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Hitler-Attentäter : Der weite Weg zum Denkmal in „Attentatshausen“

Große Hände: Die Elser-Statue von Friedrich Frankowitsch steht seit 2010 am Königsbronner Bahnhof Bild: Rüdiger Soldt

Georg Elser war ein Einzeltäter, doch die Nationalsozialisten tyrannisierten seine schwäbische Heimat auf der Suche nach Hintermännern. Warum Königsbronn so lange brauchte, bis der Hitler-Attentäter geehrt wurde.

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          Das Jahr 1989 war auch für Königsbronn ein Epochenjahr. In dem kleinen Ort auf der Ostalb fiel keine Mauer, aber ein Tabu. Ein halbes Jahrhundert nach dem Anschlag im Münchner Bürgerbräukeller auf Adolf Hitler am 8. November 1939 begann man in Königsbronn, sich mit dem berühmtesten Sohn auseinanderzusetzen: Johann Georg Elser. Der Anstoß kam von außen, von Klaus Maria Brandauer mit seinem Film „Einer aus Deutschland“.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Manfred Maier, Vorsitzender des Georg-Elser-Arbeitskreises, heute 76 Jahre alt, seit 25 Jahren als „Barfußhistoriker“ auf den Spuren des Attentäters unterwegs, kann sich an den Spätherbst 1989 noch gut erinnern: „Am Tag, als die Mauer fiel, zeigte Brandauer uns in Heidenheim seinen neuen Film. Dann begann sich endlich etwas zu bewegen.“ Einzelne Bürger und Historiker hatten sich schon seit Jahren dafür eingesetzt, Elser in Königsbronn, wo er nicht geboren wurde, aber die meiste Zeit seines Lebens verbrachte, angemessen zu würdigen.

          Seit 1970 war durch die Auswertung der Verhörprotokolle nachgewiesen, dass Elser ein verantwortungsvoll handelnder Einzeltäter war und die über ihn verbreiteten Verschwörungstheorien falsch waren. Elsers Bombe im Bürgerbräukeller, wo die Nazi-Führung den Hitlerputsch pathetisch feierte, zündete 13 Minuten zu spät, um Deutschland von Adolf Hitler und seinen Paladinen zu befreien.

          Als „Attentatshausen“ verunglimpft

          Viele Versuche, Elser mit einem Museum oder einer Ausstellung zu würdigen, waren in Königsbronn erfolglos geblieben. Der bis 1990 amtierende Bürgermeister hatte immer wieder die Devise ausgegeben: „Mir saget fei nix.“ 1969 beschloss der Gemeinderat, ein Elser-Archiv einzurichten, aber es blieb bei der Willensbekundung. Irgendwann, so erinnert sich Maier, habe der Bürgermeister sogar mal gesagt, wenn man Georg Elser ehre, könne man die Baader-Meinhof-Bande doch auch zu Helden machen. Königsbronn liegt im württembergischen Brenztal, die Carl-Zeiss-Werke sind nicht weit.

          Georg Elser in den Dreißigern

          An der langgestreckten Durchgangsstraße dominiert die Produktionshalle einer Gießerei, in Georg Elsers ehemaligem Wohnhaus ist heute eine Bäckerei. Südwestlich der Hauptstraße liegen die alten Gebäude des Zisterzienserklosters, das Rathaus, der Brenzursprung und eine sanierte Hammerschmiede mit Wasserkraftwerk. Eine alte Feilenschleiferei wurde vorbildlich zum Industriemuseum ausgebaut. Historisch von Bedeutung ist Königsbronn, von den Nazis als „Attentatshausen“ verunglimpft, auch, weil der Ort mit den derzeit insolventen Schwäbischen Hüttenwerken immer noch Sitz des wohl ältesten deutschen Industriebetriebs ist. Weil man hier schon im 16. Jahrhundert mit der Eisenverhüttung begann, ist Königsbronn eine Keimzelle der Industrialisierung.

          „Die haben alle Königsbronner durch die Mangel genommen“

          Der Attentäter Elser wäre ohne seine Lehre zum Eisendreher bei den Schwäbischen Hüttenwerken vielleicht handwerklich nicht befähigt gewesen, die Bombe für den Bürgerbräukeller zu bauen. Eisen und der Widerstand gegen den Nationalsozialismus gehören in Königsbronn also zusammen, weshalb man die 2010 von dem Bildhauer Friedrich Frankowitsch entworfene Elser-Statue am Bahnhof auch aus stark rostanfälligem Eisen produzieren ließ – nur die großen Hände, die auf die Tatkraft des Schreiners hinweisen, und die Dynamitstangen in seiner Aktentasche glänzen in Edelstahl. Elser war 1,64 Meter groß. Die Statue misst 2,10 Meter. Nach langem Zögern machten die Königsbronner ihren „einsamen Attentäter“ (Peter Steinbach), der zwar Mitglied im Rotfrontkämpferbund war, aber vor allem weiteres Unheil von Deutschland abwenden wollte, sogar größer, als er war.

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