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Klimaschutz : Die Vernässung der Welt

Auch Moore lassen sich landwirtschaftlich nutzen: Im Schwäbischen Donausmoos wächst Schilf zur Fassadendämmung. Bild: Jan Roeder

Moore sind besser als ihr Ruf: Sie speichern CO2 und geben vielen Arten einen Lebensraum. Aber sie sind auch tickende Zeitbomben. Unterwegs mit den Moorschützern.

          8 Min.

          Ein Teil der Lösung für unser Klimaproblem liegt in einem sumpfigen Tümpel auf der Gemarkung Leipheim an der Landesgrenze zwischen Bayern und Baden-Württemberg, aus dem Rohrkolben sprießen. Der Tümpel wäre sicher beleidigt, wenn er das hören könnte, denn er ist eigentlich ein Moor. Ein Ort, an dem totes Holz und Blattwerk unter Wasser nicht vollends verrotten können und darum zu blubberndem, waberndem, schlammigem Torf werden. Sexy ist anders.

          Theresa Weiß

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Aber: Ohne das Moor wäre das Klima nicht zu retten. Das schafft zwar nicht allein das Donaumoos zwischen Augsburg und Ulm. Es misst gerade mal 4000 Hektar, und nass sind nur noch fünf Prozent der Fläche. Aber: Wenn alle Moore in Deutschland so aussähen wie der Rohrkolbentümpel in Leipheim, könnte das die Erderwärmung drastisch verlangsamen. Deutschland hätte sein nationales Klimaziel bis 2020 zu drei Vierteln erreichen können, wenn es sich der Moore angenommen hätte.

          Wie Moore dem Klima helfen

          Das geht so: Die ausgetrockneten Moorflächen in Deutschland – insgesamt etwa sieben Prozent des landwirtschaftlich genutzten Bodens – werden wiedervernässt. Damit hört der Acker auf, fortwährend Kohlendioxid in den Himmel zu rülpsen. Denn das tut er, wenn er trocken ist, und hat damit einen großen Anteil an den Emissionen, obwohl er nur eine kleine Fläche einnimmt.

          In Deutschland gelten mehr als 90 Prozent der Moorflächen als entwässert – sie wurden trockengelegt, um Torf, zum Beispiel für Blumenerde, zu stechen und Land- und Forstwirtschaft zu ermöglichen. Zurzeit gehen laut Zahlen des Umweltbundesamts zwischen fünf und sechs Prozent des bundesdeutschen CO2-Ausstoßes auf das Konto der Moore. Wären sie feucht, würde die Emission pauschal um etwa 40 Millionen Tonnen im Jahr gesenkt. Das sind 37 Prozent der Emissionen, die durch Landwirtschaft derzeit insgesamt entstehen. Und es wären eben 75 Prozent dessen gewesen, was Deutschland bis zu diesem Jahr an CO2 einsparen wollte. Ganz unabhängig von Kohlekraftwerken und Elektroautos.

          Diese Zahl ist so beeindruckend wie unglaublich. Anruf beim Greifswald Moor Centrum, dem wichtigsten Forschungszentrum für Moore in Deutschland. Hans Joosten ist Professor für Moorkunde und leitet das Institut. Er sagt: Das Ziel, bis 2050 auf null Emissionen zu kommen, erreichen die Moore nicht. Sie haben ja nur einen Gesamtanteil von einigen Prozent an den Emissionen. „Wir werden mit Wiedervernässung die Welt nicht retten. Die sogenannten nature-based solutions reichen nicht.“ Aber: Ohne sie geht es auch nicht. „Wir können unsere Ziele nicht ohne die Moore erreichen, aber die Emissionen müssen überall auf null: bei Industrie, Verkehr, Gebäudewirtschaft und eben in der Landwirtschaft“, sagt Joosten. Neben der Energie- und Verkehrswende müssten alle Moore weltweit wiedervernässt werden, um die Pariser Klimaziele zu erreichen, sagt der Forscher. Aber ganz so einfach ist das nicht umzusetzen.

          Trockenlegung für die Landwirtschaft

          Das Donaumoos in Leipheim zeigt ganz gut, warum. Eigentlich ist das Gebiet 4000 Hektar groß. Dort ist tonnenweise Kohlendioxid gespeichert, so wie in jedem Moor. Moore binden auf drei Prozent der Landfläche der Erde doppelt so viel CO2 wie die Wälder: 500 Gigatonnen, nach konservativen Schätzungen.

          Vor Hunderten von Jahren wurde das Donaumoos trockengelegt. Die Menschen zogen Entwässerungsgräben, legten Drainagen ins Erdreich, pumpten das anströmende Wasser aus der Schwäbischen Alb fort, um den Boden nutzbar zu machen, um ihm Möhren, Kartoffeln oder Getreide abzutrotzen. Nur etwa 200 Hektar der kleinparzellierten Fläche sind heute noch feucht, also das, was man sich unter einem klassischen Moor vorstellt. Der Rest sind Äcker oder Wiesen, und weil sie nun mal eigentlich Moore sind, emittieren sie still vor sich hin. Im Schnitt 37 Tonnen CO2-Äquivalent im Jahr pro Hektar.

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