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Denksport : Ein Volk unter Zugzwang

  • -Aktualisiert am

Was ich in der Schule erlebte, war sehr ungewöhnlich. Noch nie hatte ich so vom Unterricht begeisterte Kinder beobachtet. Sie saßen Schulter an Schulter in einem Klassenzimmer ohne Tageslichtprojektor, Beamer oder Whiteboard. Kein WiFi, keine Laptops, keine grünen Sitzbälle. Dafür der Geruch feuchter Wände und eine Magnettafel mit Schachbrettmuster.

Zuerst lasen die Kinder in ihrem Schulbuch über die Schachlegende Paul Morphy. Dann sollte einer der Schüler eine Partie auf der Magnettafel nachbauen. Die Klasse musste herausfinden, wie Morphy seinen Gegner in zwei Zügen matt gesetzt hatte. Erst herrschte Regungslosigkeit, dann stand die erste Schülerin auf und meldete sich, und kurz darauf stand die ganze Klasse, Hände wedelten, als würden die Kinder nach Fliegen schlagen, doch kein Mucks war zu hören. Die Lehrerin wählte einen der Schüler aus, der seinen Lösungsvorschlag an der Tafel präsentierte. So ging das die ganze Stunde.

Nach dem Unterricht bat ich die Lehrerin, gegen ihre stärkste Schülerin spielen zu dürften. Sie stellte mir die zehnjährige Sofia vor. Sofia war sehr still und wollte sich eigentlich nicht mit mir unterhalten, also führten wir unser Zwiegespräch auf dem Schachbrett.

Sofia hatte keine Chance. Zweimal übersah sie, dass ich ihre Figuren gefesselt hatte. Dann war es vorbei. Ihre Lehrerin kommentierte: „Siehst du, Schach ist ein emotionaler Sport. Du musstest grinsen, weil du einer Zehnjährigen die Dame geschlagen hast.“

Wer jünger ist als elf Jahre, kann kommen und üben - kostenlos: Schachakademie in Jerewan.

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Endlich traf ich Großmeister Smbat Lputjan. Der Mann trug ein geradezu heiliges Lächeln auf seinen Lippen. Er führte mich durch die Hallen der Schachakademie und gab Kindern en passant Schachweisheiten mit auf den Weg: „Schach bedeutet Ruhe und Konzentration.“ „Schach ist Kampf.“ Er flüsterte mir zu: „All diese Kinder lieben es zu denken.“

Ich fragte ihn, was Schach für ein Volk bedeute, das sich ständig im Krieg befunden, einen Genozid und die Sowjetunion erlitten hatte. Er antwortete: „Seit 1994 sage ich, wir müssen dieses Land fördern. Ich war der Einzige, der die Probleme erkannte. Ich sagte, Schach ist ein ehrliches Spiel. Die Kinder lernen, ehrlich zu sein. Sie lernen gewinnen und verlieren. Sie lernen, sich Gedanken zu machen, zu analysieren.“

Der Großmeister willigte ein, mein Sparringspartner zu sein

„Es geht also nicht um das Spiel an sich?“

„Unsere nächste Generation wird sehr schlau sein. Armenien wird ein Land denkender Bürger sein“, sagte er.

Dann präsentierte er eine seiner größten Nachwuchshoffnungen: Alberto. Neun Jahre, schmächtig, unendliche Wimpern. Der Junge könne einmal Weltmeister werden. Ich hatte meinen Gegner gefunden!

Wir verabredeten uns für eine Partie in drei Tagen. Bis dahin wollte ich trainieren. Lputjan erklärte sich dazu bereit, der zweite Sparringspartner auf meiner Reise zu sein. Der Kampf in seinem Büro war schonungslos und dauerte zwei Minuten.

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