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Hitler-Attentäter : Der weite Weg zum Denkmal in „Attentatshausen“

Steinbruch am Ortsausgang von Königsbronn, an dem sich der Hitler-Attentäter Georg Elser 1939 den Sprengstoff für den Anschlag besorgte
Steinbruch am Ortsausgang von Königsbronn, an dem sich der Hitler-Attentäter Georg Elser 1939 den Sprengstoff für den Anschlag besorgte : Bild: Rüdiger Soldt

Die Nationalsozialisten wollten bei ihren Ermittlungen nach Elsers Verhaftung nicht an einen autonom handelnden Einzeltäter glauben. Sie suchten Hintermänner und tyrannisierten das Dorf mit Verdächtigungen und Verhören. 1750 Einwohner lebten damals in Königsbronn, jeder kannte jeden. Joachim Ziller, Leiter der Elser-Gedenkstätte und Hauptamtsleiter im Rathaus, spricht von einem Trauma: „Die haben alle Königsbronner durch die Mangel genommen. Ein Mann, der mit ihm bekannt war, wurde an die Ostfront geschickt und kam dort um. Einen anderen schrieb man einfach wehrfähig. Deshalb haben die nach 1945 psychologisch dichtgemacht.“

Selten waren Amateurgeschichtsforscher erfolgreicher

Auch die Familie Elser habe nach der Internierung Elsers in Dachau kein schönes Leben mehr gehabt. Die Angehörigen seien in den Geschäften nicht bedient, manchmal sogar angespuckt worden. Am Ortsausgang Richtung Heidenheim sieht man noch heute die Vollmerschen Steinbrüche, der braune Muschelkalk setzt sich pittoresk vom gelben Herbstlaub ab. Geologen nehmen im Steinbruch gerade Proben, um die Zusammensetzung des dort gelagerten Mülls analysieren zu können. Vor 75 Jahren arbeitete Elser kurze Zeit hier. „Der Steinbruch und die Arbeiten in dem Steinbruch waren mir durch meinen Aufenthalt in Königsbronn bekannt“, heißt es im Verhörprotokoll der Gestapo. „Es war mir auch bekannt, dass dort Sprengarbeiten vorgenommen werden.

Gedenkstein in Konstanz. Elser wurde auf seiner Flucht in die Schweiz gefasst
Gedenkstein in Konstanz. Elser wurde auf seiner Flucht in die Schweiz gefasst : Bild: dpa

Der Hauptgrund, warum ich mich dort um Arbeit bewarb, war der, dass ich mir dort Pulver für den geplanten Anschlag beschaffen konnte.“ Aus einer Armaturenfabrik hatte Elser zuvor schon 250 Presspulverstücke entwendet, im Steinbruch stahl er 105 Sprengpatronen und 125 Sprengkapseln aus einem schlecht gesicherten Betonhäuschen. Georg Vollmer, den Besitzer des Steinbruchs, und dessen Sohn Ernst internierten die Nazis für 15 Monate in einem Schutzhaftlager und dem KZ Welzheim. Sie hielten die Vollmers für Elsers Komplizen. Die Familie erholte sich davon nicht. Als Vollmers jüngster Sohn am 23. Mai dieses Jahres in der Königsbronner Schulaula einem Vortrag eines Historikers über das misslungene Attentat zuhörte, ereiferte er sich so sehr, dass er noch während der Veranstaltung an einem Herzinfarkt starb.

„Ich habe den Königsbronnern 1989 gesagt, nur bürgerschaftliches und kommunalpolitisches Engagement kann dazu beitragen, dass bei ihnen an Elser in würdiger Form erinnert wird“, sagt der Historiker Peter Steinbach. 1998 wurde in Königsbronn die Gedenkstätte eröffnet, die Ausstellung stammt aus der Gedenkstätte Deutscher Widerstand und wurde mit finanzieller Unterstützung der Stiftung der Deutschen Bank auf die Ostalb transferiert. Im Stuttgarter Haus der Geschichte steht heute Elsers Werkbank, an der er die Bombe vorbereitete. Selten waren Amateurgeschichtsforscher erfolgreicher.

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