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Wegen Videos auf Tiktok : Sechs Influencerinnen in Ägypten zu Haftstrafen verurteilt

Die beiden Influencerinnen Haneen Hossam (links) und Mowada al-Adham wurden zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Bild: AFP

In Videos auf Tiktok albern sie herum und bewegen ihre Lippen zur Popmusik: Weil das den „Familienwerten der ägyptischen Gesellschaft“ widerspricht, sind mehrere junge Ägypterinnen zu Haftstrafen und Geldbußen verurteilt worden.

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          Die Vorwürfe der Justiz lauten: Verstoß gegen die öffentliche Moral, Verletzung der Familienwerte, Anstiftung zur Unmoral oder gar zur Prostitution. Sechs junge Ägypterinnen wurden in der vergangenen Woche zu Haftstrafen und hohen Geldbußen verurteilt. Sie sind Influencerinnen mit Hunderttausenden Followern. Seit April wurden neun von ihnen festgenommen. Ihr Vergehen bestand im Grunde darin, über Plattformen wie Tiktok kurze Videoclips zu verbreiten, in denen sie herumalbern, tanzen und wie bei einem Playbackauftritt die Lippen zu Popmusik bewegen.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Im internationalen Vergleich sind das zahme Auftritte. Eine der nun verurteilten Frauen, die Archäologiestudentin Haneen Hossam, trägt dabei sogar ein Kopftuch. In Ägypten reichen die Auftritte aber aus, um zu zwei bis drei Jahren Gefängnis verurteilt zu werden. Hossam kam außerdem auf die Anklagebank, weil sie junge – ausdrücklich volljährige – Frauen dazu aufgerufen hatte, wie sie selbst Geld damit zu verdienen und Videos im Netz zu veröffentlichen.

          Die Urteile dieser Woche sind die ersten, die sich gegen Stars in den sozialen Medien richten. Haneen Hossams Anwalt Ahmed Abdel Naby sprach von einem beunruhigenden Präzedenzfall. Das Video, für das sie verurteilt wurde, sei eindeutig ein Beweis ihrer Unschuld.

          Das Ziel, eine ganze Generation einzuschüchtern

          Der Raum, in dem sich Ägypter ohne Angst äußern und zeigen können, ist wieder etwas geschrumpft. Die Beauftragte der Bundesregierung für Menschenrechtspolitik und Humanitäre Hilfe im Auswärtigen Amt, Bärbel Kofler, zeigt sich bestürzt: „Diese Art der Einschränkung der Meinungsfreiheit, die sich insbesondere gegen junge Frauen richtet, die sehr erfolgreich in sozialen Medien zu einer Vielzahl von Themen kommunizieren, muss entschieden zurückgewiesen werden“, teilt sie mit. „Diese Urteile mit fragwürdiger Rechtsgrundlage verfolgen das Ziel, eine ganze Generation mutiger junger Frauen einzuschüchtern!“

          Es ist gefährlich, sich über Online-Plattformen wie Twitter kritisch über das Regime und Machthaber Abd al Fattah al Sisi zu äußern. Die Sicherheitsbehörden wachen mit Argusaugen über die sozialen Medien, auf die das Regime kaum direkten Zugriff hat – anders als auf die bis auf sehr wenige Ausnahmen gefügige heimische Presse. 2018 wurde ein strenges Gesetz zu „Cyberverbrechen“ verabschiedet. Seither müssen Ägypter aufpassen, nichts in den sozialen Medien zu veröffentlichen, was der Repressionsapparat als Bedrohung der nationalen Sicherheit deklarieren könnte – vor allem jene, denen Tausende folgen.

          Die Artikel, die Fragen der Moral betreffen, sind äußerst vage gehalten. Sie sprechen bloß von Verletzungen der „Familienwerte der ägyptischen Gesellschaft“ oder der „öffentlichen Moral“. Anwalt Abdel Naby sagte dem Portal „Mada Masr“, einer der wenigen verbliebenen ägyptischen Publikationen, die trotz aller Gefahren kritisch berichtet: „Strafrechtsartikel müssen sehr spezifisch sein.“ Unter solchen Gesetzen fühlten sich die Leute nicht sicher. Nach den Worten von Menschen- und Frauenrechtlern ist genau das Sinn der Sache. „Der Staat versucht einerseits das Internet zu kontrollieren und andererseits die Frauen“, sagte Lobna Darwish von der Egyptian Initiative for Personal Rights zu „Mada Masr“.

          Sie standen für ein Erfolgsmodell

          Das Regime stilisiert sich nicht nur zum Wächter über die Sicherheit, sondern auch zum Hüter der Moral. Das hilft, sich die Gefolgschaft der konservativen Mehrheit der Ägypter zu sichern, nicht zuletzt die der einfachen Leute. Es gibt Richter und Parlamentarier, die sich als Sittenwächter aufspielen, Journalisten oder Anwälte, die Beschwerden gegen Schauspielerinnen, Sängerinnen oder Bauchtänzerinnen bei der Staatsanwaltschaft einreichen. Jetzt sind auch die Tiktok-Stars zum Ziel solcher Kampagnen erhoben worden.

          Die verurteilten Frauen stammen nicht aus der einflussreichen Oberschicht, sondern aus normalen oder einfachen Verhältnissen – eine von ihnen ist zum Beispiel die Tochter eines Polizisten in der Provinz. Sie standen für ein Erfolgsmodell, das junge Frauen ermutigte, eigene Wege zu beschreiten, um der Erwerbslosigkeit oder der gesellschaftlichen Enge zu entfliehen.

          Schon die Musik, mit denen viele der Videoclips unterlegt sind, ist dafür ein Zeichen. Sie klingt nach dem Genre Mahraganat, das seinen Ursprung in den Unterschichtenvierteln von Kairo hat, eine Mischung aus Folklore und Großraumdisko-Hip-Hop. Darin geht es um ägyptische Tabuthemen wie Alkohol und Marihuana. Im Februar schlug das Regime in Gestalt der Musiker-Gewerkschaft zu und sprach einen umfassenden Bann gegen Mahraganat-Sänger und ihre „unmoralischen“ Texte aus.

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