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Klima-Aktivistin Reemtsma : „Ich will in einer Art außerparlamentarischen Opposition sein“

Carla Reemtsma (r) im Mai bei Maybritt Illner Bild: ZDF/Claudius Pflug

Carla Reemtsma hat die „Fridays for Future“ in Deutschland mitbegründet und sitzt für die Bewegung in Talkshows. Warum sich die 21 Jahre alte Studentin trotzdem nicht vorstellen kann, in die Politik zu gehen – ein Protokoll.

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          Wichtig für meine Politisierung war meine erste Demo im Jahr 2011, eine Anti-Atomkraft-Demo nach der Katastrophe von Fukushima. Da war ich 13 Jahre alt. Es gibt nicht den einen Moment, in dem ich mich politisiert habe, aber diese Demo zu Beginn des Jahrzehnts war ein Punkt, an dem ich gemerkt habe: Man hat nicht nur bei Wahlen eine Stimme, sondern auch auf der Straße.

          Leonie Feuerbach

          Redakteurin im Frankfurter Allgemeine Magazin.

          In meinem Elternhaus wurde immer viel über Politik gesprochen. Am Küchentisch ging es um Freiheit und Selbstbestimmung, was das eigene Handeln für andere bedeutet, um soziale Gerechtigkeit. Meine Mutter würde sich selbst vielleicht nicht als Feministin bezeichnen, aber es war ihr immer wichtig, dass ich selbst alles kann, auch handwerklich: meine Deckenlampe anbringen, dafür ein Loch in die Wand bohren, die Drähte verbinden, ohne mir einen Freund zur Hilfe zu holen. Das ist etwas, was mich geprägt hat, daran denke ich oft zurück. An Weihnachten, wenn meine Oma da war, ging es auch um Umweltschutz. Sie war immer umweltpolitisch aktiv, in der Anti-AKW-Bewegung und in lokalen Initiativen, etwa gegen Flächenversiegelung.

          Als Schülerin war ich Klassensprecherin und später auch Schulsprecherin. Die Idee, etwas ins Rollen zu bringen, indem man sich mit anderen zusammenschließt, hat mir schon immer gefallen. Dass es dabei ums Klima geht, das kam erst zu Beginn meines Studiums. Da bin ich von Berlin nach Münster gezogen und musste auf einmal viele Konsumentscheidungen selbst fällen, die vorher meine Eltern für mich getroffen hatten: Was esse ich? Wie reise ich? Wo bekomme ich meine Kleidung her?

          Carla Reemtsma ist 21 Jahre alt, wurde in Berlin geboren und studiert in Münster Politik und Wirtschaft.
          Carla Reemtsma ist 21 Jahre alt, wurde in Berlin geboren und studiert in Münster Politik und Wirtschaft. : Bild: Karsten Thielker

          Das Engagement muss über die eigenen vier Wände hinaus gehen

          Ich habe dann aufgehört, Fleisch zu essen, bin weniger geflogen, habe viel Secondhand eingekauft. Manche meiner Freunde wurden von null auf hundert vegan oder lebten mit „Zero Waste“. Bei mir war das nicht so extrem. Ich will eine gewisse Achtsamkeit an den Tag legen. Aber mir ist auch klar, dass ich die Welt nicht durch Konsumentscheidungen retten kann. Denn so lange wir 100 Konzerne haben, die 70 Prozent des weltweiten Kohlendioxids ausstoßen, kann man als Einzelperson nicht viel ändern. Zumal die Politik ständig ihre selbst gesetzten Klimaziele verfehlt. Klar beziehe ich Ökostrom, aber wichtiger ist, dass der Strom für öffentliche Gebäude nachhaltig ist. Klar kann ich auf ein Auto verzichten, aber für bessere Fahrradwege muss die Politik sorgen. Deshalb muss Engagement über die eigenen vier Wände hinausgehen.

          Klimapolitik war für mich lange sehr abstrakt. Ich erinnere mich gut daran, wie 2015 das Pariser Klimaschutzabkommen gefeiert wurde. Davor saßen die Staaten seit 1997 vor dem Kyoto-Protokoll und seinem Nachfolger und kamen kaum weiter. Und dann wurde auf einmal diese Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad beschlossen. Einerseits hat mich das gefreut, andererseits hat es sich weit weg angefühlt. Das hat sich erst geändert, als ich mich im Studium bei „Fossil Free“ engagiert habe. Das ist eine Initiative, die sich dafür einsetzt, dass Städte und Kommunen nicht mehr in Kohle, Öl und Gas investieren. Viele Städte haben Aktien von RWE, beziehen von denen ihren Strom, und gleichzeitig gibt es Förderprogramme für Mülltrennung, Solarpanele, grünen Strom. Das ist doch absurd. In Münster hat „Fossil Free“ erreicht, dass die Stadt seit 2015 nur noch Aktien von Unternehmen hält, die gewissen Anlagekriterien genügen und beispielsweise nicht von Kohle, Öl- und Gas- oder Waffenunternehmen stammen.

          Im Studium wuchs bei mir die Ungläubigkeit darüber, dass alle wissen, wie ernst die Lage ist, dass der Meeresspiegel steigt, Dürre und Überschwemmungen zunehmen, aber niemand handelt. Dann kam einiges zusammen: ein extrem heißer Sommer und die Proteste gegen die Abholzung am Hambacher Forst. 2018 war ich mal dort und habe den Tagebau gesehen. Das war ein entscheidender Moment. Davor fand ich es immer etwas pathetisch, wenn von „Raubbau an der Natur“ und von der „Ausbeutung des Planeten“ gesprochen wurde. Aber als ich das gesehen habe, diesen riesigen Bagger, und wie es mitten im Wald einfach 400 Meter in die Tiefe geht in ein gewaltiges Loch, das einfach gar nicht endet, da konnte ich das plötzlich nachvollziehen, und der Bezug zum Klima war konkret da. Kohlendioxid ist eben nicht nur in der Luft, sondern hat Folgen auf der Erde.

          Mit zehn Leuten im Nieselregen vorm Rathaus

          So entstand dann zu Beginn dieses Jahres die Idee, in Münster einen Ableger von „Fridays for Future“ (FFF) zu gründen. Auf der ersten Demo Anfang Januar stand ich mit zehn Leuten im Nieselregen vorm Rathaus. Die zweite Demo war ähnlich: ziemlich deprimierend. Beim dritten Mal wollten wir es größer aufziehen. In ganz Deutschland sollte zur gleichen Zeit demonstriert werden, eine Woche, bevor die Kohlekommission tagte. Wir dachten, vielleicht sind wir 100 Leute. Und dann kamen 1000. Ich habe eine spontane Rede gehalten, weil ich dachte: Bei so vielen Leuten muss man doch irgendwas sagen. Das war für mich bisher die inspirierendste Erfahrung, auch wenn ich in Berlin schon auf Demos mit 25.000 Leuten war.

          Ich habe mich dann zur Delegierten von FFF wählen lassen. Das heißt, ich habe eine Mittlerrolle zwischen den Ortsgruppen und den Arbeitsgruppen auf Bundesebene. Wir stimmen unsere Forderungen ab, aber auch unser Grafikdesign, alles wird gemeinsam entschieden, und ich vermittle es. Das kostet viel Zeit, man könnte es auch locker in Vollzeit machen. Ich bin zum Glück nicht darauf angewiesen, mein Studium in der Regelstudienzeit zu machen. Am Anfang habe ich noch zusätzliche Kurse belegt, jetzt mache ich eher einen weniger pro Semester. Vieles mache ich auch nachts um eins.

          Eine Fridays-For-Future-Demo in Münster im Mai
          Eine Fridays-For-Future-Demo in Münster im Mai : Bild: dpa

          Was ich nach dem Studium machen will, weiß ich noch nicht. Meine Studienfächer Politik und Wirtschaft sind sehr breit in dem, was man damit werden kann. Vielleicht gehe ich in die Forschung oder zu einer NGO. Mal gucken. Auf jeden Fall habe ich die naive Hoffnung, die Welt mal ein bisschen besser zu machen durch meine Arbeit. Viele fragen, ob ich in die Politik gehen will. Aber das kann ich mir eigentlich immer weniger vorstellen. Die Strukturen sind dort so anders. Alles ist institutionalisiert, die Prozesse sind langwierig, man muss die eigenen Positionen immer mit der Partei abstimmen. Es geht um Verwaltung, um Macht, Händeschütteln, Sonntagsreden. Das sind viele Sachen, die mich stören.

          Ich will vehement sein

          Natürlich gehe ich wählen. Aber ich kann mich mit keiner Partei hundertprozentig identifizieren, auch nicht mit den Grünen. Ich will vehement sein, drastische Veränderungen fordern. Das ist in einer Partei nicht möglich, in der man ein breites Wählerspektrum ansprechen und alle Themen abdecken muss. Für mich fühlt es sich richtiger an, in einer Art außerparlamentarischen Opposition zu sein. Und Einfluss auf das, was im Parlament passiert, haben wir als „Fridays for Future“ ja trotzdem. Immerhin sprechen inzwischen alle Parteien grüne Themen an.

          Für die Zukunft wünsche ich mir, dass die Welt enger zusammenrückt, was die Klimapolitik angeht. Wir sollten uns trauen, die Doktrin des endlosen Wachstums auf einem Planeten mit begrenzten Ressourcen infrage zu stellen. Dann wären politische Maßnahmen möglich, die über Symbolisches wie das Verbot von Strohhalmen und Plastiktüten hinausgehen. Dafür müsste es auch eine Entflechtung von Politik und Wirtschaft geben. Beim Dieselskandal hat man gesehen, wie wenig Konsequenzen das Fehlverhalten von Konzernen aufgrund dieser Verflechtungen hat. Wäre die Politik unabhängiger, käme der Kohleausstieg schneller, und es könnten zum Beispiel strengere Richtwerte für Schadstoffe in Produktionsländern festgelegt werden. Generell müsste die Politik gegenüber der Wirtschaft viel selbstbewusster agieren.

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