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Wehrmachtskinder in Finnland : Nicht mit dir!

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Alle reden laut durcheinander, auch Sabine spricht fließend Finnisch. Wie Finnland überhaupt ihr eine Herzensangelegenheit sei: die Landschaft, die endlosen Weiten. Das Wasser überall. Aber es ist vor allem die Sprache. In den gedämpften Ts und Ks, dem oft wasserfallartigen Rhythmus der Sprache ist sie daheim - während ihre Mutter sagt: „Ich glaube, ich bin deutsch inzwischen, ja notgedrungen. Mein Mann spricht ja nicht mehr als ,Hyvää päivää‘ und ,Kiitos‘!“ - Guten Tag und danke.

Gleich nach der Schule ging Maija für ein Praktikum nach Deutschland. Seither lebt sie dort, ist in Leverkusen mit einem Deutschen verheiratet. Schon immer sei da so eine unbestimmte Sehnsucht gewesen. Als sie 14 Jahre alt war, wollte sie schließlich wissen, wer ihr Vater war. Wer sie war.

Maijas Suche nach ihrem deutschen Vater

Maija macht sich auf die Suche, fragt beim Roten Kreuz an, bei der Heilsarmee. Alles umsonst. Und intuitiv spürt sie schon früh, dass sie ihre Mutter besser nicht nach dem Vater fragt: „Da gab es eine unsichtbare Schranke, das war schwer zu greifen. Auch wenn ich nie verstanden habe, warum das so ein Tabu war. Das alles war einfach nie passiert, wurde totgeschwiegen.“

Sicher, das Schweigen hatte auch politische Gründe: Man wollte sich die Niederlage gegen Russland nicht eingestehen und den großen Nachbarn mit durchaus auch positiven Erinnerungen an die Deutschen nicht vergrätzen. Aber warum teilten nicht einmal die Frauen untereinander ihr Leid, ihre Sehnsüchte? Warum weigerten sich viele sogar, ihren Kindern von ihren deutschen Vätern zu erzählen?

„Häpeä“ ist so ein Schlüsselwort, Scham. Die zu groß war für Worte. Wie die Finnen allgemein über Gefühle nicht gern sprechen. Schon Bertolt Brecht stellte 1941 in seinen „Finnischen Landschaften“ fest, dass die Finnen in zwei Sprachen schweigen. Und eine Volksweisheit lautet: „Der finnische Mann spricht nicht, und er küsst nicht.“ Vielleicht ist deshalb der Tango in Finnland so groß geworden.

Die Botschaft, die Helli-Maija in der Nachkriegszeit überall in Finnland entgegenschlug, war: „Nicht mit dir.“ Bei Tanzabenden ließen die Männer sie sitzen. Die Nachbarn beschimpften sie nicht direkt, doch es gab ausweichende Blicke, diesen speziellen Tonfall. Die Kinder aber nahmen kein Blatt vor den Mund: „Sakemanni!“, schimpften Maijas Mitschüler - „Deutschenbastard!“ Und natürlich: „Nazi!“ Natürlich wusste Maija nicht, was „Nazi“ bedeutete. „Aber ich spürte, das ist was Unanständiges. Die anderen Kinder plapperten eben nach, was sie daheim aufschnappten.“

Ein Leben als Außenseiterin in der eigenen Familie

Maija lief nicht heulend nach Hause, sie wehrte sich. „Mit der Faust, so!“ Ihre Mutter lacht laut. Und sagt dann stolz: „Sie hat das Temperament ihres Vaters! Sie war immer anders als die andern!“ Helli-Maija ist glücklich über die Tochter, die das Leben lebt, das sie sich einmal erträumte: weit fort von der Einsamkeit Lapplands, mit einem deutschen Mann.

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