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Denksport : Ein Volk unter Zugzwang

  • -Aktualisiert am

Als seine größte Schwäche gilt, dass er nur fünfzehn Züge im Voraus denkt: Alberto, Ausnahmetalent. Bild: Manuel Stark

In Armenien ist Schach Schulfach und Nationalsport. Woher kommt diese Obsession? Ein Besuch im Klassenzimmer – und eine Partie gegen einen Neunjährigen.

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          Mein größter Fehler war Springer g4. Jedenfalls behauptete der Junge mit den großen Augen, er habe keine Sekunde an seinem Sieg gezweifelt. Alberto machte den Eindruck, als würde er die Stunde, in der wir uns gegenübersaßen, bald vergessen. Die anderen drei Jungs beachteten uns nicht. Der Ausgang der Partie muss ihnen klar gewesen sein. Alberto gab mir die Hand und schaute an mir vorbei.

          Der einzige Sport, den ich jemals mit Ehrgeiz betrieben habe, war Schach. Naturgemäß zeige ich als Deutscher kein großes Talent. Die Deutschen haben im Schach nie viel gerissen, was daran liegen mag, dass wir für dieses Spiel zu pragmatisch sind. Schach ist schließlich die größte Vergeudung von Zeit und Intellekt, die man sich vorstellen kann. Für so etwas haben wir keinen Nerv.

          Die Armenier scheinen mir idealistischer zu sein. Bei ihnen ist Schach Nationalsport und für Kinder Schulfach. Vom 2000-Dram-Geldschein blickt Schachweltmeister Tigran Petrosjan, die Alten spielen Schach im Park. Schach läuft im Fernsehen. Schach wird in Zeitungen kommentiert. Es gibt Schachhäuser, Schachbars, Schacholympiaden.

          Zum ersten Mal vom Schachwahn der Armenier hörte ich, als Levon Aronjan den Schach-Superstar Magnus Carlsen besiegt hatte. In Armenien könne er in kein Taxi steigen, erzählte Aronjan, ohne dass der Fahrer die letzte Partie mit ihm analysieren will.

          Es gibt Schachhäuser, Schachbars, Schacholympiaden: Levon Aronjan, armenischer Schachgroßmeister, 2017 bei einem Turnier in Georgien.

          Ich stellte mir vor, wie sich Armenier im Schatten der Aprikosenbäume dem Spiel der Könige hingeben. Woher diese Obsession eines Volkes für etwas so Feinsinniges?

          Als ich dann erfuhr, dass im Städtchen Tsaghkadzor eine Schach-Konferenz geplant war, die bezweckte, Schach weltweit zum Schulfach zu machen, war das Grund genug, nach Armenien zu reisen.

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          Das Multi-Rest-House Hotel, in dem die Tagung stattfand, gehört dem armenischen Oligarchen Gagik Tsarukjan. Am Eingang standen mehrere große Blumenarrangements aus Plastik, und der Portier in portier-roter Uniform tippte pausenlos auf seinem iPhone herum. Aus mehr als zwanzig Ländern waren Männer angereist in Anzügen, die zu viele Falten warfen, und fast ebenso viele Frauen.

          Man war sich einig: Schachspieler sind die besseren Menschen

          Mit einer Serie aus Balken-, Kurven- und Kreisdiagrammen bestätigten die Referenten einander, dass Schachspieler die besseren Menschen sind, und alle waren sich einig: Kinder, die Schach lernen, werden klüger, empathischer, geistreicher als der unverspielte Rest. Bei Schülern steigere sich die Fähigkeit, Gefühle und Gedanken anderer Menschen zu lesen, um 28 Prozent. Auch die Kreativität entwickele sich deutlich überdurchschnittlich. Der spanische Kommentator Leontxo García ließ sich gar zu der Aussage hinreisen, dass es Präsidenten wie Donald Trump nicht geben würde, wenn mehr Menschen auf der Welt Schach spielten.

          Mir war gleich Smbat Lputjan aufgefallen, der Einzige, dessen Anzug perfekt saß. Lputjan ist Schach-Großmeister und Leiter der Schachakademie – der armenischen Kaderschmiede. Seine aufrechte Körperhaltung war die eines Mannes, der Ideen vom Himmel pflückt. Gleich viermal versuchte ich, ihn in ein Gespräch zu verwickeln. Mit müder Handbewegung wehrte er mich jedes Mal ab. Er habe heute wirklich keine Zeit. Immerhin verabredeten wir uns für ein Treffen in sechs Tagen.

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