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Warum uns Notre-Dame berührt : „Da werden Untergangsvorstellungen aktiviert“

Die brennende Kathedrale Notre-Dame in Paris Bild: Picture-Alliance

Warum trifft es uns so, wenn ein historisches Gebäude brennt? Eine Kulturwissenschaftlerin erklärt, warum Notre-Dame so ikonisch aufgeladen ist – und woher die Verschwörungstheorien um den Brand rühren.

          Frau Horstkotte, als Notre-Dame am Montagabend brannte, standen die Pariser scharenweise auf den Straßen, schauten fassungslos zu. Warum hat das die Menschen so berührt?

          Johanna Dürrholz

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Die Zerstörung solch ikonischer Bauwerke, die stark mit Bedeutung aufgeladen sind, ist zunächst einmal visuell sehr eindrucksvoll. Da spielt auch Schaulust eine Rolle, das kennt man von anderen Unfällen. Diese besonders eindrucksvollen Bilder wecken aber besonders starke Emotionen. Die identitätsstiftende Wirkung der Kathedrale Notre-Dame für die Pariser, die französische Nation und für Europa ist dabei auch wichtig.

          Inwiefern stiftet so eine Kirche denn eine kollektive Identität?

          Kirchen im Allgemeinen bilden schon rein optisch oft den Mittelpunkt einer Stadt und sind wichtig für die Identität des Ortes. Wenn die Kirche dann noch besonders alt und bekannt ist, verstärkt sich das. Bei Notre-Dame spielt aber auch noch die nationale Dimension eine Rolle: Die großen französischen Kathedralen gehören dem Staat Frankreich, so auch Notre-Dame. Die Kathedrale gehört also zum nationalen Erbe.

          Und Notre-Dame ist besonders bekannt.

          Genau, und wird auch besonders häufig abgebildet. Das hat man ja in den sozialen Medien gesehen, dass alle Leute plötzlich ihre alten Bilder posteten, jeder hat seine eigenen Notre-Dame-Bilder parat. Die Kirche ist zusätzlich durch viele Filme bekannt, aber auch durch Gemälde und Literatur, in Deutschland etwa durch Gedichte von Rilke und Benn. Hinzu kommt der Kulturschatz dieser Kirche. Ob jetzt die Orgel besonders betrauert wird, oder ob man sich große Sorgen um die Glasfenster macht – es beschäftigt uns. Außerdem stiftet die Kirche einen Zugang zur Vergangenheit, sie ist ein Gedächtnisort.

          Ein Gedächtnisort?

          Das sind Orte, die eine kollektive Erinnerung besonders stark verkörpern und die für kollektive Mythenstiftung eine Rolle spielen, in diesem Fall: die französische nationale Identität. Das gab es in diesem Fall im positiven und im negativen Sinn.

          Was war denn der negative Fall?

          Es wurden sehr schnell Verschwörungstheorien oder -mythen artikuliert, etwa in den sozialen Medien. Die Vorstellung von „Eurabia“ und dass sich da jetzt irgendwelche Islamisten drüber freuen würden.

          Der Untergang „unseres Europas“.

          Das ist insgesamt in der Neuen Rechten ein stark vertretenes Narrativ, in Frankreich sehen wir das besonders stark. Es gibt die Angst vor dem sogenannten Bevölkerungsaustausch nach Renaud Camus, das ist in Frankreich eine sehr gängige Vorstellung. Das kennen wir zum Beispiel aus Michel Houllebecqs „Unterwerfung“. Im Roman steht die Schwarze Madonna für ein reinrassiges, weißes, homogenes, katholisches Frankreich, das betrauert wird.

          Weil es dieses Frankreich so nicht mehr gibt?

          Genau, das sind Verlustängste, das ist kulturelle Unsicherheit. Die Unsicherheit bezüglich der eigenen Identität spielt ebenfalls eine Rolle.

          Ein Journalist sammelte arabische Reaktionen auf den Brand, einige schrieben „Allahu Akbar“, das ordneten wiederum manche User als Freudenausdrücke ein.

          Die Fehleinschätzung der arabischsprachigen Tweets, die Trauer oder Unbehagen ausdrücken sollten, war sehr tendenziös, nach dem Motto: Die freuen sich, wenn unsere Kirche abbrennt. Das sehe ich sehr kritisch.

          In Katastrophenfilmen kippt ja oft als Erstes die Freiheitsstatue um, oder der Petersdom bricht zusammen. Warum symbolisieren diese Gebäude für uns den Weltuntergang?

          Gerade sehr alte Gebäude symbolisieren eine gewisse Permanenz. Wenn sie untergehen, werden wir mit unserer eigenen Vergänglichkeit konfrontiert und mit der unserer Kultur. Alles kann sich ändern. Das ist im Moment besonders präsent, es gibt eine Konjunktur von Apokalypse-Filmen, schon seit etwa zwanzig Jahren. Wir leben in einer Zeit, die eine sehr starke Vergangenheitsorientierung hat und eine schwache Zukunftsorientierung. Fortschrittsnarrative haben mit dem Ende des Kalten Kriegs ihr Potential verloren. Auch angesichts des Klimawandels gibt es diese Vorstellung: Wir leben in einer Endzeit! Da hat so eine Zerstörung von etwas, das es vielleicht nie wieder geben wird, eine hochemotionale Wirkung. Wenn dann in der Realität so etwas passiert, werden diese Untergangsvorstellungen aktiviert. Und das ist in Frankreich besonders schlagkräftig: Da gilt der Katholizismus als besonders umstrittener und gefährdeter Identitätsanker. Da gibt es den schönen Ausdruck des Zombiekatholizismus.

          Zombiekatholizismus?

          So nennt der französische Autor Emmanuel Todd es, weil er meint, dass Katholizismus in Frankreich eigentlich keine tiefere religiöse Funktion mehr hat, sondern nur noch der Versicherung von Identität und der sozialen Abgrenzung von Einwanderern dient.

          Dr. Silke Horstkotte lehrt als Literatur- und Kulturwissenschaftlerin an der Universität Leipzig.

          Man kann mit einer Kirche aber auch anderes als Religiöses verbinden. Mit dem Kölner Dom verbinde ich auch Heimatgefühle.

          Ja, Identifikation mit einem Gebäude spielt sicher eine Rolle, gerade wenn man täglich damit umgeht. Eine andere Dimension ist der europäische Aspekt – dass wir also alle gemeinsam trauern. Das finde ich sehr sympathisch. Gerade weil das deutsche und das französische Nationalgedächtnis lange sehr stark gegeneinander positioniert worden sind. Und jetzt kamen aus ganz Europa gleich sehr starke Identifikationsbekundungen.

          Die Kathedrale ist ein Erinnerungsort, wie Sie sagten. Bewahren Gebäude besser Erinnerung, weil sie dauerhafter sind?

          Erinnerungen sind menschlich. Aber es ist eine wichtige Einsicht der Gedächtnistheorie, dass jede Erinnerung mit anderen geteilt und kommuniziert wird. Erinnerung ist also nicht nur individuell. Es gehen Deutungen ein, weil ich meiner Familie davon erzählt habe, oder sie mit meiner Glaubensgemeinschaft besprochen habe. Wir aktualisieren Vergangenheit, indem wir Erinnerungstage begehen oder Kränze niederlegen. Notre-Dame ist ein Ort, an dem all diese Dinge zusammenwirken. Das sehr alte Gebäude, das wurde immer wieder betont. Also die Echtheit dieses Dachstuhls, dass da ein gotischer Wald verbrannt ist. Da kann man ganz unmittelbar eine sehr alte Zeit berühren und einen Kurzschluss aus Gegenwart und Vergangenheit erreichen. Auch die Fenster kann man so sehen: Seit dem Mittelalter ist Licht durch diese Glasfenster gefallen, das macht sie zu einem Medium in die Vergangenheit.

          Hieße das, dass ein wiederaufgebauter Notre-Dame nicht dasselbe für uns ist?

          Wahrscheinlich. Diese Diskussion kennen wir ja von der Dresdner Frauenkirche, von der viele sagen, sie sehe künstlich aus.

          Aber das ist doch auch ein Symbol dafür, dass man Dinge wiederaufbauen kann?

          Ja, das stimmt. Es spielt vielleicht auch eine Rolle, zu welchem Grad es wiederaufgebaut werden muss. Ich war heute Morgen sehr erleichtert, dass die Mauern im Wesentlichen noch stehen, und große Teile der Fenster gerettet worden sind. Aus katholischer Perspektive betrachtet sind die Reliquien unersetzbar, die wurden glücklicherweise gerettet.

          Eine Kritik an der öffentlichen Betroffenheit lautet, dass es zynisch sei, sich über den Brand eines Gebäudes aufzuregen, während woanders Menschen sterben.

          Ich finde das in diesem Fall etwas seltsam. Das sind Sachen, die nichts miteinander zu tun haben. Ich kann über Notre-Dame traurig sein und mich auch darüber aufregen, dass Flüchtlinge im Mittelmeer nicht gerettet werden – das schließt sich gegenseitig überhaupt nicht aus. Einen engeren Zusammenhang gab es bei der Sprengung der Ruinen in Palmyra durch den IS. Da war es tatsächlich so, dass die Zerstörung dieser Kunstwerke in den westlichen Medien wesentlich stärker präsent war als die Greueltaten, die der IS gleichzeitig an Menschen verübt hat. Was natürlich auch an der Informationsregulierung des IS liegt. Manche Bilder waren auch so schockierend, dass man sie nicht zeigen konnte oder wollte, da ging das mit den zerstörten Gebäuden besser. Das muss man zwar auch nicht unbedingt gegeneinander aufwiegen, aber da war die Gebäudezerstörung präsenter als der Verlust von Menschenleben. In Fall von Notre-Dame halte ich das aber für ein Scheinargument. Das drückt vielleicht auch ein Unbehagen aus gegenüber Menschen, die da große Emotionen zeigen. Und ich kann mir vorstellen, dass da ein antireligiöses Ressentiment eine Rolle spielt.

          Inwiefern das?

          Es wurden ja sehr stark betende und singende Menschen gezeigt. Und ich habe einige Kommentare gelesen, die sich darüber lustig gemacht haben, dass es sich um eine Kirche handelte. Katrin Göring-Eckardt etwa twitterte, dass Notre-Dame ausgerechnet zu Beginn der Karwoche brenne. Das fand ich selbst auch sehr berührend. Darüber haben sich dann viele wahnsinnig aufgeregt, weil sie offenbar die emotionale Bedeutung der Karwoche einfach nicht verstanden haben und darin irgendwas Fundamentalistisches erkennen wollten.

          Dr. Silke Horstkotte lehrt als Literatur- und Kulturwissenschaftlerin an der Universität Leipzig.

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