“ wochenlang auf Platz eins der finnischen Bestsellerlisten stand und der auf Aufzeichnungen der eigenen Großmutter basiert.

Heiskanen findet zwar, dass die jungen Autorinnen - ebenso wie ihre alteingesessenen Forscherkollegen - das Thema zu einseitig betrachten: „In diesen Büchern wird das Thema total übererotisiert. Bei Katja Kettu geht es nur um Sex.“ Aber immerhin: Es scheint, als hätte die junge Generation endlich eine neue Sprache für das Unaussprechliche gefunden.

Für viele fängt die Suche damit jetzt erst an. Immer mehr Wehrmachtskinder, oft auch die Folgegenerationen, suchen nach ihren deutschen Wurzeln - während Helli-Maija Frieden geschlossen hat und dank Wendischs Recherchen weiß: Joksch starb schon Anfang der 1950er Jahre; eine eigene Familie hat er nie gehabt.

In Kemijärvi ist es Mittag geworden. Die Frauen sind erschöpft vom vielen Sprechen und Erinnern. Nach einem Nickerchen werden sie in ihre Sommerhütte fahren, Wasser aus dem Brunnen holen und Moltebeeren aus dem Wald. Die Sauna anheizen, schwitzen, schweigen. Und weiterreden.

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