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Klima-Aktivistin Reemtsma : „Ich will in einer Art außerparlamentarischen Opposition sein“

Im Studium wuchs bei mir die Ungläubigkeit darüber, dass alle wissen, wie ernst die Lage ist, dass der Meeresspiegel steigt, Dürre und Überschwemmungen zunehmen, aber niemand handelt. Dann kam einiges zusammen: ein extrem heißer Sommer und die Proteste gegen die Abholzung am Hambacher Forst. 2018 war ich mal dort und habe den Tagebau gesehen. Das war ein entscheidender Moment. Davor fand ich es immer etwas pathetisch, wenn von „Raubbau an der Natur“ und von der „Ausbeutung des Planeten“ gesprochen wurde. Aber als ich das gesehen habe, diesen riesigen Bagger, und wie es mitten im Wald einfach 400 Meter in die Tiefe geht in ein gewaltiges Loch, das einfach gar nicht endet, da konnte ich das plötzlich nachvollziehen, und der Bezug zum Klima war konkret da. Kohlendioxid ist eben nicht nur in der Luft, sondern hat Folgen auf der Erde.

Mit zehn Leuten im Nieselregen vorm Rathaus

So entstand dann zu Beginn dieses Jahres die Idee, in Münster einen Ableger von „Fridays for Future“ (FFF) zu gründen. Auf der ersten Demo Anfang Januar stand ich mit zehn Leuten im Nieselregen vorm Rathaus. Die zweite Demo war ähnlich: ziemlich deprimierend. Beim dritten Mal wollten wir es größer aufziehen. In ganz Deutschland sollte zur gleichen Zeit demonstriert werden, eine Woche, bevor die Kohlekommission tagte. Wir dachten, vielleicht sind wir 100 Leute. Und dann kamen 1000. Ich habe eine spontane Rede gehalten, weil ich dachte: Bei so vielen Leuten muss man doch irgendwas sagen. Das war für mich bisher die inspirierendste Erfahrung, auch wenn ich in Berlin schon auf Demos mit 25.000 Leuten war.

Ich habe mich dann zur Delegierten von FFF wählen lassen. Das heißt, ich habe eine Mittlerrolle zwischen den Ortsgruppen und den Arbeitsgruppen auf Bundesebene. Wir stimmen unsere Forderungen ab, aber auch unser Grafikdesign, alles wird gemeinsam entschieden, und ich vermittle es. Das kostet viel Zeit, man könnte es auch locker in Vollzeit machen. Ich bin zum Glück nicht darauf angewiesen, mein Studium in der Regelstudienzeit zu machen. Am Anfang habe ich noch zusätzliche Kurse belegt, jetzt mache ich eher einen weniger pro Semester. Vieles mache ich auch nachts um eins.

Eine Fridays-For-Future-Demo in Münster im Mai
Eine Fridays-For-Future-Demo in Münster im Mai : Bild: dpa

Was ich nach dem Studium machen will, weiß ich noch nicht. Meine Studienfächer Politik und Wirtschaft sind sehr breit in dem, was man damit werden kann. Vielleicht gehe ich in die Forschung oder zu einer NGO. Mal gucken. Auf jeden Fall habe ich die naive Hoffnung, die Welt mal ein bisschen besser zu machen durch meine Arbeit. Viele fragen, ob ich in die Politik gehen will. Aber das kann ich mir eigentlich immer weniger vorstellen. Die Strukturen sind dort so anders. Alles ist institutionalisiert, die Prozesse sind langwierig, man muss die eigenen Positionen immer mit der Partei abstimmen. Es geht um Verwaltung, um Macht, Händeschütteln, Sonntagsreden. Das sind viele Sachen, die mich stören.

Ich will vehement sein

Natürlich gehe ich wählen. Aber ich kann mich mit keiner Partei hundertprozentig identifizieren, auch nicht mit den Grünen. Ich will vehement sein, drastische Veränderungen fordern. Das ist in einer Partei nicht möglich, in der man ein breites Wählerspektrum ansprechen und alle Themen abdecken muss. Für mich fühlt es sich richtiger an, in einer Art außerparlamentarischen Opposition zu sein. Und Einfluss auf das, was im Parlament passiert, haben wir als „Fridays for Future“ ja trotzdem. Immerhin sprechen inzwischen alle Parteien grüne Themen an.

Für die Zukunft wünsche ich mir, dass die Welt enger zusammenrückt, was die Klimapolitik angeht. Wir sollten uns trauen, die Doktrin des endlosen Wachstums auf einem Planeten mit begrenzten Ressourcen infrage zu stellen. Dann wären politische Maßnahmen möglich, die über Symbolisches wie das Verbot von Strohhalmen und Plastiktüten hinausgehen. Dafür müsste es auch eine Entflechtung von Politik und Wirtschaft geben. Beim Dieselskandal hat man gesehen, wie wenig Konsequenzen das Fehlverhalten von Konzernen aufgrund dieser Verflechtungen hat. Wäre die Politik unabhängiger, käme der Kohleausstieg schneller, und es könnten zum Beispiel strengere Richtwerte für Schadstoffe in Produktionsländern festgelegt werden. Generell müsste die Politik gegenüber der Wirtschaft viel selbstbewusster agieren.

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