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Hand aufs Herz : Warum manche Muslime den Handschlag verweigern

Eine ausgestreckte Hand nicht in der Luft hängen lassen

Das Verweigern des Handschlags bedeutet aber unweigerlich eine Kränkung. Das weiß auch Bekir Alboga, der sagt, Muslime in Deutschland sollten eine ausgestreckte Hand nicht in der Luft hängen lassen. Der Theologe lehrt an der Universität Münster und ist Generalsekretär der Ditib, der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion. Weil die Ditib zum Handschlag nicht offiziell Stellung nimmt, will er seine Antwort als private Meinung verstanden wissen. „Wenn Zeit bleibt, sich zu erklären und die Hand aufs Herz zu legen, bevor das Gegenüber die Hand ausstreckt, dann spricht dagegen nichts. In einer offenen demokratischen Gesellschaft sollte es auch für von der Norm abweichende Verhaltensweisen Respekt geben.“

Dafür plädieren auch Repräsentanten arabischer Muslime in Deutschland, etwa Mohammed Khallouk, der stellvertretende Vorsitzende des Deutsch-Islamischen Vereinsverbandes Rhein-Main, eines Dachverbandes mit ausschließlich arabischsprachigen Moscheegemeinden.

Bleibt die Frage: Was sagt der Islam denn tatsächlich zum Händeschütteln? „Es ist besser, dass einer mit einem Eisenstachel in den Kopf gestochen wird, als dass er eine Frau berührt, die er nicht berühren darf“, soll der Prophet gesagt haben. Hat er aber nicht, sagt Hakki Arslan von der Universität Osnabrück. Die vermeintliche Überlieferung aus dem Leben Mohammeds, Hadith genannt, gelte als nicht authentisch. Auch übertrügen nur die allerwenigsten Muslime die Vorschrift, sich nach dem Geschlechtsverkehr rituell für das Gebet zu reinigen, auf den Handschlag.

Einige Muslime, die Angehörigen des anderen Geschlechts zur Begrüßung nicht die Hand geben, beziehen sich auf die Koran-Sure 17, die davor warnt, sich der Gefahr des Ehebruchs aussetzen: körperliche Berührungen öffneten dieser Gefahr Tür und Tor. Doch auch diese Auffassung wird nur von einer Minderheit vertreten.

Vorstellungen von Sittlichkeit aus der Zeit des Propheten

Die wohl häufigste Begründung für das Verweigern des Handschlags ist die, dass der Prophet Frauen nie die Hand gegeben haben soll. Aber beileibe nicht alle Muslime leiten daraus einen Handschlagverbot ab, viele sehen darin nur eine Empfehlung, wieder andere sagen, die Religion sei dem Handschlag gegenüber zur Gänze indifferent. Warum dann die Aufregung? „Nur weil diese Praxis keine konkrete religiöse Basis hat, ist sie nicht bedeutungslos“, sagt Hakki Arslan.

Er und viele andere sehen das in der muslimischen Gemeinschaft verbreitete Begrüßungsritual – Hand aufs Herz, lächeln oder nicken – mehr kulturell als religiös begründet an. Viele Muslime haben von ihren Eltern gelernt: Männer und Frauen, die weder verwandt noch verheiratet sind, sollten sich nicht berühren. Gerade die Älteren stellen das nicht in Frage und stellen auch keine Überlegungen darüber an, ob die Vorstellungen von Sittlichkeit und Höflichkeit aus der Zeit des Propheten heute noch genau so gültig sind.

Finden alle in Deutschland lebenden Muslime das selbstverständlich und das Beharren auf dem Handschlag merkwürdig? Es gibt auch andere Stimmen. So sagt etwa Nushin Atmaca, die Vorsitzende Liberal-Islamischen Bunds: „Wir finden, dass man den Handschlag und selbst Umarmungen im Freundeskreis nicht sexualisieren sollte. Sie sind nicht sexuell konnotiert und gehören einfach zum gesellschaftlichen Miteinander in Deutschland, dem wir eine große Bedeutung beimessen.“

Würden alle Muslime so denken wie sie, gäbe es wohl deutlich weniger Erregungspotential. Aber in einem pluralistischen Land mit 81 Millionen Einwohnern, von denen etwa viereinhalb Millionen Muslime sind, dächten nun einmal nicht alle gleich, sagt Nushin Atmaca, und damit sollte die Gesellschaft einen entspannten Umgang finden.

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