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Sexismus in Hollywood : Was Salma Hayeks Bericht über das System Weinstein erzählt

Setzte ihren Film gegen Weinsteins Hürden durch: Regisseurin und Schauspielerin Salma Hayek Bild: Reuters

Hollywood-Star Salma Hayek spricht nicht nur über die Belästigungen durch Weinstein. Sie zeigt das System auf, mit dem er Rache für Ablehnung nahm.

          Hayek hatte keinen leichten Start im amerikanischen Filmbusiness. Sie begann ihre Karriere mit Auftritten in einer mexikanischen Seifenoper und schlug sich zu Beginn der neunziger Jahre in Hollywood zunächst mit kleineren Nebenrollen durch. Bereits diese zeigten, dass die gebürtige Mexikanerin eine umwerfende Leinwandpräsenz hatte und jede Rolle mit ganzem Einsatz spielte. Ikonisch blieb ihr 5-Minuten-Auftritt im Horrorstreifen „From Dusk till Dawn“, bei dem sie sich vom sexy Vamp in einen Vampir verwandelt. Dabei tanzt sie mit einer Python um den Hals. Eigentlich hat Hayek Angst vor Schlangen. Unlängst erzählte sie in einem Interview: „Hätte ich das Geld nicht so dringend gebraucht, hätte ich vielleicht sogar hingeschmissen, als mich Regisseur Robert Rodriguez damit überrumpelte. Aber so blieb mir nichts anderes übrig, als mit größter Angst zu tanzen.“ Diese Selbstbeherrschung sollte sie rund zehn Jahre später noch einmal aufbringen müssen, als Weinstein sie zwang, eine Nacktszene mit einer anderen Frau zu spielen.

          Maria Wiesner

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Salma Hayek gehörte nicht zu den ersten Frauen, die sich öffentlich zur Belästigung durch Harvey Weinstein geäußert haben. Und doch ist ihr Gastbeitrag in der New York Times eines der wichtigsten Statements in diesem Skandal, der seit Monaten ganz Hollywood erschüttert. Was Hayeks Statement von den bisherigen unterscheidet? Die Schauspielerin berichtet detailgenau, wie das System Weinstein funktionierte. Sie erzählt, mit welchen Methoden der Hollywood-Produzent versuchte, ihr Filmprojekt „Frida“ zu sabotieren, nachdem sie ihn wiederholt abgewiesen hatte.

          Keine Bezahlung als Produzenten, das war damals keine Seltenheit

          1999 hatte Hayek ihre eigene Produktionsfirma gegründet, um keine Filme mehr zu machen, in denen sie wegen ihres Aussehens nur für stereotype Rollen gecastet wurde. Ihr Traumprojekt war ein Film über die mexikanische Malerin Frida Kahlo. Sie hatte für das Drehbuch zehn Jahre recherchiert und wollte den Film gern bei Miramax unterbringen, jenem von Weinstein gegründeten Produktions- und Verleihunternehmen, das damals als risikofreudig galt und auch schon mal in künstlerisch ambitionierte Filme investierte. Bereits der Deal, den sie mit Weinstein abschloss, sagt viel darüber aus, welchem Wert die Arbeit von Frauen in Hollywood beigemessen wurde: „Als Schauspielerin sollte ich den untersten Satz bekommen, den der Screen Actors Guild-Rahmenvertrag vorsah, plus zehn Prozent. Als Produzentin sollte ich genannt werden, in welchem Umfang sollte später festgelegt werden, aber eine Bezahlung dafür war nicht vorgesehen“, schreibt Hayek im Gastbeitrag für die New York Times. Diese Praxis sei in den neunziger Jahren für weibliche Produzenten keine Seltenheit gewesen, fügt sie hinzu.  

          „Mit jeder Absage kam seine Machiavellistische Wut“

          Dann begannen die Belästigungen und die liefen nach dem gleichen Schema ab, das mittlerweile Dutzende andere Frauen beschrieben haben. Weinstein versuchte sie zu überreden: mit ihr zu duschen, ihr beim Duschen zuzusehen, sich von ihm massieren zu lassen, sich von einem nackten Freund von ihm massieren zu lassen, Oralsex mit ihr zu haben. Sie lehnte ab, ein ums andere Mal. „Mit jeder Absage kam seine Machiavellistische Wut“, schreibt sie. Und in der versuchte er, ihr Projekt zu zerstören. Er machte Auflagen, forderte von ihr namhafte Schauspieler für Nebenrollen aufzutreiben, das Drehbuch komplett zu überarbeiten, einen großen Regisseur für den Film zu verpflichten und irgendwoher zehn Millionen zur Finanzierung des Films selbst aufzutreiben. All das gelang ihr. Dann kam er mit der Forderung nach einer Nacktszene mit einer anderen Frau. Da Hayek das Projekt nicht scheitern lassen wollte, stimmte sie zu – und hatte am Tag des Drehs einen Nervenzusammenbruch. Doch wie bei der Schlangentanzszene in „From Dusk till Dawn“ zog sie es trotz Panik durch, um ihr Herzensprojekt zu retten.

          Als der Film fertig war, wollte Weinstein ihn in der Versenkung verschwinden lassen und nicht ins Kino bringen. Man einigte sich auf zwei Kinovorführungen in New York und Los Angeles. Das Publikum war begeistert. Am Ende eröffnete der Film die Filmfestspiele von Venedig und gewann mehrere Oscars. Weinstein hätte also auf Gewinn, Prestige und Preise verzichtet, nur um für sein gekränktes Ego Rache zu nehmen. Da man aus den zahlreichen Statements anderer Schauspielerinnen und Produzentinnen – darunter Julianne Moore, Ashley Judd, Angelina Jolie oder Gwyneth Paltrow – weiß, dass Weinstein bei seinen Belästigungen immer nach dem gleichen System vorging, stellt sich unweigerlich die Frage, wie oft ähnliches Verhalten gute Filme verhindert hat. Wie viele Frauen wurden durch seine „Machiavellistische Wut“ um preiswürdige Projekte gebracht? Wie viele vielversprechende Karrieren tatsächlich beendet, weil ein gekränkter Produzent Rache für die Absage einer sexuellen Gefälligkeit nehmen wollte? Hayeks Beitrag wird nicht der letzte in diesem Skandal sein.

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