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Aberglaube : „Plötzlich steht man als Hexe am Pranger“

Christina Pakuma (links, hier mit ihrer Helferin Schwester Lorena) ist in Papua-Neuguinea als Hexe diffamiert worden. Bild: missio/Bettina Flitner

Heute werden weltweit mehr Frauen als Hexen verfolgt als in der frühen Neuzeit in Europa. Wie kann das sein? Auch für ihre Helfer wird es manchmal riskant.

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          Herr Jörg Nowak, Sie arbeiten für das katholische Hilfswerk Missio Aachen und haben gerade einen neuen Bericht zur Hexenverfolgung vorgelegt - gibt es wirklich noch Hexenverfolgung auf der Welt?

          Katrin Hummel
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nowak: Ja, in mindestens 43 Ländern, unter anderem in Ghana, Kongo, Tansania und Papua-Neuguinea. In den letzten Jahrzehnten sind weltweit mehr Menschen als Hexen verfolgt worden als in Europa zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert.

          Was sind die Ursachen dafür?

          Nowak: Menschen suchen allzu oft nach Sündenböcken. Das war bei der Hexenverfolgung in Europa so, und das hat sich nicht geändert. Ein zweiter Punkt ist Habgier. Ich erinnere mich an eine junge Frau in Papua-Neuguinea, die ich im Zuge einer Recherchereise kennengelernt habe. Sie hatte ein Grundstück geerbt, und ihre Brüder waren neidisch. Sie haben sie als Hexe beschuldigt .

          Schwester Lorena, Sie leben in Papua-Neuguinea, was sehen Sie als Ursachen?

          Schwester Lorena: Die Menschen dort sind in den letzten 50 Jahren recht unvermittelt mit dem modernen und digitalen Zeitalter konfrontiert worden. Das sorgt für Verunsicherung. Viele konsumieren Alkohol und Drogen. Und ein patriarchalisches System trifft auf ein System, in dem Frauen was zu sagen haben wollen. Das verkraften manche Männer einfach nicht.

          Die Menschen in Papua-Neuguinea sind in den letzten 50 Jahren recht unvermittelt mit dem modernen und digitalen Zeitalter konfrontiert worden. Das sorgt für Verunsicherung.
          Die Menschen in Papua-Neuguinea sind in den letzten 50 Jahren recht unvermittelt mit dem modernen und digitalen Zeitalter konfrontiert worden. Das sorgt für Verunsicherung. : Bild: picture alliance / Arco Images G

          Wer sind die Täter?

          Schwester Lorena: Unter den Tätern sind viele Drogensüchtige und Alkoholiker, aber auch Leute mit Waffen oder Jugendgruppen, die betrunken sind. Aber nicht nur. Und die Polizei verhindert es nicht, manchmal schaut sie sogar zu. Ich erinnere den Fall einer Jugendgruppe, die sich auf eine bekannte reiche Frau gestürzt hat und deren Geld wollte. Als sie es nicht gegeben hat, haben sie diese Frau als Hexe beschuldigt.

          Man kann ganz schnell zur Hexe werden?

          Schwester Lorena: Von einer Stunde auf die andere. Man kann am vorigen Tag noch ein Festmahl veranstaltet haben und ein akzeptiertes Mitglied der Gesellschaft gewesen sein, und am nächsten Tag wird man plötzlich als Hexe an den Pranger gestellt.

          Welche konkreten Mechanismen müssen wirken, damit jemand als Hexe verfolgt wird?

          Schwester Lorena: Das ist sehr irrational, da kommt man mit unserer westlichen Denkweise nicht weiter. Ein Beispiel: Vor vier Monaten starb in Papua-Neuguinea ein junger Geschäftsmann bei einem Unfall, weil er betrunken am Steuer gesessen hatte. Er war sehr beliebt in seinem Dorf gewesen, weil er der Dorfgemeinschaft viel Geld gespendet hatte. Die Dorfgemeinschaft war bestürzt über seinen Tod und suchte einen Sündenbock – und beschuldigte seine Frau, eine Hexe zu sein.

          Auf Papua-Neuguinea gibt es Regenwald, aber auch Ölvorkommen, das für Reichtum sorgt.
          Auf Papua-Neuguinea gibt es Regenwald, aber auch Ölvorkommen, das für Reichtum sorgt. : Bild: Huw Cordey / Unser Planet

          Unter welchem Vorwand?

          Schwester Lorena: Ohne Vorwand. Das können wir uns schwer vorstellen. Aber ich habe es immer wieder erlebt. Es ist diese Verunsicherung, der Schmerz über das Unerwartete, das man nicht beherrschen kann. Man kann dann nicht logisch denken und wählt das Irrationale. Die Frau wurde gefoltert und nannte die Namen anderer Frauen, und als ich am nächsten Morgen davon erfuhr, sollten sieben Frauen getötet werden.

          Das hört sich wahnsinnig an.

          Schwester Lorena: Der Fall Christina ist auch sehr interessant. Christina – sie ist letztes Jahr an Krebs gestorben – war eine sehr starke Persönlichkeit und angesehen in der Dorfgemeinschaft. Ihr Bruder war Botschafter in der Hauptstadt Port Moresby, sie kümmerte sich um sein Haus, wenn er weg war, reiste manchmal mit ihm nach Singapur. Eines Tages starb ihr Nachbar und Freund an einem Asthmaanfall. Daraufhin wurde Christina als Hexe angeklagt und drei Tage lang gefoltert und eingesperrt – bis sie sich durch Zufall befreien konnte. Weil sie ihm, obwohl sie so reich und welterfahren war, nicht geholfen hatte. Dabei war er gestorben, weil es kein Asthmaspray gegeben hatte.

          Werden auch Männer und Kinder verfolgt?

          Schwester Lorena: Ich habe in den letzten fünf Jahren 193 Menschen gerettet, die als Hexen verfolgt wurden, sie leben in einem von Missio finanzierten Schutzzentrum. Davon sind drei Männer und 190 Frauen.

          Nowak: Und das allein in der Region Mendi im südlichen Hochland von Papua-Neuguinea mit 56 000 Einwohnern.

          Die Einwohner Papua-Neuguineas tragen zu besonderen Anlässen noch traditionelle Kleidung.
          Die Einwohner Papua-Neuguineas tragen zu besonderen Anlässen noch traditionelle Kleidung. : Bild: dpa

          Werden die Täter gefasst?

          Schwester Lorena: Nein. Ich kenne von diesen 193 Fällen nur drei Täter, die ins Gefängnis gekommen sind.

          Ist das nicht auch gefährlich, wenn man sich da einmischt?

          Schwester Lorena: Ich hatte gerade im April erst wieder ein Messer am Hals. Zwei Frauen waren der Hexerei angeklagt, ich wurde gerufen und wollte sie da rausholen, da sagten die Männer, die sie foltern wollten: „Wir haben dich nicht gebeten zu kommen, verschwinde.“ Ich kannte die Männer aber gut und blieb einfach stehen, obwohl ich große Angst hatte. Ich redete mit dem Anführer und sagte zu ihm, dass ich die beiden Frauen mitnehmen wolle. Da hielt er mir das Messer an den Hals. Aber am Ende ließ er die Frauen laufen. Es war ein leichter Fall, weil ich die Leute persönlich kannte.

          Was hilft gegen Hexenwahn?

          Schwester Lorena: Mit Jugendlichen arbeiten und ihnen sagen: Wir haben eine Zukunft, das Leben ist das größte Geschenk. Liebende Beziehungen, Bildung, genug zu Essen.

          Wie kann man die Täter erreichen, haben die eine Schuldeinsicht?

          Schwester Lorena: Ich habe das in seltenen Fällen erlebt, ein Beispiel: Eine Frau war an den Folgen der Folterung gestorben, und ich besuchte ihre Familie. Da war ihr 17-jähriger Sohn, er war sehr unruhig, und nach einigem Hin und Her trafen wir uns einige Tage später unter vier Augen. Da hat er gestanden, dass er seine eigene Mutter gefoltert hatte – weil sein Vater gestorben war und man sie dafür verantwortlich gemacht hatte. Er sagte: „Ich kann mit dieser Schuld nicht mehr leben.“

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