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Wave-Gotik-Treffen : In the Shadows

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„Wie ein Familientreffen“: Carolin und ihre Freunde beim Viktorianischen Picknick im Clara-Zetkin-Park in Leipzig. Bild: Katharina Müller-Güldemeister

Seit 1992 verwandelt sich Leipzig jedes Jahr einmal in ein Paradies für Gothic-Begeisterte. Carolin ist eine davon. Ihre Leidenschaft entdeckte sie durch einen Artikel in der „Bravo“.

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          Wie eine Hofdame sitzt Carolin auf der Picknickdecke, steckt sich eine Weintraube in den Mund und plaudert mit ihren Freundinnen, von denen eine aussieht wie eine Waldfee, die andere wie ein Superweib mit zahnradbetriebenen Flügeln. Carolin trägt schwarze Spitze, dazu ein paar Akzente: rot geschminkte Lippen, rote Kontaktlinsen und in ihrem auffälligen Kopfschmuck aus zusammengeklebten Fächern stecken rote Rosen.

          Es ist Viktorianisches Picknick auf dem Wave-Gotik-Treffen, kurz WGT, das seit 1992 jedes Jahr an Pfingsten in Leipzig stattfindet und neben Anhängern der schwarzen Szene auch viele Schaulustige anzieht. Carolin und ihre Freundinnen, die im Clara-Zetkin-Park picknicken, stört das nicht, im Gegenteil. Bittet jemand sie um ein Foto, unterbrechen sie ihre Unterhaltung, um sich in Pose zu werfen.

          „Ich hatte großen Respekt“

          Man kann kaum glauben, dass Carolin in der Schule lange Einzelgängerin war. In den Pausen verschwand sie hinter Büchern und ließ sich in fremde Welten davon tragen. Dass sie mit Harry Potter und Herr der Ringe mehr anfangen konnte als mit ihren Mitschülern, war Thema auf jedem Elternsprechtag. Mit zehn Jahren las sie dann in der „Bravo“ einen Artikel über die Gothic-Szene und erfuhr, dass sie sich in den achtziger Jahren in England aus dem Punk entwickelt hatte. Das zum Artikel abgebildete Paar faszinierte Carolin: Er trug einen großen Zylinder, sie ein pompöses Ballkleid, beide ganz in Schwarz. Nicht nur der vornehme, melancholische Kleidungsstil gefiel ihr. „Ich hatte großen Respekt, weil sie sich abspalteten und das Selbstbewusstsein hatten, das auszuhalten“, sagt Carolin, die mittlerweile 27 Jahre alt ist, eine Anstellung im öffentlichen Dienst hat und ihren vollen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte.

          Selbst eingetaucht in die Szene ist Carolin ein paar Jahre später durch die Musik. Das erste Lied, an das sie sich erinnert, war „In the Shadows“ von „The Rasmus“. Gothic-Musik kam ihr tiefgründiger vor, auch wenn es in ihr – wie in den Charts – meist um Liebe und Schmerz ging. „Durch die Musik habe ich mich nicht mehr so alleine gefühlt“, sagt sie.

          Mehr als 20.000 Anhänger: Gothic-Fans aus ganz Deutschland treffen sich in Leipzig.
          Mehr als 20.000 Anhänger: Gothic-Fans aus ganz Deutschland treffen sich in Leipzig. : Bild: dpa

          Sie begann, ihren Kleiderschrank auf schwarz umzustellen. „Davon waren meine Eltern nicht begeistert. Meine Mutter hatte Angst, dass ich auf die schiefe Bahn gerate, und mein Vater machte sich Sorgen darüber, was die Nachbarn sagen.“ Heute kann sie darüber lächeln, damals, als Einzelkind in einer Kleinstadt in Sachsen-Anhalt, stritt sie sich deswegen oft mit ihnen. Sie durfte weder ihre blonden Haare schwarz färben, noch mit schwarzem Nagellack in die Schule gehen. „Ob ich aufs WGT darf, brauchte ich gar nicht erst zu fragen.“

          Über die Musik fand sie Zugang zu Klassenkameraden mit ähnlichem Geschmack. „Ich hatte mein Hausaufgabenheft mit Bildern meiner Lieblingsband beklebt, und plötzlich sprach mich ein Mädchen aus der Klasse an, die früher höchstens hallo und tschüss gesagt hatte.“ In der zehnten Klasse war sie eine von vier, die überwiegend schwarz trugen und sich „Provinzgruftis“ nannten. Nun wurde das zum bestimmenden Thema an Elternsprechtagen.

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