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Sein bürgerliche Name ist Thomas Huebner Bild: Michael Braunschädel

Musiker Clueso im Porträt : Alles so nah, alles so echt

Clueso bringt seit 17 Jahren Alben auf den Markt, bald ein weiteres. Manche halten ihn für zu angepasst, der große Unangepasste Udo Lindenberg holte ihn auf die Bühne. Was den Erfolg des Sängers ausmacht.

          7 Min.

          Zwar haben ihn die Jahre gelehrt, dass man die Kontrolle möglichst selten abgeben sollte – trotzdem weiß Clueso an diesem Abend im August nicht, wohin er unterwegs ist. In seinem Terminplan steht ein Interview in Hamburg, aber dann bringt ihn ein orangefarbener VW-Bulli hinter Bremen aufs Land, genauer: ins Kliemannsland, auf einen Hof im Nirgendwo bei Rotenburg, wo die Illusion des Aussteigens gelebt wird, mit wild bewachsenen Campingwagen, einem U-Boot-Teich und Künstlerateliers, Langzeitprojekt des Youtubers Fynn Kliemann und Drehort für Kreativprojekte. Eines davon: Musiker werden entführt und mit einem Spontankonzert überrascht, mehr zu ihrem eigenen Vergnügen als für ein Publikum, das in der Abgeschiedenheit sowieso nur aus denen besteht, die auf dem Hof leben oder arbeiten. Also landet Clueso an diesem Abend auf einer ungewöhnlichen Bühne. Er mag diese kleinen Ausbrüche.

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Am nächsten Morgen steigt er mit Zahnbürste im Mund und Badehandtuch über der Schulter aus einem alten Camper. Es bleibt noch Zeit für ein bisschen Musik und Herumhängen mit braungebrannten, gutgelaunten jungen Menschen, aber nicht zu viel, denn das neue Album erscheint Ende des Monats und es gibt noch viel zu tun. Interviews zum Beispiel, im günstigeren Fall bei einer Tasse Kaffee unter einem Kastanienbaum. Clueso fühlt sich wohl auf dem Hof, der ihn an ein früheres Leben erinnert: Im Zughafen, einem Gebäude des alten Erfurter Güterbahnhofs, hat er sechzehn Jahre lang mit Freunden in einer Künstlerkommune gearbeitet, Musik gemacht. Das war vor der Trennung von seiner Band und dem Album „Neuanfang“. Den Zughafen gibt es noch immer, nur bei ihm hat sich einiges verändert.

          Lieder klangen nah und echt

          Clueso, 38 Jahre, lässt sich also barfuß und im Leinenhemd auf einer Bank nieder und sieht dabei aus wie Mitte zwanzig, spitzbübisch und jungenhaft, mit schmaler Brust und weichem Gang. Trotzdem ist in der Ankündigung seines neuen Albums davon die Rede, dass er angekommen sei. Das hat damit zu tun, dass er seit siebzehn Jahren Alben herausbringt und gelernt hat, wie das Business läuft. Es hat auch mit dem Image zu tun, das er seine Marke nennt: nett, umgänglich, erwachsen geworden mit seinen Fans. Vor zwei Jahren hat er sich von seiner Band getrennt und die Künstlerkommune verlassen. Die ausgedehnte Jugend war vorbei, die ersten hatten Kinder bekommen, und der Druck, dass am Erfolg seiner Musik auch das Auskommen seiner Freunde hing, die mit ihm produzierten, wurde ihm zu groß. Vor allem aber wollte er etwas Neues. Inzwischen hat er sich eine abgeklärte Gelassenheit angeeignet und sagt druckreife Sätze wie: „Wenn man Pop-Art machen will, ist es gut, nicht allzu viel von Andy Warhol gesehen zu haben.“ Clueso ist reifer geworden. Er macht jetzt mehr das, was er will.

          Was kommt nach einem Album, das „Neuanfang“ heißt? Man kann sich ja nicht immerzu neu erfinden. Ein unterwegs zusammengetragenes Album, ohne große Erwartungen, ohne Konzept und Motto, entschied Clueso und sichtete seine über Jahre gesammelten musikalischen Skizzen. Die meisten Ideen kommen einem aktiven Musiker sowieso unterwegs. Aber die 18 Songs auf „Handgepäck I“ beließ Clueso so roh, wie sie waren. Als er sie aufnahm, hätten sie nah und echt geklungen, nicht zu dumm und nicht zu klug, sagt er, und dass er Songs liebt, die in der Lage sind, für sich selbst zu stehen.

          Schnipsel, die gut zusammen passen

          Ideen aus dem Studio sind anders, kontrollierter, mit mehr Radiohit-Potenzial. Das Vorgängeralbum hatte einen durchgehenden, ausgeklügelten Sound. Der einzige charttypische Clueso-Song auf „Handgepäck I“ ist „Du & Ich“. Auf seine Weise ist das also doch wieder ein Neuanfang. „Die meisten Songs würden eingehen, wenn du sie auf eine große Bühne setzen würdest“, sagt Clueso. Das wird die Vermarktung nicht ganz einfach machen. Er weiß auch, dass nicht jeder Doppelreim bei so einem Experiment geschmeidig klingt. Trotzdem gibt es auch auf „Handgepäck I“ andere denkwürdige Zeilen wie „Im Schatten der Kulisse rauche ich selbstgedrehte Kippen / und das Feuerwerk am Riesenrad erinnert mich an diesen Tag“.

          Das Ergebnis klingt wie ein angeregtes Gespräch mit einem alten Freund. „Ich geh nach innen“, sagt Clueso über diese Art des Unterwegs-Seins, die ohne ekstatische Momente auskommt. Er glaubt, dass die inneren Bewegungen länger halten als die äußeren, und dass sie mehr bewirken. Manche Songs sind aus Schnipseln entstanden, aus einzelnen Beobachtungen und Stimmungen, so wie „Kurz vor dem Abflug“. Andere, wie „Paris“, hat er schon vor Jahren geschrieben. Sie erzählen eine Geschichte, meistens die einer alten Liebe, denn so ist das bei Clueso: Das Herz hat immer Vorrang. Wenn er sich erklären will, weil ihm auffällt, dass jemand das Ergebnis seiner Arbeit des letzten Jahres unterschätzen könnte, sagt er: „Leise ist das neue Laut. So wie bei Kings of Convenience.“ Die sind allerdings schon ähnlich lang wie Clueso selbst im Business.

          Ohrwürmer im Radio

          Anders als man es von einem Reisealbum erwarten würde, hat sich Clueso mit seiner Herkunft beschäftigt. Es geht um die Streitereien der Eltern, am Mittagstisch streng schauende Väter, um verlässlich blumengießende Nachbarn, die Rückkehr nach Erfurt mit dem Bus. Es geht um die täglichen Begegnungen und die Gedanken, die man sich selten zu den anderen macht, Clueso aber schon. „Alles, was ich anschau’, nehm ich mit“, heißt es in „Einfache Fahrt“. Udo Lindenberg hat ihn einmal einen „Schnapper“ genannt: Weil er so vieles von dem aufschnappt, was um ihn herum geschieht. Erfahrungen von unterwegs haben immer auch mit dem Daheim zu tun.

          Als Kind hat er ihn bereits gerne gehört, heute singt er mit ihm: Clueso und Udo Lindenberg
          Als Kind hat er ihn bereits gerne gehört, heute singt er mit ihm: Clueso und Udo Lindenberg : Bild: POP-EYE

          Bei der Rückkehr nach Hause, sagt Clueso, finde man mehr zu sich, so ohne Titel und Marke. Da heißt er nicht Clueso, sondern Thomas Hübner. Neulich war er zum ersten Mal seit Jahren wieder im Schwimmbad seiner Kindheit. Er sucht Orte, die ihn etwas spüren lassen, die ihn sich selbst spüren lassen. „Wie als Kind, als alles neu und aufregend war.“ Jemand, der irgendwo angekommen ist, sagt so etwas nicht.

          Man hat ihm vorgeworfen, sich zu sehr zu verbiegen, um den Geschmack der Massen zu treffen. Es gibt diese Ohrwürmer von Clueso, denen es gut getan hätte, wenn sie etwas seltener im Radio gelaufen wären. Das hat auch damit zu tun, dass bei aller Nachdenklichkeit immer klar war, welches Gefühl gerade bedient wurde. Es gab bei ihm nichts falsch zu deuten, er war der Bruder, dessen Ängste man verstand und dessen Gedanken den eigenen ähnelten.

          „Ich bin schon irgendwo innen ein Ossi.“

          Politisches, das hat Clueso früh festgestellt, gehört nicht in seine Musik. Ein Song ist keine Tageszeitung, und obwohl er von Brechts Theater spricht, wenn er nach Bezügen für seine Musik sucht, hat er etwas gegen erhobene Zeigefinger. Außerdem erreiche man immer nur die, die sowieso schon ähnlich dächten. „Eine Zeile zu finden, die lange stehen bleibt, ist wahnsinnig schwierig“, sagt Clueso unter dem Kastanienbaum. „Sie nimmt dich mit nach Chicago / Dort wo niemand deinen Namen kennt“ zitieren sie nach zwölf Jahren immer noch, und wer mit Clueso erwachsen geworden ist, erinnert sich noch an die beklemmende Enge und den verzweifelten Ausweg von „Chicago“.

          Was bleibt, ist also das, was sich zwischen den Menschen abspielt, das Persönliche, es sind die Kämpfe des Alltags. „Was wissen du und ich / schon über sie? Denn wir sehen nur, was wir sehen.“ So klingt Systemkritik der Marke Clueso, und nur dass Thomas Hübner sich privat gegen Ausgrenzung engagiert, verrät etwas über die Zwänge ebendieser Marke.

          Auftritt von Clueso 2017 beim Musikfestival Hurricane: Was er nicht vergessen kann, sind die Erwartungen der Fans
          Auftritt von Clueso 2017 beim Musikfestival Hurricane: Was er nicht vergessen kann, sind die Erwartungen der Fans : Bild: dpa

          Es war in all den Jahren nie einfach, an den Klischees vorbeizukommen. Straßenmusiker und Rapper aus Erfurt mit Schulproblemen, abgebrochene Friseurlehre, dann die Entscheidung für den Deutsch-Pop, mit dem er über Nacht Teil einer Welle gefühliger Dachterrassen-Kerzenschein-Sounds wurde. Dabei war Clueso musikalisch vielseitig, hatte eine kantige Stimme und wie Silbermond, und später Kraftklub, Wendeerfahrungen, die nicht in den Mainstream passten. Aber er wollte nicht auf die Rolle des Ossis reduziert werden. Siebzehn Jahre später sagt er: „Ich bin schon irgendwo innen ein Ossi.“ Als Thomas Hübner neun Jahre alt war, fiel die Mauer.

          Er hat nicht vergessen, wie es sich anfühlte: Auf einmal in einem Labyrinth der Möglichkeiten gefangen zu sein. „Alle wollten uns etwas andrehen“, sagt der erwachsene Clueso. Erwartungen und Pläne, die zerstört wurden, die Suche nach Zufriedenheit, die in Verbitterung mündete: Wenn er jetzt von „den Ostdeutschen“ liest, erkennt er sie in keiner Charakterisierung wieder. Es wäre der richtige Zeitpunkt, über die Erfahrungen von damals zu reden, sagt Clueso: über diese Entzauberung, den fehlenden Glauben an ein fremdartiges System und das Gefühl, sich gegen „die da oben“ behaupten zu müssen. Aber jetzt bestimmten eben andere Themen die Debatten. „Und als er gehen sollte, ging er, ohne sich umzudrehen“, singt er in „Waldrandlichter“.

          Freundschaft mit Udo Lindenberg

          Was er auch nicht vergessen kann: Die Erwartungen der Fans. Selbst wenn er seine Rolle in Frage stellt, sich der Zwänge entledigt, ausbricht und davon singt, dass er nach all den Jahren immer noch ohne Plan Achterbahn fährt, kann er nicht aufhören, sich darüber Gedanken zu machen. Er will sie nicht enttäuschen: „Wenn jemand diese Idee von mir hatte und sich meine Zeilen auf den Arm tätowiert hat – wie soll ich das vergessen?“

          Das Prinzip „Immer schön menschlich bleiben“ ist nicht Teil der Marke, das ist Thomas Hübner-eigen und lässt sich nicht glätten. Also beantwortet er auch mit 38 weiter geduldig Fragen nach der großen Liebe und der Angst vor dem Kinderkriegen. Und geht die Veränderungen in kleinen, unauffälligen Schritten an. Die letzten hatten viel mit einem zu tun, den er schon mit seinem Vater im Wohnzimmer gehört hat und der in den vergangenen Jahren zu einem Freund geworden ist: Udo Lindenberg.

          Auch andere wollen mit ihm arbeiten. Die kurze WM-Euphorie hat er mit Fanta Vier in einem eingängigen Sommerhit vertont. Wenn andere mithilfe seiner Marke endlich wieder Radiohits schreiben und Geld verdienen, ist das okay - Clueso hat schließlich auch etwas davon. Er spielt nur mit denen, die ihn inspirieren. Die meisten von ihnen haben auch schon ein paar Jahre Erfahrung: Wolfgang Niedecken, Herbert Grönemeyer. Bevor er „Cello“ mit Lindenberg aufnahm, konnte der den Künstlernamen „Clueso“ nicht einmal aussprechen.

          Kleinstadt inspiriert

          Udo und er, sagt Clueso, hätten viel gemeinsam: den Groove, die Arbeitsweise der Autodidakten - und die Stimme, die wie zwei Sorten alter Wein klingt. „Waldrandlichter“ hätte auch auf Lindenbergs Album „Daumen im Wind“ gepasst. Das erschien 1972. Hat sich seitdem nichts getan? „Richtig gut klingt ein Song, wenn er eine einfache und klare Geschichte erzählt. Udo ist darin ein Meister“, sagt Clueso. Dass Lindenberg immer „Leute reingelassen hat“, dass er sich dem Moment hingibt und ein Menschenfan geblieben ist, macht ihn zu einem Vorbild für jemanden, der sich treu geblieben ist. Clueso weiß aber auch, welchen Preis Lindenberg dafür gezahlt hat.

          Deshalb wohnt er in einer Kleinstadt. Die Gelassenheit und Ironie seiner Familie und Freunde tun ihm noch immer gut. Außerdem macht Erfurt etwas mit ihm. Was in der Stadt geschehe, sagt Clueso, lasse sich so oft direkt aus dem Leben in die Musik übertragen. Tratschende Omas, einsame Jungs, schweigende Busfahrer: Alles so nah, alles echt, und die Veränderungen, sie geschehen in kleinen Schritten - wie bei Clueso. „Ich brauche Menschen“, sagt er, erhebt sich von seiner Bank im Schatten des Kliemannslands und macht sich auf die Suche nach ihnen. Er will dem Hofherrn und Youtuber Fynn noch eine neue Idee vorspielen. Und seine Meinung dazu hören.

          Cluesos Album „Handgepäck I“ erscheint am 24. August. Im November geht er auf Tour.

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