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Wehrmachtskinder in Finnland : Nicht mit dir!

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Es gebe Beziehungen, in denen beide getrennt wohnen und ihr eigenes Geld hätten. Oder das Paar lebe zusammen, sei aber nicht auf dem Papier liiert. Und es gebe die offizielle Ehe. Das Verhältnis von Deutschen und Finnen sei eine Art offene Beziehung mit gemeinsamem, für die Deutschen recht gewöhnungsbedürftigem Wohnsitz gewesen. Die Finnen seien gewissermaßen zu Fremdenführern geworden, bei denen die Deutschen gewohnt hätten. Sie hätten zuverlässig Miete gezahlt und sich mit Mitbringseln beliebt gemacht. „Nylonstrümpfe oder Obst - Dinge, die man hier oben nicht kannte oder hatte.“ Und Frauen aus ganz Finnland bewarben sich um die Jobs bei der Wehrmacht - es sprach sich herum, dass die deutschen Waffenbrüder stattliche Gehälter zahlten.

Stalin fordert Vertreibung der Deutschen

Umso größer ist die Ratlosigkeit im Herbst 1944, als der Vertrag von Moskau die Vertreibung der Deutschen verlangt: Wie umgehen mit Freunden, mit Kameraden, die buchstäblich von heute auf morgen Feinde sind? Anfangs unterstützt die finnische Armee sogar den Abzug der Deutschen, keine Seite will gegen die andere kämpfen, sagt Airio: „Ein Bekannter, der dabei war, erzählte, dass sie noch verletzte Deutsche heimlich auf die deutsche Seite brachten. Zwischenmenschlich war da kein Hass, zumindest anfangs.“

Doch Stalin fordert die Vertreibung der Deutschen innerhalb von 14 Tagen. Die Frist ist zu kurz, die Forderung unrealistisch. „Die mussten ja nicht nur ihre Truppen abziehen, sondern das ganze Kriegsmaterial, das war unmöglich“, sagt Airio. Der russische Druck ist so stark, dass es schließlich doch zu Kämpfen kommt - was die Finnen in deutschen Augen zu Verrätern macht.

Bei ihrem Rückzug aus Lappland stecken die Deutschen Dörfer, Straßen und Brücken in Brand - der Feind soll im bevorstehenden Winter kein Obdach finden. Sie hinterlassen auch deshalb verbrannte Erde, weil sie mit einem russischen Vormarsch rechnen. Auf drei einmütige Jahre mit den Deutschen folgt also eine kurze Zeit der Feindschaft. Und dieser Lapplandkrieg hat die finnische Gesellschaft nachhaltig geprägt. Er machte Freundschaften mit Deutschen zum Tabu, und die finnischen Liebhaberinnen zu „Nazi-Huren“. In der Nachkriegszeit versteckten diese jungen Mütter oft ihre Kinder oder verleugneten sie.

Finnland ist für Sabine eine Herzensangelegenheit

Am nächsten Morgen steht Helli-Maija viel zu früh vor ihrer Haustür. Sie ist aufgeregt: Ihre Tochter und ihre Enkeltochter sind auf dem Weg zu ihr - und mit dem Besuch aus Deutschland kehrt immer auch ein Stück Vergangenheit zurück. Helli-Maijas Bruder ist schon unterwegs, um die beiden vom Bahnhof abzuholen. Die Luft riecht nach Erdbeeren und nach Schilf. Dann biegt endlich der rostrote Golf ihres Bruders um die Ecke.

Tochter, Mutter und Enkelin: Maija, Helli-Maija und Sabine (v.l.)
Tochter, Mutter und Enkelin: Maija, Helli-Maija und Sabine (v.l.) : Bild: Jenni Roth

Helli-Maijas Tochter Maija stützt sich beim Aussteigen auf ihre Walking-Stöcke. Sie ist bald 70 Jahre alt und gezeichnet von einer Krebserkrankung. Neben ihrer Mutter wirkt sie fast zerbrechlich. Dabei ist sie lange Jahre Marathon gelaufen. Ihre Tochter Sabine ist Bildhauerin, groß, ihre Stimme tief und warm, die Haut sonnengebräunt. Ihr rotes Hemd leuchtet in der Sonne, aus dem Pagenkopf fallen ein paar widerspenstige Strähnen in die Stirn. Die 47-Jährige freut sich, ihre „Mummi“, die Omi, wiederzusehen.

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