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Denksport : Ein Volk unter Zugzwang

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Um vor meiner Partie gegen Alberto noch tiefer in die schachgetriebene Denkweise der Armenier vorzudringen, traf ich die Schriftsteller Edward Militonjan und Albert Nalbandjan. Während Edward fortwährend durch seine prächtige Zahnlücke grinste, strahlte Albert die Aura eines Generals im Ruhestand aus. Im Gebäude des armenischen Autorenverbands erklärten sie mir, worin die Poesie im Schach liege.

„Erst erkennst du nicht, wie es weitergehen soll, also denkst du nach. Das ist Poetik“, sagte Edward.

Albert erwiderte: „Jedes Wort hat eine Ordnung. Beim Schreiben musst du über die Ordnung der Dinge nachdenken, wie beim Schach. Das Magische sind die unendlichen Kombinationen.“

„Eigentlich besteht Schach aus drei Dingen: Wissenschaft, Sport und Kunst. All das stärkt den Charakter der Armenier“, sagte Edward.

„Du lernst, logisch zu denken, und fällst auf deinem Lebensweg die richtigen Entscheidungen“, sagte Albert noch und überreichte mir ein Buch über den armenischen Star Levon Aronjan. Es sei auf Russisch, aber allein wenn ich die darin zitierten Partien nachspiele, könne ich viel über Schach und Armenien lernen.

36.Sg5-h3 e6-e5 37.f4-e5x f6-e5x 38.Td2-f2 d5-d4 39.Sh3-g5 Td7-e7 40.b4-b5 e5-e4 41.Tf2-f4 d4-d3 42.Kh2-g2 Te3-e1 43.Kg2-f2 Te1-c1 44.Sg5-e4x Tc1-c2

„Unsere nächste Generation wird sehr schlau sein“: Smbat Lputjan, Großmeister und Leiter der Akademie (beim Spiel mit dem Autor).

Schließlich saßen Alberto und ich uns gegenüber. Mit uns im Klassenzimmer der Schachakademie drei weitere Schachtalente und der Lehrer. Ich fühlte mich gut vorbereitet. Andererseits trainiert Alberto täglich. Zweimal die Woche in der Schule, dreimal die Woche in der Schachakademie, dreimal die Woche mit einem Privattrainer. Für den Trainer geben die Eltern ein halbes Vermögen aus. Obwohl Albertos Vater Richter ist und die Mutter Ärztin, lebt die Familie am Rand der Hauptstadt Jerewan in einem bescheidenen Häuschen mit zwei Räumen. Ein Kinderzimmer für Alberto und seine Schwester gibt es nicht. Der ganze Stolz der Familie steht in einer Vitrine – Albertos Pokale.

Ich eröffne Englisch. Ziehe den Bauer von c2 auf c4. Alberto macht es mir mit Schwarz nach, und in den 32 Figuren und auf den 64 Feldern begegnen sich unsere Gedanken. Sie sind gegeneinander gerichtet, wir formulieren sie in unterschiedlicher Sprache, und doch kommunizieren wir miteinander. Das ist ja das Schöne am Schach. Zugegeben, keine sonderlich freundliche Sprache, sondern eine des Streits, sehr ich-bezogen.

Alberto schaut selten aufs Brett, hat die Partie im Kopf. Der Lehrer hat mir gerade noch verraten, dass der Junge fünfzehn Züge vorausdenke – und das sei seine Schwäche. Andere Spieler in diesem Alter rechnen eine ganze Partie zu Ende. Alberto gleiche das mit Kreativität, Intuition und einem starken Verständnis für Logik aus.

Das bekomme ich zu spüren. Nur wenn ich von dem Schwarz-Weiß vor mir aufsehe und da dieses Bübchen sitzt, das auf seinem Stuhl zappelt, gähnt, sich immer wieder durchs Haar fährt, plötzlich aufs Klo verschwindet, da wird mir bewusst, dass ich gegen einen Neunjährigen spiele.

Er ist mir überlegen, eindeutig, lange aber glaube ich, mithalten zu können.

Dann spiele ich Springer g4.

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