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Mehr als bloß Fragen stellen : Die Kunst des Interviews

Wolf Wondratschek war ein Sonderfall im Interview: Auf mehrere Nachfragen zum Thema Rauchen sagte er: „Sie stellen mir Fragen, die ich mir nie gestellt habe und die mich eigentlich nicht interessieren.“ Bild: Andreas Pein

Unter den journalistischen Textformen ist das Interview noch immer das Stiefkind – vollkommen zu Unrecht: Ein gutes Interview ist nie nur eine Aneinanderreihung von Fragen und Antworten, sondern ein kleines Theaterstück.

          11 Min.

          Interview ist die am meisten unterschätzte Textform im Journalismus. Während für Reportagen oder investigative Recherchen haufenweise Preise ausgeschrieben werden, muss man im Fall des Interviews danach suchen. Es gibt auch nur wenige Journalisten, die sich als ausgezeichnete Interviewer einen Namen gemacht haben. Viele Leser glauben, der Beitrag des Journalisten sei bei einem Interview geringer als bei irgendeiner anderen Textform. Das ist ein Irrglaube. Dennoch überdeckt der Glanz des Interviewten zumeist den des Interviewers, schon weil jener oft berühmter ist als dieser, aber auch, weil Antworten zu geben besser beleumundet ist als Fragen zu stellen.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Das Interview tut so, als sei es die unmittelbarste, unfiktionalste Form journalistischer Darstellung. Auch das ist nicht richtig. Man erkennt es schon daran, dass sich der Journalist mit seinem Gesprächspartner ein oder zwei Stunden lang unterhält, dass man aber das Interview, das später in der Zeitung erscheint, in fünf bis 20 Minuten gelesen hat. Es kommt auch häufiger vor, dass man sich auf Wunsch des Interviewten im Gespräch geduzt hat, in der Zeitung dann aber auf das dort übliche „Sie“ wechselt.

          Komiker sind Wunsch-Interviewpartner

          Angenommen, ein Journalist hat sich trotz allem dazu entschlossen, Interviews zu machen, dann ist es noch ein weiter Weg. Die am Anfang stehende Frage „Wen interviewen?“ hängt eng mit der Frage „Wozu?“ zusammen. Politiker, zumindest die aktiven, werden in der Regel nicht interviewt, um mit ihnen ein „dramatisches Kunstwerk für zwei Personen“ zu schaffen – so nannte der Kritiker Benjamin Henrichs die Interviews von André Müller. Es wäre auch albern zu glauben, es könne sich bei dieser Art von Interview um einen verbalen Boxkampf handeln; so hat der Journalist Christian Kämmerling gute Interviews am Beispiel Moritz von Uslars charakterisiert. Natürlich könnte man ein Gespräch, sagen wir: mit Angela Merkel, konfrontativ wie einen Kampf anlegen – die Schläge würden dann aber mit großer Wahrscheinlichkeit ins Leere gehen, schon im Gespräch oder spätestens bei der Autorisierung.

          Anders liegt der Fall, wenn man mit Politikern über Themen redet, die mit ihrem Tagesgeschäft nichts zu tun haben. Oder wenn man ehemalige Politiker interviewt. Da geht es dann durchaus ums Dramatische, um Unterhaltung, Literatur. Wer ist dafür am geeignetsten? Meine Erfahrung: Je älter die Gesprächspartner sind, desto freier reden sie, desto größer ist ihre Neigung, in einem Interview auch eine Art Vermächtnis zu sehen, desto größer auch die Wahrscheinlichkeit, dass sie keine Pressesprecher mehr haben, die ihre Aussagen abschwächen könnten.

          Auch Kabarettist Ottfried Fischer lies sich in diesem Jahr von Timo Frasch interviewen.

          Manche Berufsgruppen sind für gute Interviews eher prädestiniert als andere: Komiker zum Beispiel. Sie sind von Natur aus auf Pointe aus, gegen das Rundschleifen imprägniert. Das kann sie in der konkreten Interviewsituation aber auch verkrampfen lassen. Nicht schlimm ist es hingegen, wenn Komiker ernst sind – dann ist eben das die Pointe. Ich interviewe auch gerne nicht-öffentliche Personen. Sie sind im besten Sinne unprofessionell. Außerdem kann es angenehm sein, wenn man selbst einmal in der Position des Profis ist, der versuchen muss, dem Gegenüber die Angst vor dem Ungenügen zu nehmen.

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