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Bestseller „Die Hütte“ : Wir wissen gar nicht, wie toll wir sind

Die Heilige Dreifaltigkeit nach Young: In der Verfilmung seines Bestsellers „Die Hütte“ trifft Mack (Zweiter von links) auf den Vater, den Sohn (links) und den Heiligen Geist (rechts). Bild: Imago

Um sich selbst zu helfen, schrieb der Kanadier William Paul Young ein Buch. 23 Millionen Käufer wollten es lesen. Was ist sein Geheimnis?

          6 Min.

          Wenn William Paul Young, 62, Autor, erzählen soll, was seine Bücher bewirken im Leben seiner Leser, dann sagt er: „Ich könnte Tausende Geschichten erzählen, und dafür bin ich sehr dankbar.“ Dann erzählt er eine dieser tausend, und die geht so: Er, Young, sei vor fünf Jahren zu Besuch gewesen bei einem befreundeten protestantischen Pastor, und plötzlich sei ein Freund des Pastors zur Tür hereingeschneit, Tony. Dieser Tony habe ihm erzählt, dass sein Sohn sich vor einigen Jahren habe umbringen wollen, es dann aber doch nicht gemacht habe.

          Katrin Hummel
          (mel.), Leben

          Ein paar Wochen später habe Tony ihn angerufen und zutiefst beeindruckt berichtet, er habe seinem Sohn erzählt, dass er ihn, Young, den Autor des Buches „Die Hütte“, kennengelernt habe, und da sei sein Sohn in Tränen ausgebrochen. Er habe gestammelt: „Papa, ich habe es dir nie erzählt, aber am Tag, als ich mir die Pistole gekauft habe, hat mir jemand ,Die Hütte‘ gegeben. Ich habe es gelesen und mich deswegen nicht umgebracht. ,Die Hütte‘ hat mir das Leben gerettet.“

          Viele Fragen begleiten Young

          Mehr als 23 Millionen Mal hat sich „Die Hütte – ein Wochenende mit Gott“ auf der ganzen Welt verkauft – ein autobiographischer Bestseller und eines der 75 erfolgreichsten Bücher aller Zeiten. Das Thema: Ein Mann, dessen Tochter verschwunden ist, wird von Gott in jene Hütte eingeladen, in der das Mädchen das letzte Mal gesehen wurde, und stellt Gott dort die Fragen, die er schon immer stellen wollte. Nun hat Young ein neues Buch veröffentlicht, es heißt „Lügen, die wir uns über Gott erzählen“ und stellt die Fragen, die er auch schon in „Die Hütte“ gestellt hat: Warum lässt Gott zu, dass Leid geschieht? Wo ist er, wenn wir ihn am meisten brauchen? Welche Rolle spielt er für uns im Alltag?

          Es sind Fragen, die Young deswegen umtreiben, weil sie lange Zeit die beherrschenden in seinem Leben waren. Als er ein Jahr alt war, zogen seine Eltern, die Missionare waren, mit ihm nach Papua-Neuguinea, wo sie den Stamm der Dani zu missionieren suchten. Die Dani lebten in einem Tal, das „Menschenfresser-Tal“ genannt wurde, weil die Dani einstmals im Zuge religiöser Riten auch Menschenfleisch aßen. Young und seine Eltern indes liefen nicht Gefahr, verspeist zu werden, „denn uns hielten sie für Geister, weil sie nie zuvor Weiße gesehen hatten“, erzählt Young, ein gebürtiger Kanadier, der in der Nähe von Portland im amerikanischen Bundesstaat Oregon lebt, in einem Skype-Telefonat.

          Ein kaputter Mensch

          Er selbst habe seine gesamte Kindheit über gedacht, er sei ein Dani, denn die Stammesmitglieder brachten ihm das Jagen bei und lehrten ihn ihr Wissen über Tiere und Pflanzen, während er mit seinen Eltern „über nichts reden“ konnte – auch nicht darüber, dass die Stammesältesten ihn missbrauchten, seit er vier Jahre alt geworden war. Mit sechs kam er ins Internat, „ich wurde herausgerissen aus meiner Kultur und verlor meinen Platz in der Welt, nur eines ging dort weiter: Die älteren missbrauchten die jüngeren Kinder“, erzählt Young. Er selbst, sagt er, sei dabei zugleich Opfer und Täter geworden. Seit er denken konnte, habe er das Gefühl gehabt, ein kaputter Mensch zu sein.

          „Aber wenn du denkst, du seist kaputt, dann benimmst du dich auch so“, sagt Young. In „Lügen, die wir uns über Gott erzählen“ beschreibt er daher Situationen, in denen Gott zunächst als strafender Richter in den Köpfen der Menschen erscheint. Wenn aber die Menschen unerschrocken trotzdem das tun, was ihnen richtig erscheint, stellt sich jedes Mal heraus, dass sie gut daran taten, ihren Instinkten mehr zu vertrauen als den menschengemachten religiösen Dogmen. Die Botschaft, die Young wieder und wieder beschwört, lautet: Gott liebt dich. Gott versteht dich. Gott ist großzügig und verzeihend. Gott ist gut. Gott ist nie von dir enttäuscht. Und jeder, der dir etwas anderes weismachen will, irrt.

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