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Klimaschutz : Die Vernässung der Welt

Auf dem Feld von Jochen Krauß ist das gut zu sehen. Es liegt gut anderthalb Meter tiefer als der Feldweg daneben; in den sechziger Jahren befanden sich beide fast noch auf einem Level, Krauß kann sich noch daran erinnern. Jedes Jahr sind etwa zwei Zentimeter des schwarzen Bodens verschwunden, der seine Farbe von dem vielen Kohlenstoff hat, den er bindet. Er ist als Gas in die Luft entwichen und erwärmt nun in der Atmosphäre den Erdball.

Die Eltern von Krauß kamen als Spätaussiedler aus Siebenbürgen nach Deutschland, sie bekamen Land, schlechtes Land, umschwirrt von Abertausenden Mücken und Bremsen, und machten es urbar. Inzwischen betreibt Krauß die Landwirtschaft nur noch nebenberuflich, ebenso wie seine Alpakazucht. 30 Hektar hat er noch, darauf stehen Mais, Weizen und Weidegras. Auf anderthalb Hektar baut er seit wenigen Monaten aber Rohrglanzgras an. Er hat dafür die Entwässerungsgräben neben seinem tiefliegenden Feld zuschütten lassen. Die Pflanze mag es feucht. In der Mitte des Felds steht eine blaue Säule, ein Wasserstandsmesser. Auf dem kleinen Feld hat Krauß nämlich gemeinsame Sache mit Ulrich Mäck gemacht.

Eine Modellregion für den Klimaschutz

Ulrich Mäck ist promovierter Biologe, Hobby-Ornithologe und vor allem Vorsitzender der Arge Donaumoos. Dieser Verein besteht aus Landwirten, Umweltschützern und Kommunalpolitikern und gehört zum Deutschen Verband für Landschaftspflege. Für dessen Moorschutzprojekt „Mokli“ (Moor- und Klimaschutz) ist das Donaumoos seit ein paar Jahren eine Modellregion. Doch schon seit 30 Jahren engagieren Mäck und die Arge sich für das Moor. Früher vor allem, weil viele Arten ihren Lebensraum durch die Trockenlegung der Moore verloren. Heute, weil die Moore eine klimatechnische Zeitbombe sind.

Ein Moor, das wieder feucht ist: Das Schwäbische Donaumoos

Auf dem Feld von Krauß wird der Boden wieder vernässt. Das Wasser kann nicht mehr durch die zugeschütteten Gräben abfließen, es staut sich wieder. Der Boden emittiert dadurch kaum noch. „Das ist, als ob man ein Stück Fleisch aus der Gefriertruhe geholt hat und es zum Teil verwest ist. Und jetzt legt man es wieder rein“, sagt Mäck. Er meint: Das CO2, das emittiert ist, ist weg. Aber man kann den Prozess ziemlich schnell stoppen, sobald der Boden wieder feucht ist und der Kohlenstoff somit gebunden bleibt.

Krauß hat sein Land gern für den Feldversuch gegeben, sagt er. 600 Euro bekomme er dafür von den Moorschützern je Hektar. Dafür hätte er aber eigentlich seine Flächenprämie verloren. Die 300 Euro, die von der EU als Subvention je landwirtschaftlich genutztem Hektar an Bauern gehen, werden für Rohrglanzgras normalerweise nicht gezahlt; es gilt nicht als förderwürdige Feldfrucht. Krauß kriegt sie trotzdem, da die bayrischen Landwirtschaftsämter die Kulturen als Grünland einordnen, doch das ist eine Ausnahme. Zwar könnten die Bauern das Gras ebenso wie Rohrkolben als Dämmmaterial oder an Biogasanlagen verkaufen. In Mecklenburg-Vorpommern, in der Stadt Malchin, gibt es etwa schon ein Heizkraftwerk für Niedermoor-Biomasse. Doch der Markt ist noch überschaubar, die Preise außerdem niedrig, solange tonnenweise Mais in die Verbrennungsanlagen geworfen wird.

Moore schützen kostet – das Gegenteil aber auch

Die Paludikultur, der Anbau auf nassen Böden, sei noch am Anfang, sagt Joosten vom Moor Centrum. Das sperrige Wort dafür hat er selbst erfunden. Da unsere Kulturtechniken im Ackerbau aus fruchtbaren Halbwüsten im Gebiet des heutigen Iraks kommen, wissen wir noch nicht viel darüber, wie wir auf feuchten Böden wirtschaften sollen. Das bedeutet, dass die Produktivität noch gering ist. Und neue Technologien fehlen: Die Bauern können mit ihren schweren Maschinen nicht auf dem feuchten Boden fahren, sie müssen in ultraleichte Fahrzeuge investieren.

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