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Ahmad Mansour : Radikal integriert

Ahmad Mansour, der 1976 als Muslim in Israel geboren wurde, ist über Umwege zu einem der wichtigsten Islamismuserklärer in Deutschland geworden. Bild: Daniel Pilar

Ganz Berlin will etwas wissen von Ahmad Mansour: Was heißt Integration? Wo beginnt die Radikalisierung? Der Muslim, der Muslime kritisiert, erlebt gerade die Dialektik der Aufklärung.

          7 Min.

          Ahmad Mansour ist so etwas wie der Mann der Stunde. Das erkennt man an einem Mittwochabend in einer Bibliothek im Berliner Stadtteil Reinickendorf. Vor der Tür steht ein VW-Bus der Polizei im Graupelregen, am Eingang kontrolliert ein Sicherheitsdienst die Taschen. Damit niemand von außen Einblick hat, sind die Jalousien neben der Bühne heruntergelassen. Männer mit polierten Schuhen und Knopf im Ohr lassen ihre Blicke durch den Raum gleiten. Die Leiterin der Bücherei sagt, so eine aufregende Veranstaltung habe sie noch nicht erlebt. Aber der Polizeischutz verrät weniger über die tatsächliche Bedeutung einer Person, als vielmehr etwas über den potentiellen Wahnsinn ihrer Gegner.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der örtliche Abgeordnete Burkard Dregger stellt seinen Gast vor. Er redet nicht nur von „einem der anerkanntesten Extremismusexperten“, sondern auch von einem „mutigen Mann“ und „Medienstar“. Der CDU-Politiker sagt: „Ich bin richtig stolz, ihn zu kennen.“ Daraufhin übernimmt Ahmad Mansour das Mikrofon. Eine Stunde lang redet der Neununddreißigjährige, frei, ohne Manuskript, ein exzellenter Rhetoriker. Dabei lispelt er sanft und lächelt herzlich.

          Mansour ist wie ein Joker der Migrations-Debatte

          Ahmad Mansour ist arabischer Israeli, aber er sagt „wir„, wenn er Deutschland meint. Einer seiner Kernsätze: „Integration bedeutet nicht nur Sprache und Arbeit, Wohnung und Aufenthalt, sondern Menschen hier zu haben, die ohne Wenn und Aber hinter dem Grundgesetz stehen.“ Er fügt hinzu: Wer dieses Rechtssystem nicht akzeptiere, der habe hier nichts suchen. Da gibt es spontan Applaus. Gegen Ende der Veranstaltung meldet sich eine Frau zu Wort: „So wie Sie reden“, sagt sie, „das ist wie ein Sommerregen nach einer langen Hitze.“ Wieder Applaus.

          Nach der Veranstaltung schiebt Mansour seinen Laptop unbenutzt zurück in den Rucksack. Eigentlich hatte der studierte Psychologe einen Power-Point-Vortrag vorbereitet. Er hatte über die Ursachen islamistischer Radikalisierung sprechen wollen, über junge Salafisten in Deutschland und die Anziehungskraft ihrer Ideologie. Dann jedoch sah er sein Publikum. Anders, als er es sonst von seinen Veranstaltungen kennt, saßen da weder Lehrer noch Sozialarbeiter noch Menschen mit Migrationshintergrund.

          Statt dessen: Männer mit dünnem und Frauen mit weißem Haar, die Wangen von innerer Hitze gerötet. „Menschen voller Ängste und Sorgen“, sagt Ahmad Mansour. Deshalb änderte er spontan seinen Plan. „Sonst hätte ich bestimmte Vorurteile bedient, und das wollte ich nicht.“ Einem älteren Herrn, der Kriegsflüchtlinge nach dem Ende der Kämpfe in ihr Land zurückschicken will, erklärt er freundlich, aber bestimmt, damit verschliefe man die Chance auf Integration. „Wir brauchen Konzepte jetzt!“ Interessanterweise wird der Herr später sagen, Mansour habe ihm aus dem Herzen gesprochen.

          Ahmad Mansour ist wie ein Joker der migrationspolitischen Debatte. Er kann vor Praktikern oder in Fachkreisen auftreten, weiß aber auch mit normalen Leuten umzugehen. Er ist auf jüdischen Tagungen willkommen, berät die Polizei, und von der Union bis zur Linken laden alle politischen Parteien ihn ein. Seit den Anschlägen auf das französische Satire-Magazin „Charlie Hebdo“ im Januar 2015 war er, wie er selbst sagt, 200 Mal in den Medien. „Es freut mich, dass so viele Anfragen kommen“, sagt der Muslim, der mit einer Deutschen verheiratet ist. Sein Smartphone zeigt die ungelesenen Mails in seinem Postfach an: Es sind 3031.

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