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U Pyinjauda lebte mit 700 anderen Mönchen im Maha-Ghanda-Kloster in Amarapura.

Im alten Burma

Text von WILHELM KLEIN
Fotos von GÜNTER PFANNMÜLLER
U Pyinjauda lebte mit 700 anderen Mönchen im Maha-Ghanda-Kloster in Amarapura.

27. April 2021 · Myanmar kommt nicht zur Ruhe. Diese Bilder aus den Achtzigern zeigen, was in dem asiatischen Land gerade verlorengeht.

Als die Briten 1948 aus Burma verschwanden, ließen sie ein Land zurück, das unter all den Perlen auf der Schnur ihrer einstigen Kolonien am hellsten strahlte. So jedenfalls sahen es die Intellektuellen und Schöngeister im Mutterland. Burma, wie Myanmar damals noch hieß und wie es heute noch von vielen nostalgisch genannt wird, besaß Magie. Dem besonderen Zauber des Landes waren Abenteurer, Poeten und Lebenskünstler verfallen. Der birmanische Theravada-Buddhismus, mit einem unterschwelligen Geisterglauben vermischt, bot Antworten auf große Lebensfragen. Auch deshalb wuchs den von zwei Weltkriegen verunsicherten Europäern das Land ans Herz.

Tun U verkaufte Luftballons und Spielsachen in Myitkyina.
Tun U verkaufte Luftballons und Spielsachen in Myitkyina.

Wie Wasser, das von Bergesspitzen / Sprudelnd zur Ebene hin strömt, / So wird das Gute, das Du tust, / Voll segensreicher Wirkung sein.
MAHAPARINIBBANA SUTTA

Hinzu kamen die ländliche Lebensweise, die Mönche und die Bauern, die Fischer und die Handwerker, an denen die moderne Zeit vorbeigegangen war. Von Ochsen gezogene Karren statt Autos sowie Longyi-Wickelröcke statt Jeans, für Männer wie für Frauen, bestimmen noch heute oft das Straßenbild. Frühmorgens wandern die Mönche mit ihren Bettelschalen von Haus zu Haus, wobei nicht sie den Spendern, sondern die Spender den Mönchen danken, dass sie ihnen eine Gelegenheit bieten, ihr Karma zu verbessern.

Die 22 Jahre alte Ma Aye Ngwe war Bäuerin in Nat Kha Yaing.
Die 22 Jahre alte Ma Aye Ngwe war Bäuerin in Nat Kha Yaing.

Die Burmesen hielten während der 122 Jahre dauernden Besetzung Distanz zu den Briten. Für einfache Verwaltungsaufgaben und für Plantagenarbeiten mussten die Briten Inder aus dem Raj ins Land holen. In den Dörfern bewirtschafteten die Burmesen ihre bewässerten Reis-, Mais-, Hirse- und Gemüsefelder. Der jährliche Monsun garantierte ihnen ertragreiche Ernten. Sklavenähnliche Dienste überließen sie anderen, neben Indern auch Chinesen. Im Halbkreis um das Irrawaddy-Tiefland angesiedelt sind 67 verschiedene Bergvölker, die 242 verschiedene Sprachen oder Dialekte sprechen. Obwohl sie sich ethnisch wie sprachlich von den Birmanen unterscheiden, wurden und werden sie alle als Burmesen bezeichnet, als Bewohner der Union von Myanmar.

Erntehelferinnen aus Nat Kha Yaing
Erntehelferinnen aus Nat Kha Yaing

Der größte Teil der Einwohner sind aber Birmanen (sie selbst nennen sich Bamar), die ursprünglichen Einwohner des Landes, die Tibetobirmanisch sprechen. Wie in Thailand sind die Bergvölker erst spät, während der vergangenen Jahrhunderte, aus Südchina eingewandert und haben sich an den Berghängen und auf den Höhen niedergelassen, nachdem sie diese durch Brandrodung zu Ackerland gemacht hatten. Die Bamar leben seit jeher im leichter zu bestellenden Flachland am Irrawaddy und am Chindwin.

Diese Aufteilung ließ das Land nach der Unabhängigkeit nicht zur Ruhe kommen. Die größten dieser Bergstämme, die Karen, die Kachin und die Chin, sind mehrheitlich Christen. Sie wurden während der Kolonialzeit missioniert und sehen sich von den buddhistischen Bamar politisch und kulturell unterdrückt. Das Gebiet am Irrawaddy ist inzwischen zu einem geopolitischen Hotspot geworden, bei dem es um Chinas Zugang zum Golf von Bengalen geht, der es dem Militär Myanmars immer wieder ermöglichte, Sanktionen zu umgehen und die Demokratiebestrebungen im Land niederzuhalten.

Der Bergmann Asse
Der Bergmann Asse
Bauer aus Nat Kha Yaing
Bauer aus Nat Kha Yaing

Jeder kluge Mann, / Dem sein zukünftig Wohl am Herzen liegt, / Sollte eine Herberge bauen / Und weise und gelehrte Männer / Dort rasten lassen. / Mit Speis und Trank, / Mit Kleidung und mit Ruheplätzen / Sollte er sie sodann versorgen, / Die Männer mit dem klaren Geist.
Aus dem VINAYA CHULLAVAGGA VI, einer der alten buddhistischen Schriften

Seit mehr als 30 Jahren bereisen der Frankfurter Fotograf Günter Pfannmüller und ich dieses Land immer wieder. Auch wir sind von dem „Burma-Virus“ befallen, von dem englische Schriftsteller schrieben. Natürlich verzaubern auch die touristisch aufbereiteten Orte wie Bagan mit seinen 2000 Tempeln und Pagoden, die meisten fast 1000 Jahre alt, und das Shan-Bergland mit dem Inle-See und seinen verträumten und verfallenden buddhistischen Heiligtümern in einer fließenden Hügellandschaft. Am nachhaltigsten aber sind noch die Eindrücke, die man aus dem Herzland der Bamar mitbringt, das nördlich und rund um die alte Hauptstadt Mandalay in der Region Sagaing liegt.

Die Studentin Moe Kaing half ihren Eltern beim Abernten der Reisfelder.
Die Studentin Moe Kaing half ihren Eltern beim Abernten der Reisfelder.

In einem der Dörfer dort, in Nat Kha Yaing, hatten wir uns in den achtziger Jahren während der Erntezeit im Februar mit unserem tragbaren Studio niedergelassen und uns in das Leben der Bauern integriert, die uns herzlich aufnahmen. Dort sind auch einige der hier abgebildeten Fotos entstanden, wie das von Ma Aye Ngwe (22), Tintin Aye (21) und der zwölfjährigen Ma Kethewig, mit denen wir auf den Feldern beim Ernten waren und denen wir beim Schneiden, Dreschen und Worfeln zusahen. Die geworfelten Körner wurden dann von Mädchen wie Ma Yin Nwe, Ma Nway, Moe Ni Karay und Ma Nyunt Yee in schweren Körben, die sie kilometerweit auf dem Kopf trugen, ins Dorf gebracht. Es sind Bilder aus einer anderen Zeit, mit einer Erntetechnik, an der sich in Jahrhunderten nichts geändert hat.

Ma Kethewg Kaing verkaufte Gemüse aus dem Garten ihrer Eltern
Ma Kethewg Kaing verkaufte Gemüse aus dem Garten ihrer Eltern
U Thei Thila war Abt des Kani-Klosters in Sagaing
U Thei Thila war Abt des Kani-Klosters in Sagaing
Ma Paw Nyein und Ma Ohnmar arbeiteten auf dem Bau in Sagaing.
Ma Paw Nyein und Ma Ohnmar arbeiteten auf dem Bau in Sagaing.

Wie jedes größere Dorf hat auch Nat Kha Yaing ein eigenes Kloster und in seinem Umfeld einige Stupas, die in erhöhter Lage gebaut wurden. Hier treffen sich die Bewohner zum Beten, zum Essen und Spielen und um über anliegende Probleme zu sprechen. Hier findet man sie auch, wenn im aufsteigenden Staub der Erntezeit abends die Sonne blutrot untergeht. Einen solchen Stupa zu bauen ist der Wunsch eines jeden erfolgreichen Manns in Myanmar.

U Pyinjauda und der 13 Jahre alte Mönchsanwärter Po Jasatama gingen in Amarapura betteln.
U Pyinjauda und der 13 Jahre alte Mönchsanwärter Po Jasatama gingen in Amarapura betteln.

Die Kyaungs, die Dorfklöster, sind auch die Grundschulen auf dem Land. Dort lernen die Kinder religiöse Grundsätze, Lesen, Schreiben und Rechnen - die Dinge, die sie brauchen. Animistische und buddhistische Lebensregeln gaben bislang noch immer Antwort auf die Schwierigkeiten des Lebens. Hier sind der Buddhismus und die Idee des Samsara, des Wiedergeborenwerdens, sehr direkt. Ohne Umschweife spricht man vom Dilemma der menschlichen Existenz: „Blass und vergänglich, gekettet an das Mühlrad des Leids, ist das Leben.“

U Tin Ngwe, Bauer in Nat Kha Yaing, rauchte eine selbstgedrehte Cheroot
U Tin Ngwe, Bauer in Nat Kha Yaing, rauchte eine selbstgedrehte Cheroot

In den Dörfern der Bamar, in Zentral- und Nordmyanmar, sind solche dichterisch-religiösen Aussagen Geschichte. Die Menschen sind nicht arm, sie leiden keinen Hunger und versuchen, wann immer das Militär an der Macht ist, ihm aus dem Weg zu gehen. Sie leben noch immer nach dem uralten Rhythmus des Monsuns. Da gibt es die arbeitsintensiven Perioden der Aussaat und des Erntens, aber auch die Monate des Regens und des Wachsens der Pflanzen. In dieser Zeit halten sich die Menschen oft in Klöstern auf, um zu beten und den Sayadaws zuzuhören, den alten weisen Mönchen, bevor sie in den großen buddhistischen Zentren ihre vollmondabhängigen Feste feiern.

Der 77 Jahre alte Tial Ling war Reisbauer in Nat Kha Yaing.
Der 77 Jahre alte Tial Ling war Reisbauer in Nat Kha Yaing.
Ma Tin Tin Aye war Bäuerin in Nat Kha Yaing.
Ma Tin Tin Aye war Bäuerin in Nat Kha Yaing.

Geburt nach Geburt, wieder und immer wieder, / Besudelt, beschmiert, unterdrückt und bedrängt, / Umklammert und keuchend, stöhnend und ächzend, / Erschöpft und gequält, zitternd und schluchzend, / Blass und vergänglich, gekettet an das Mühlrad des Leids ist das Leben.
SAMSARA, KO-GAN PYO

Dorthin fahren sie mit ihren Ochsenkarren, die sie wie mobile homes für die ganze Familie nutzen. Im Umfeld dieser Feste gibt es große Märkte, auf denen man tagsüber an jeder Ecke eine Garküche und abends einen Feuerplatz findet, um den sich die Männer drängen. Bis tief in die Nacht trinken sie ihr Reisbier und diskutieren. Diese Orte sind Supermärkte, Nachrichtenbörsen und Heiratsmärkte in einem.

Die Menschen, die wir im Norden Myanmars fotografierten, waren Bamar mit starken Zügen und einer stolzen Schönheit. Einige der jungen Männer, die wir ohne Hemden in ihren Longyis fotografierten, sind schlank und gutaussehend, von geradezu aristokratischer Statur. Die Älteren, Männer und Frauen, die durch das harte Leben, das sie lebten, nicht gebeugt, sondern still wurden, ließen uns erkennen, wie stark uns die westliche Welt mental und körperlich belasten kann. Diese Region Myanmars erlebt man wie eine Reise zurück in eine andere Zeit.


BEREICHERUNG IN MYANMAR: Armee ohne Anstand
GEOPOLITIK: Unsere Ohnmacht in Myanmar

Quelle: F.A.Z. Magazin

Veröffentlicht: 27.04.2021 09:41 Uhr