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„Arschgeweih“ : Aufstieg und Fall des perfekten Tattoos

Beliebte Dekoration ohne tieferen Sinn: Das Steißbein-Tribal, das später zum „Arschgeweih“ degradiert wurde. Bild: dpa

Aussehen wie Sabrina Setlur? Das wollten kurz vor der Jahrtausendwende viele Frauen und ließen sich ein Steißbein-Tribal stechen. Doch als das zum „Arschgeweih“ wurde, war der Trend plötzlich vorbei.

          Anfang und Ende des „Arschgeweihs“ kamen, als ein Tätowierer seiner Freundin auf den Po schaute. Und auf ihre Tätowierung über dem Po. Die hieß damals noch Steißbeintribal. Denn den Begriff „Arschgeweih“ gab es vor der Jahrtausendwende noch nicht. Pogo, Jahrgang 69, den Bekannte als einen kleinen, verrückten Punkrocker beschreiben, war seit gut zehn Jahren als Tätowierer tätig. In seiner Heimat Österreich war er ein Star in der Szene. Er blickte also auf den Hintern und auf das Tattoo, und er dachte in diesem Moment, dass es aussehe, „wie ein Geweih auf dem Arsch“, ein „Arschgeweih“.

          Philip Eppelsheim

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          So erzählt Pogo die Entstehungsgeschichte vom Wort „Arschgeweih“. Es sei das erste Mal gewesen, dass jemand ein Tattoo auf dem Steiß so nannte. Pogo sagt: „Ich habe das Wort erfunden.“

          Woran Pogo nicht dachte, nicht einmal im Entferntesten, war, welche Macht seine Wortschöpfung einmal entfalten würde. Dass Tätowierer und Frauen darunter leiden würden – und jene Männer, die Frauen gerne auf den Po starren. Also fast alle. #MeToo. „Ich habe doch nicht damit rechnen können, dass dieses Wort so groß wird“, sagt Pogo. Und er rechnete auch nicht damit, dass er mit dem Namen für das Tattoo ebendieses vernichtete.

          „Keine Macht dem Arschgeweih!“

          Aber so war es nun einmal – und deshalb ist die Geschichte vom „Arschgeweih“ nicht nur eine Geschichte darüber, dass man nicht jedem Trend hinterherrennen sollte, weil selbst die schönsten und harmlosesten Dinge eine unschöne Bedeutung aufgedrückt bekommen können und man selbst in eine Schublade gesteckt wird. Sondern es ist auch eine Geschichte über die Macht der Verachtung und über die Macht der Worte. George Orwell sagte einmal: „Wenn das Denken die Sprache korrumpiert, korrumpiert die Sprache auch das Denken.“ Wörter können trösten, verletzen oder vernichten. Es spielt nun einmal eine Rolle, ob man eine Kanzlerin Mutti nennt oder Zonenwachtel. Das eine ist liebevoll, das andere verletzend. Das eine tut gut, das andere will vernichten. Beides sollte man sich möglichst auch nicht auf den Unterarm tätowieren. Man könnte es bereuen, meinen Tätowierer.

          Für Pogo war die Wortkreation lediglich ein Spaß. Er zeichnete ein Verbotsschild: einen rot umrandeten Kreis mit einem Strich durch die Mitte – wie ein Parkverbotsschild. Im Inneren des Kreises war ein Po mit Steißtribal zu sehen. Dazu schrieb Pogo: „Keine Macht dem Arschgeweih!!!“ Er sagt, das sei eine Anlehnung an die Band „Ton Steine Scherben“ gewesen und an ihr Lied „Keine Macht für Niemand“: „Im Süden, im Osten, im Westen, im Norden, / es sind überall dieselben, die uns ermorden. / In jeder Stadt und in jedem Land, / schreibt die Parole an jede Wand.“ Die Parole hatte Frontmann Rio Reiser einst in einer Anarcho-Zeitung entdeckt – bis heute ist sie beliebt bei Linksradikalen und bei Autonomen. Und ihr Tanz ist der Pogo.

          Tattoos gehörten nicht mehr in die Schmuddelecke

          Das Verbotsschild kam bei Pogos Freunden gut an. Er hatte die Lacher auf seiner Seite. Er ließ Aufkleber drucken, 5000 Stück, und er nahm sie mit auf eine Tattoo-Convention. Er sagt: „Sie gingen weg wie warme Semmeln.“ Auch andere Tätowierer erinnern sich noch gut daran, obwohl es nun schon 16 Jahre her ist. Aber Pogo und sein Schild sind in der Szene eine Legende. Das Verbotsschild sei gut gemacht gewesen, sagen die Tätowierer. Der Kreis war schön rund, der Po einigermaßen wohlgeformt, die Aussage perfekt. Jeder wollte einen Aufkleber haben.

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