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„Arschgeweih“ : Aufstieg und Fall des perfekten Tattoos

Begriff wertet das Tattoo ab

Am Ende des Jahres 2004 nahm das ,SZ‘-Magazin den Begriff in seinen Jahresrückblick auf: „In diesem Jahr populär gewordene, eher abschätzige Bez. für großflächige Tätowierungen oberhalb des Steißbeins. Die Erfindung des Wortes wird dem Komiker Michael Mittermeier zugeschrieben. In Abgrenzung zu Paarhufern kann man das A., das sich in der Folge bauch- und rückenfreier Oberbekleidung entwickelte, bei Menschen fast ausschließlich an Vertretern des weiblichen Geschlechts beobachten.“

Doch die Begeisterung für das Tattoo fand ein jähes Ende. Rödel sagt: „Das Arschgeweih wurde über alle Kanäle ausgeschlachtet. Deshalb hat es auch keiner mehr machen lassen.“ Der Begriff sei einfach zu griffig gewesen, habe sich bei den Leuten festgesetzt. Das Tattoo sei abgewertet worden. „Es war jetzt verpönt. Man war auf einmal komplett out, wenn man eine solche Tätowierung hatte.“ Hinzu kam, dass sich auch in Amerika ein Begriff durchsetzte: Trampstamp - Schlampenstempel. Das perfekte Tattoo war auf einmal der „Prototyp der gedankenlosen Modetätowierung“ und schlimmeres.

Zu dem Begriff „Arschgeweih“ möchte Komiker Michael Mittermeier heute keine Interviews mehr geben.
Zu dem Begriff „Arschgeweih“ möchte Komiker Michael Mittermeier heute keine Interviews mehr geben. : Bild: dpa

Modetätowierung mit Folgen

Eine solche Modetätowierung gab es natürlich auch bei Männern. „Denn es gab ja das männliche Arschgeweih“, sagt Pogo. Nur, dass es nicht auf dem Po, sondern auf dem Arm war. Während Frauen aussehen wollten wie Sabrina Setlur, wollten die Männer so sein wie George Clooney im Film „From Dusk Till Dawn“. Dort trägt er ein Tribal, dass sich vom Arm bis zum Hals hinaufzieht. Cool wurden die Männer durch das Tattoo zwar nicht, auch nicht gefährlich oder verrucht. Bierbauch blieb Bierbauch. Aber immerhin wurden sie nicht so fertiggemacht wie die Frauen mit Steißtattoo.

Die galten als leicht zu haben, als Dummerchen, als blonde Friseusen, als Porno-Sternchen, wie es Sexy Cora war, auch sie eine Miss Arschgeweih. Das wurde sogar wissenschaftlich durch Umfragen bei Männern untersucht. Kulturhistorisch sei dieses Vorurteil auch zu erwarten gewesen, sagt Rödel. Frauen mit Tattoos galten immer als leichte Mädchen – eine Erfahrung, die Jahre später auch Bettina Wulff machen musste. Wobei sich natürlich streiten lässt, ob es nicht eher etwas über den Mann aussagt, wenn er so denkt. Oder anders ausgedrückt: Ob nicht der Mann der Arsch ist in der Geschichte vom Arschgeweih.

Tätowierer selbst vernichteten das Steißtribal

Für die Trägerinnen war dieses Image jedenfalls äußerst unangenehm. „Zumal sie ja gar nicht wussten, was sie falsch gemacht haben. Nur die wenigsten haben verstanden, was da überhaupt passierte“, sagt Rödel. Er ist nach wie vor der Meinung, dass die Frauen ja auch gar nichts falsch machten. „Denn es war vom Konzept ja genau das, was ein Tattoo sein soll. Es wirkte nach außen, hatte eine erotische Komponente.“

Für Rödel ist aber das Seltsamste an der Geschichte, dass es die Tätowierer selbst waren, die das Steißtribal vernichteten. „Die Tätowierer hätten eigentlich alle glücklich und zufrieden sein können. Sie hatten ein einfach zu tätowierendes Motiv, und es gab jede Menge Aufträge“, sagt er. Aber dennoch sägten sie den Ast ab, auf dem sie saßen.

Niemand mochte mehr dieses Tattoo haben. Viele Frauen schämten sich dafür. Es ist schwer, eine ähnliche Geschichte von Aufstieg und Absturz in jüngerer Zeit zu finden. Vielleicht Martin Schulz. Zigtausende Frauen versuchten, ihr Tattoo irgendwie zu entfernen. Entweder sie ließen es umarbeiten, vergrößern, verzieren, oder sie ließen es sich weglasern.

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