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Einwohner verlassen die Stadt : Warum Venedig den „Venexodus“ fürchtet

Touristen besuchen den Markusplatz in Venedig. Bild: dpa

Erstmals leben in Venedigs Altstadt weniger als 50.000 Menschen. Viele ziehen weg, weil die Preise für Miete und Lebensmittel steigen. „Wenn es so weitergeht, werden wir zu einer Geisterstadt wie Pompeji“, fürchtet ein Einwohner.

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          In Venedigs Altstadt sind seit einigen Wochen an Brücken und Fassaden sonderbare Transparente und Aufkleber zu sehen. Darauf steht nichts als eine Zahl: 49.999. Es ist ein stummer und zugleich sprechender Protest gegen die demographische Entwicklung der Lagunenstadt. Wie die Stadtverwaltung jetzt mitteilte, ist die Einwohnerzahl der Altstadt zum ersten Mal seit Menschen­gedenken unter die Marke von 50.000 gesunken: Am vergangenen Mittwoch lebten nach Erhebungen des Rathauses genau 49.997 Menschen im historischen Zentrum. Vor 20 Jahren waren in der Altstadt 64.000 Einwohner gezählt worden, 2012 waren es nur noch 58.200.

          Matthias Rüb
          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Die Entvölkerung Venedigs scheint nicht aufzuhalten. Innerhalb einer Generation ist die Zahl der Einwohner fast um ein Drittel zurückgegangen. Dafür hat sich die Zahl der Touristen in den vergangenen 25 Jahren fast vervierfacht. Knapp die Hälfte derer, die heute noch in Venedig leben, ist mehr als 60 Jahre alt. Nur noch etwa 9000 Personen sind jünger als 18. Es sterben rund dreimal so viele Menschen, wie Kinder geboren werden.

          „Wenn es so weitergeht, werden wir zu einer Geisterstadt wie Pompeji“, sagt Matteo Secchi von der Organisation Venessia.com. Secchi und seine Mitstreiter warnen vor einem fortgesetzten „Venexodus“. Vor allem die Jugend habe es satt, horrende Preise für Lebensmittel zu bezahlen, die wieder anschwellenden Touristenströme zu erdulden, ohne Auto auskommen und Unsummen für eine kleine Wohnung aufwenden zu müssen.

          Venedigs rechtsliberaler Bürgermeister Luigi Brugnaro bestreitet, dass Venedig eine Zukunft als Museumsstadt bevorstehe. Zähle man die Einwohner der Inseln hinzu, lebten in der Lagunenstadt etwa 77.000 Menschen. Hinzu kämen 25.000 Studenten und 35.000 Pendler. Es gehe darum, die Eigenkräfte Venedigs zu stärken. Mit Bürokratieabbau und Steuersenkungen sowie finanziellen Anreizen sollten Einwohner nach Venedig zurück­gelockt werden. Familien müssten besser gefördert werden, Studenten an der örtlichen Hochschule nach ihrem Abschluss zum Verbleib bewogen werden.

          Unterdessen wurden am Samstag vor Ferragosto, dem inoffiziellen Höhepunkt der Reisesaison im Sommer, mehr als 93.000 Touristen in Venedig gezählt, unter ihnen rund 75.000 ausländische Gäste. Damit ist Venedig mit dem gleichen Niveau des Massentourismus wie vor Corona konfrontiert. Von 2023 an sollen Touristen, die von außerhalb der Region Venetien kommen, aber nicht in Venedig übernachten wollen, vorab online eine Art Eintrittsticket für zwischen drei und zehn Euro für die Altstadt buchen. Ein tägliches Touristenlimit soll aber nicht festgelegt werden.

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