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Eine Auszeit von der Not

Von TOBIAS SCHRÖRS, Fotos MICHAEL BRAUNSCHÄDEL

8. Dezember 2021 · Ein Ehepaar wollte helfen und baute im Flutgebiet eine Kaffeebude auf. Jetzt zieht es an die Ahr. Warum?

Eine Familie aus dem Münsterland verkauft ihr Haus, um in das schwer von der Flut getroffene Ahrweiler zu ziehen. Um diese Entscheidung zu verstehen, hilft es, die Reiseroute eines ganz besonderen Wohnmobils zu kennen. „Das ist unsere Anna“, sagt Tamara Segers über das Fahrzeug. Seit dem Sommer pendeln die 45-Jährige, ihr Mann und der jüngste Sohn Wochenende für Wochenende an die Ahr, um Kaffee auszuschenken und den Leuten zuzuhören. Auf ihrer Lebensreise mit dem Wohnmobil haben Tamara und ihr Mann in Ahrweiler etwas gefunden, das sie nicht wieder hergeben wollen: Sinn.

An einem Samstagmorgen im November nippt ein Mann in Joggingschuhen in der Kaffeebude an seinem Becher. Wandergesellen haben die Bretterhütte irgendwann im Herbst gezimmert: ein Ausgabefenster nach draußen, ein Raum mit Sofa und wenigen kleinen Tischen. Der Mann ist der erste Gast heute. Tamara setzt sich zu ihm, hinter der Theke kocht Reinhard Boll Kaffee. „Ihr habt dat super gemacht“, sagt der Gast und stellt den Becher auf einen der mit Kastanien und Kerzen dekorierten Tische.

Tamara Segers und Reinhard Boll (links) zusammen mit ihrem Sohn Jonathan und Pfarrer Jörg Meyrer auf dem Weg zur Kaffeebude
Tamara Segers und Reinhard Boll (links) zusammen mit ihrem Sohn Jonathan und Pfarrer Jörg Meyrer auf dem Weg zur Kaffeebude

Hier drinnen ist eine andere Stimmung als draußen auf dem nasskalten Marktplatz mit den Häusern, von denen viele seit der Flut verwaist sind. An den Wänden baumeln Sinnsprüche: Folge Deinem Herzen. Zähle die Sterne. Die Kaffeebude hat jeden Tag geöffnet, viele Helfer machen mit. „Wo schlaft ihr eigentlich?“, fragt der Mann mit den Joggingschuhen. „In unserer Anna“, sagt Tamara. Das Wohnmobil parkt gleich nebenan. „Da haben wir auch zuerst Kaffee ausgeschenkt“, erinnert sich Reinhard an die Anfangszeit, als anstelle der Bretterbude das Wohnmobil auf dem Marktplatz stand, ein Klapptisch davor. Sinnierend schaut der Mann in Joggingschuhen vor sich hin. „Das sind so kleine Lichtblicke, die einen wieder aufbauen.“

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